Vorabdruck der Dietl-Memoiren exklusiv in der AZ Tamara Dietl: „Helmuts letzter Film ist dieses Buch“

„Die letzten 15 Jahre habe ich mit ihm gemeinsam verbracht“: Tamara und Helmut Dietl am 26. April 2002, dem Tag ihrer Hochzeit, in Venedig. Ein gutes Jahr später kommt Tochter Serafina zur Welt. Foto: privat

Warum der Münchner Kultregisseur mit seinen Memoiren beginnt und wie er an ihnen arbeitet. Obwohl er sie nicht fertigstellen kann, bittet er kurz vorm Tod seine Frau, sie zu veröffentlichen.

 

Schuld sind die Dämonen. Die kommen vor allem in der Nacht und halten ihm vom Schlafen ab.

Nach dem Flop vom Kinofilm „Zettl“ fällt Helmut Dietl († 70), der ebenso begnadete wie sensible Filmemacher, 2012 in eine schwere Depression und große Schreibblockade. Er beginnt, Antidepressiva zu nehmen. Die helfen, nicht völlig in der eigenen Dunkelheit zu versinken, können ihm die Schreibblockade aber nicht nehmen.

Eines Morgens beim Frühstück, nachdem er wieder mal den Kampf gegen die Dämonen im Morgengrauen verloren hat, sagt er zu seiner Frau Tamara: „Ich werde meine Memoiren schreiben. Was hälst du davon?“ Ohne die Antwort abzuwarten, legt er los. Sehr diszipliniert, wie auch zuvor bei seinen vielen Drehbüchern. Allerdings zum ersten Mal allein, ohne einen Co-Autoren wie Spezl Patrick Süskind (der das Nachwort schreiben wird).

„Hat auch was“, sagt er eines Tages amüsiert zu sich selbst. „Hat wirklich was, gleichzeitig sein eigener Autor und Co-Autor zu sein.“

Er schafft es, die Schreibblockade zu überwinden. Jeden Tag schreibt Dietl mehrere Stunden. Monatelang. Niemand darf seine Aufzeichnungen lesen, nicht mal seine geliebte Frau, die dafür von seiner zunehmend besseren Laune profitiert.

Dietl-Memoiren: "Literatur vom Allerfeinsten"

Die kleinen Kalender der vergangenen 40 Jahre, Notiz-Tagebücher, helfen ihm beim Erinnern. Seiner Frau sagt er zwischendurch triumphierend: „Ich bin schon bei fast 200 Seiten und noch lange nicht das erste Mal verheiratet.“ Im Sommer 2013 fragt er Tamara dann erstmals, ob sie. Lust hätte, etwas aus seinen Memoiren zu hören. Helmut liest. Tamara staunt.

Es sind nicht die Memoiren, die sie erwartet hat. Für Tamara ist es „Literatur – und zwar vom Allerfeinsten.“ Ihr gefällt die „wundervolle Prosa“, diese „brillante Erzählung über seine Kindheit und Jugend im München der Nachkriegszeit“ und vor allem rührt sie seine „poetisch-sinnliche Liebeserklärung an die Frauen“. Ihr wird klar: „Helmuts letzter Film ist dieses Buch.“

Helmut schreibt weiter. Bis zum 8. Oktober 2013, dem Tag, als er seine Krebsdiagnose bekommt. 250 Seiten hat er geschafft. Nach der Strahlentherapie im Frühsommer 2014 setzt er sich wieder ans Werk – aber nur kurz. Im Dezember beginnt Helmuts Lungenkrebs Metastasen in die Wirbelsäule zu streuen. Zwei Monate später gibt das Ehepaar Dietl die Hoffnung auf Heilung auf und ersetzt diese, wie Tamara in ihrem Vorwort schreibt, „durch die Hoffnung auf ein würdevolles Sterben bei uns zu Hause.“ Diese Hoffnung wird erfüllt. Eine Woche vor seinem Tod spricht Helmut nochmal über seine Memoiren und bittet seine Frau, sie nach seinem Tod zu veröffentlichen.

„Für das, was ich nicht mehr geschafft habe, können die Leute ja meine Serien und Filme schauen“, sagt er mit einem Lächeln. „In meinem Werk steckt die ganze Wahrheit über mich. Das bin ja sowieso alles ich.“


Lesen Sie in der Montagsausgabe der Abendzeitung exklusiv den ersten Vorabdruck aus Helmut Dietl: "A bissel was geht immer".

Dietl erinnert sich an München um das Jahr 1950, als er selbst sechs Jahre alt war. Die Ehe seiner Eltern war nicht sonderlich glücklich. Vater Henry Greiner hatte eine beschlagnahmte Villa einer Nazigröße von den amerikanischen Befreiern zur Verfügung gestellt bekommen. Hier verbrachte die Familie die einzige, kurze gemeinsame Zeit – bis zur Scheidung der Eltern.

 

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