Heute vor fünf Jahren wurde der Ingenieur Domenico Lorusso (†31) auf dem Radweg an der Isar ermordet. Der Mörder bespuckte erst dessen Verlobte. Als Lorusso den Fremden zur Rede stellen wollte, stach der Mann zu. Eine Spurensuche.

Das rätselhafteste Verbrechen in der Geschichte Münchens jährt sich heute zum fünften Mal. Der bis heute ungeklärte Mord an dem Luft- und Raumfahrtingenieur Domenico Lorusso († 31) beschäftigte tausende Münchner – auch ganz persönlich. Bei der Suche nach dem Täter überprüfte die Polizei zahlenmäßig gesehen eine ganze Kleinstadt, insgesamt mehr als 20.000 Männer: Anwohner im Alter von 16 bis 65 Jahren, 5.800 Handynutzer, die in der Nähe eingeloggt waren, Kneipenbesucher, Obdachlose, Vorbestrafte, psychisch Auffällige, Konzertbesucher.

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Die AZ sprach mit dem Vize-Chef der Mordkommission, Erster Kriminalhauptkommissar Herbert Linder (60), der von Anfang an mit dem Fall befasst war. Er leitete die Ermittlungsgruppe "Cornelius". Am 30. April wurde sie aufgelöst.

AZ: Herr Linder, warum ist der Mörder bis heute nicht gefasst?
HERBERT LINDER:
Es ist sehr schwierig, wenn es keinerlei Vorbeziehung gab zwischen Täter und Opfer. Das ist wie das Gießkannenprinzip, die Personengruppe ist kaum eingrenzbar. Dazu kommt, dass die Täter-DNA nirgends erfasst ist. Es ist unbegreiflich, dass so ein Täter so unscheinbar lebt, dass er weder vorher noch nachher erkennungsdienstlich behandelt wurde und nie seine DNA abgeben musste.

Was könnte eine Erklärung sein?
Möglicherweise musste er nach einer anderen Tat seine DNA nicht abgeben. Hat er zum Beispiel "nur" eine gefährliche Körperverletzung begangen, muss er nicht überall zwingend eine Speichelprobe abgeben.

Erlaubt Ihnen das neue Polizeiaufgabengesetz, anhand der DNA bestimmen zu lassen, ob der Täter zum Beispiel Europäer ist und welche Augen- und Haarfarbe er hat?
Es wäre im Rahmen der Gefahrenabwehr theoretisch möglich, da dieser Mann wieder töten kann. Aber nach der Strafprozessordnung, die hier maßgeblich ist, ist das nicht erlaubt. Die nächste Frage ist, ob das Material, das wir haben, ausreicht. Wir wollten eine Isotopenanalyse machen, um mehr über die Herkunft des Täters zu erfahren. Es hat nicht gereicht.

Haben Sie noch eine andere Vermutung, warum er in keiner Datei ist?
Vielleicht ist er tatsächlich noch nie aufgefallen. Vielleicht hatte er vor der Tat massiven Ärger und die Begegnung mit Domenico Lorusso hat dann das Fass zum Überlaufen gebracht. Möglicherweise hat er Drogen konsumiert. Die neuen synthetisch hergestellten Drogen wie Kräutermischungen oder Crystal Meth können extreme Aggressionsschübe auslösen, an die sich die Leute hinterher nicht erinnern.

Was macht die Polizei so sicher, dass Domenico Lorusso ein Zufallsopfer war?
Es gibt keinerlei Hinweis auf persönliche Feinde. Domenico Lorusso war sehr beliebt, sportlich und religiös. Er hatte sich in einem Entwicklungshilfeprojekt in Afrika engagiert und seine Karriere vorangetrieben. Seine Freundin und er kannten sich schon lange, die Beziehung scheint sehr harmonisch gewesen zu sein.

Das Opfer stammt aus Süditalien, dort ist die Mafia sehr aktiv. Wurde auch in diese Richtung ermittelt?
Es gab keinerlei Hinweise in diese Richtung. Außerdem wäre das eine sehr untypische Begehungsweise für die Mafia.

Wie intensiv wurde das persönliche Umfeld überprüft?
Seit dem NSU wird uns vorgeworfen, dass wir immer zuerst im Umfeld des Opfers ermitteln. Doch Tötungsdelikte sind größtenteils Beziehungstaten. Aber wir sind uns sicher, dass es der Täter nicht gezielt auf Domenico Lorusso abgesehen hatte. Es konnte wirklich keiner wissen, dass er zu dieser Zeit auf diesem Radweg unterwegs war. Das hätte einen immensen Planungsaufwand bedeutet.

Die Verlobte hat den Täter ganz kurz gesehen. Wie hat sie ihn beschrieben?
Als einen Mann um die 30, der eine längere Jacke trug und eine Umhängetasche. Für sie sah er aus wie einer, der von der Arbeit kommt. Ein anderer Zeuge, der ihn später gesehen haben will, beschrieb einen Clochard, etwa 50 bis 60 Jahre alt mit einem bodenlangen, schwarzen Mantel. Aber mit Zeugenaussagen ist es schwierig. Wenn Sie fünf Zeugen haben, bekommen Sie fünf verschiedene Aussagen. Und am Tatort war es stockdunkel. Inzwischen ist die Beleuchtung besser.

Wurde die Zeugin in Hypnose versetzt, um mehr über den Täter zu erfahren?
Nein.

Warum nicht? Im Kunstpark Ost wurde vor Jahren ein Mann fast totgeprügelt, der Täter flüchtete. Eine Zeugin erinnerte sich unter Hypnose an Teile des Autokennzeichens. Der Täter wurde gefasst.
Ja, das waren die Kollegen aus Fürstenfeldbruck. Auch im Fall Mannichl hat man die forensische Hypnose als erinnerungsunterstützendes Verfahren angewendet. Aber die Staatsanwaltschaft sieht das sehr kritisch. Vor Gericht sind solche Aussagen nicht verwertbar. Wir haben uns nichts davon versprochen.

Was wissen Sie über den Täter?
Er war körperlich relativ fit. Er war wendig und agil. Und er war vermutlich geübt im Umgang mit Messern. Ein behäbiger, älterer Mann wäre zu so einer Tat nicht fähig gewesen. Der Mörder hat viel Kraft aufgewendet. Ob er geplant hat, jemanden zu töten, kann ich nicht sagen.

Ist denkbar, dass sich der Täter durch irgendetwas provoziert fühlte? Sind die beiden nebeneinander oder auf dem Gehweg gefahren? Waren sie auffällig gekleidet?
Nein. Da gab es nichts. Sie sind hintereinander geradelt, er fuhr zügig voran. Beide hatten Licht am Fahrrad und sind korrekt auf dem Radweg gefahren. Der spätere Täter kam ihnen auf dem Gehweg entgegen. Weder er noch sie waren besonders auffällig. Wir haben uns auch gefragt, ob die Tat gegen Ausländer motiviert gewesen sein könnte. Aber die beiden waren nicht als Südländer erkennbar.

Der Bruder hat der Polizei vorgeworfen, dass sie am Anfang zu wenig getan hat. Lief die Fahndung zu spät an?
Zunächst sah es nach einem Fahrradunfall aus. Es gab eine kurze Verzögerung, bis klar war, dass es eine Gewalttat war. Aber wir hätten nicht die ganze Stadt absperren können. Wie hätten wir das tun sollen?

Warum wurde die Ermittlungsgruppe jetzt aufgelöst?
Wir haben alles, was möglich und sinnvoll ist, gemacht. Nach dem jetzigen Stand der Technik und Rechtslage ist der Fall ausermittelt. Aber die Suche geht trotzdem weiter. Immer wenn irgendwo in Deutschland eine neue DNA eingestellt wird, läuft die DNA von dem Mörder automatisch drüber. Eine zentrale europäische Datenbank gibt es nicht. Aber wir fragen sowohl im europäischen Ausland als auch in Übersee alle paar Monate nach. Und wir gehen jedem neuen Hinweis nach. Nach wie vor ist eine Belohnung von 10.000 Euro ausgelobt für Hinweise, die zur Ergreifung des Täters führen.