Vorwürfe wegen sexueller Belästigung Plácido Domingo verlässt die New Yorker Met

Plácido Domingo hat in seiner langen Karriere über 130 Rollen gesungen, darunter auch den Athanael in Jules Massenets „Thais“ – einen Mönch, der sich in eine Hure verliebt, die zur Heiligen wird, während er von seinen sexuellen Gelüsten nicht loskommt. Foto: EPA/Julio Munoz

Plácido Domingo und die New Yorker Met trennen sich. Die Bayerische Staatsoper hält an dem für Juli 2020 geplanten Auftritt fest

 

"Gern hab ich die Frau’n geküsst, hab nie gefragt, ob es gestattet ist“, singt der Teufelsgeiger Paganini in Franz Lehárs gleichnamiger Operette. „Dachte mir: Nimm sie dir, küss sie nur, dazu sind sie ja hier“. Auch Plácido Domingo hat dieses Lied gesungen. Die deutsche Sprache war zwar nie seine Stärke, aber diesen Text scheint er zu seiner Maxime gemacht zu haben.

Die Frage ist nur: Hat Domingo die Grenzen zwischen Bonvivant und Grapscher überschritten? Wo hört Macho-Gehabe auf und wo beginnt die Belästigung? Reicht es für eine Anklage wegen sexueller Belästigung? Gilt nicht auch für Prominente eine Unschuldsvermutung bis zum rechtskräftigen Urteil? Wie zuverlässig sind Erinnerungen?

Abtreten akzeptiert

In den USA urteilt man derzeit sehr schnell und ohne ordentliches Verfahren. Nur rund 24 Stunden vor seinem geplanten Auftritt bei der Premiere von „Macbeth“ teilte der Sänger am Dienstag überraschend mit, er habe bei der Opernleitung um sofortige Entbindung von seinen Pflichten gebeten. Der 78-Jährige gab zu verstehen, dass er an der Met – wo er seit seinem Debüt vor 51 Jahren 706-mal als Sänger das Publikum begeisterte – nie wieder auftreten werde.

Die Mitteilung des Opernhauses las sich anders: Domingo habe einer Beendigung der Zusammenarbeit „zugestimmt“, hieß es. „Wir sind ihm dankbar, dass er akzeptiert hat, dass er abtreten musste“, erklärte Met-Chef Robert Gelb. Orchester- und Chor-Mitglieder sollen nach Medienberichten Unmut über das Festhalten an dem Weltstar geäußert haben.

In einer Mitteilung bezeichnete sich Domingo als Opfer einer Vorverurteilung. „Ich weise die Anschuldigungen gegen mich entschieden zurück und mache mir Sorgen um ein Klima, in dem Menschen ohne angemessene Untersuchungen verurteilt werden.“
Domingo stellt klar, dass sein Abgang kein Schuldeingeständnis bedeute. Er wolle nur nicht, dass sein Auftritt in der „Macbeth“-Inszenierung „von der harten Arbeit meiner Kollegen auf und hinter der Bühne“ ablenkt. Die jüngste Kostümprobe sehe er als seinen „letzten Auftritt auf der Bühne der Met“ an. Domingo, der seit über einem Jahrzehnt als Bariton auftritt, hätte die Titelpartie der Oper singen sollen.

Geraubte Küsse

Insgesamt rund 20 Frauen beschuldigten bisher Domingo. Bis auf zwei sagten alle anonym aus. Noch ist unklar, ob es auch Vorfälle an den Opernhäusern von Washington und Los Angeles gegeben hat, wo Domingo als Direktor wirkte und er ein Machtgefälle ausgenutzt haben könnte. Einige Opernhäuser und Orchester, darunter die Häuser in Philadelphia, San Francisco und Dallas, strichen nach den ersten Beschuldigungen Auftritte Domingos. Andere – vor allem in Europa – halten jedoch weiter an dem Sänger fest. Bei den Salzburger Festspielen wurde der Sänger kurz nach Bekanntwerden der Vorwürfe demonstrativ gefeiert.

Demnächst soll Domingo in Zürich singen, dann folgen Auftritte in der Hamburger Elbphilharmonie und in der Kölner Lanxess-Arena. Im Juli 2020 soll Domingo bei den Münchner Opernfestspielen als Nabucco in Verdis gleichnamiger Oper im Nationaltheater auftreten. Christoph Koch, der Pressesprecher der Bayerischen Staatsoper, erklärte dazu, sein Haus halte zum gegenwärtigen Zeitpunkt an dem Vertrag fest. Sollten juristische Schritte gegen Domingo eingeleitet werden, entstehe eine neue Situation.

Am 15. Oktober erscheinen unter dem Titel „Komm’ aus dem Staunen nicht heraus“ die Memoiren der Mezzosopranistin Brigitte Fassbaender im Verlag C.H. Beck. In dem vor Bekanntwerden der Vorwürfe verfassten Buch ist nachzulesen, dass Domingo 1978 bei Proben zu Massenets „Werther“ im Nationaltheater bei Küssen übergriffig wurde. Brigitte Fassbaender wehrte sich.

Andere Frauen hatten nicht den Mut. Sie mögen sich nach Jahren immer noch schlecht dabei fühlen. Das ist ihr gutes Recht. Ob Rache aber ein Gefühl ist, das langfristig zur Besserung beiträgt, kann man aus guten Gründen bezweifeln.

 

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