Vor genau 20 Jahren Fall Pecher: Bestialischer Mord bis heute ungeklärt

Tatort Blutenburgstraße: Genau hier ist Stefan Pecher (kleines Bild) vor 20 Jahren mit durchschnittener Kehle aufgefunden worden. Foto: Ralph Hub/ho

Der Täter sticht Stefan Pecher ins Herz und schlitzt ihm die Kehle auf. Ein Mord aus Rache – oder das Ende eines Drogendeals?

München - Mit durchschnittener Kehle wurde Stefan Pecher in der Nähe des Rotkreuzplatzes am Steuer seines Sportwagens gefunden. Genau 20 Jahre liegt der Mord an dem Truderinger Bankierssohn zurück. Bis heute ist der mysteriöse Mordfall ungeklärt, der Täter läuft noch immer frei herum.

Der Innenraum des Sportwagens ist voller Blut

Der rote zweisitzige Honda CRX steht in der Nacht auf den 10. Mai 1996 in der Blutenburgstraße vor der Hausnummer 120. „Einem Anwohner war der Sportwagen aufgefallen, weil er die Zufahrt der Tiefgarage blockierte“, sagt ein Polizeisprecher.

Durch die beschlagenen Scheiben sieht der Zeuge undeutlich einen Mann hinterm Steuer. Der Sicherheitsgurt ist angelegt, sein Körper hängt seitwärts gekippt über dem Beifahrersitz. Der Anwohner versucht, den Fahrer anzusprechen, doch der reagiert nicht. Der Zeuge öffnet die Beifahrertür und sieht eine Leiche. Überall klebt Blut – auf einem Faltplan, einer Zeitschrift und auch auf den schwarzen Ledersitzen.

Die Tatwaffe, ein blutverschmiertes Küchenmesser mit einer etwa 15 Zentimeter langen Klinge, liegt unterhalb des Beifahrersitzes. Der Griff ist sorgfältig abgewischt.

Stefan Pecher muss sich gegen den Angreifer verzweifelt gewehrt haben. Darauf deuten die Schnitte an seinen Armen hin. Der Täter hat etwa 20 Mal auf sein Opfer eingestochen. Einer traf mitten ins Herz. Zudem hat ihm der Angreifer die Kehle durchgeschnitten, das ergibt später die Obduktion in der Gerichtsmedizin. Fachleute sprechen bei so einem Tatverlauf von Übertöten: Ein Hinweis, dass Wut und Hass eine große Rolle gespielt haben.

Was zunächst niemand ahnt: Stefan Pecher hat ein geheimes Doppelleben geführt. Nach außen ist er der Sohn aus wohlhabendem Hause. Der Vater ist Bankier. Die Familie lebt damals in einem Haus in Trudering.

Stefan Pecher absolviert die Realschule. Die Mittlerer Reife schafft er nicht. Auch die Ausbildung zum Hotelkaufmann bei „Mövenpick“ setzt er in den Sand. Er wird beim Klauen erwischt. Später jobbt er im Nobel-Hotel „Vier Jahreszeiten“.

Der Bankierssohn redet ständig von schnell verdientem Geld. Freunde beschreiben ihn als „großspurigen Angeber“ und „Dampfplauderer“.

Die dubiosen Drogen- und Geldgeschäfte des Bankierssohns

Stefan Pecher hat hochfliegende Pläne. Mal sind es Immobiliengeschäfte in Costa Rica, mal will er ein Vermögen mit Luxusuhren aus Osteuropa verdienen, mal in München ein Restaurant eröffnen. Seine Handelsfirma dümpelt allerdings ziemlich erfolglos vor sich hin. Vor Freunden prahlt er damit, dass er monatlich 10 000 Mark verdiene.

Tatsächlich müssen ihn seine Eltern finanziell unterstützen. Sie geben ihm Geld und lassen ihn kostenlos bei sich wohnen. Im krassen Gegensatz dazu steht der Lebensstil des 22-Jährigen. Teure Markenklamotten, Goldschmuck und immer wieder wilde Partys in Nobeldiscos. Er schwärmt für Porsche und schnelle Motorräder.

Doch der Luxus muss finanziert werden. Freunde berichten, Stefan sei auf der Suche nach einem reichen Gönner gewesen, ob Frau oder Mann habe weniger eine Rolle gespielt. Homosexuell sei er aber nicht gewesen, sagen Bekannte.

Um an Geld zu kommen, soll der Bankierssohn laut Polizei drei Raubüberfälle verübt haben, darunter vermutlich zwei auf Supermärkte. Zudem dealt er in größerem Umfang mit Drogen – meist Ecstasy-Pillen und Kokain, das er auch gelegentlich selbst schnupft.

Die Kripo findet ein Waffenarsenal

Der 22-Jährige hat zudem offenbar ein weiteres, gefährliches Geschäftsfeld: Er handelt mit Waffen. Die Kripo findet eine Maschinenpistole, eine Ceská Zbrojovka, Modell 26, aus Tschechien, dazu eine Pistole vom Typ Beretta, sowie Munition für beide Waffen. Das Arsenal des 22-Jährigen umfasst zudem eine scharfe Handgranate und zwei Handgranaten-Attrappen. Die Waffen gehören laut Polizei Stefan Pecher.

Sichergestellt werden auch zwei schwarze Overalls, zwei Sturmhauben und zwei schusssichere Westen. Alles hat der 22-Jährige damals in einer Tasche in der Wohnung eines Freundes deponiert.

Er erzählt, dass er sich bedroht fühle, dass er „Ärger am Hals habe“. Er will eine Pistole mit Schalldämpfer kaufen. Er legt sich einen Elektroschocker zu, im Kofferraum seines Sportwagens liegt ein Baseballschläger griffbereit. Er hat Angst. Unklar ist, vor wem. Kurz vor seinem Tod kommt Stefan Pecher an einen Haufen Geld. Freunde berichten, er habe Summen bis zu 40 000 Mark herumgetragen. Woher das Geld stammt, weiß niemand.

Lesen Sie hier: Mord an Millionärin Elvira S.: War es der eigene Bruder?

Am 9. Mai, dem Todestag, ist er abends zu einem Geschäftsessen verabredet. Um Eindruck zu schinden, leiht er sich von seinem Vater eine Cartier-Uhr. Zusätzlich steckt er 600 Mark ein. Doch der 22-Jährige versetzt seine Verabredung.

Mord verjährt nicht

Tatsächlich ist für den Abend vermutlich ein Drogendeal geplant. Er soll in der Nähe des Rotkreuzplatzes über die Bühne gehen, glauben Ermittler. Mehrere Zeugen melden sich bei der Polizei, denen in der Tatnacht zu unterschiedlichen Zeiten in der Blutenburgstraße der rote Honda aufgefallen war.

Die Familie des 22-Jährigen wird von den Mordermittlern befragt, ebenso Freunde und Kollegen. Doch die Spuren und über 200 Hinweise bringen keinen Durchbruch. Einige sind bis heute ungeklärt. Auch das Handy des Opfers ist weg. Möglicherweise enthält es Namen, die zum Mörder führen.

„Es gibt keine neuen Hinweise“, sagt Kriminaloberrat Markus Kraus, Chef der Mordkommission. Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln weiter. „Mord verjährt nicht, deshalb wird der Fall nicht zu den Akten gelegt“, sagt Markus Kraus.

Sieben Ordner umfasst inzwischen die Mordakte Pecher. Routinemäßig werden Spuren und sichergestellte DNA immer wieder geprüft und mit Hilfe neuer Verfahren analysiert. Im Dezember geschieht das voraussichtlich erneut. Für Hinweise, die zur Festnahme des Täters führen, gibt es 2500 Euro Belohnung.

 

5 Kommentare