Vor Ausspekuliert-Demo gegen Preis-Wahnsinn Mieter-Stammtisch: Wie die Münchner sich organisieren

Münchner drohen durch die immer weiter steigenden Mieten unter die Räder zu kommen. Am Mieter-Stammtisch kommen sie zusammen. Foto: Daniel von Loeper

Der Preis-Wahnsinn bei den Mieten in München geht weiter. Eine Demonstration ist geplant. Viele Mieter in der Stadt haben Angst, überlegen wegzuziehen – und wehren sich. In der AZ erzählen fünf Münchner ihre Geschichte.

München - Das Lied zur Demo, das gibt es schon. "Egal was kommt, wir bleiben hier", heißt es in dem Rap-Stück, und weiter: "München, lass dich nicht kaufen und luxussanieren." Auch das Motto steht: "Ausspekuliert" soll die Veranstaltung heißen, die die Initiatoren des Mieter-Stammtischs für Samstag, 15. September, planen (AZ berichtete).

Bei anderem brauchen die Organisatoren noch Unterstützung – und so sollte der Mieter-Stammtisch auch dazu dienen, die Planung der Demo voranzubringen, damit möglichst viele Münchner im September gegen Spekulanten und die Preisspirale auf die Straße gehen.

Ausspekuliert-Kundgebung in München: Musikanten gesucht

Derzeit versuchen die Veranstalter noch, Musiker für die Kundgebung zu gewinnen, denn, so Mitorganisator Janek Schmidt: "Das Ganze soll keine Trauerveranstaltung werden." Zugesagt haben schon Ecco Meineke und Ex-Blumentopf-Rapper Roger Manglus.

Zum Mieter-Stammtisch war auch Thomas Lechner gekommen. Lechner hat die Ausgehetzt-Demo organisiert, die vor zwei Wochen rund 40 000 Menschen auf die Straße brachte, und weiß, wie aus einer kleinen Demo ein Massenereignis werden kann. Unter anderem hatten die Ausgehetzt-Organisatoren ihr Demo-Konzept auch in einem Marketing-Workshop bearbeiten lassen. "Man denkt bei Marketing immer an das Verkaufen von Produkten, aber diese Menschen haben auch darüber hinaus sehr viel Ahnung davon, wie man Menschen anspricht", so Lechner.

Mieter-Stammtisch: Münchner vernetzt euch

Viel zum Erfolg von "Ausgehetzt" beigetragen hat aus Sicht der Veranstalter auch die Tatsache, dass die Demo von Anfang an überparteilich ausgelegt war. "Sucht Unterstützung von allen Seiten. Gemeinsam seid ihr stark", so Lechner. Er versprach auch, sein Netzwerk für die Mieter-Demo zu aktivieren.

Doch natürlich diente der Mieter-Stammtisch auch wieder dazu, die gebeutelten Mieter der Stadt zu vernetzen. In der AZ erzählen fünf von ihnen, welche Sorgen sie haben und wie viel München derzeit doch noch verkauft und luxussaniert wird.


"Als Alleinerziehende ist man unattraktiv"

Bea D. (47) ist Psychoanalytikerin und wohnt in der Watzmannstraße: "Unser Haus hat ein paar Mal den Besitzer gewechselt und die jetzigen Eigentümer haben mir und zwei weiteren Parteien wegen Eigenbedarfs gekündigt.

Ich bin alleinerziehend, genauso wie ein gekündigter Vater. Auch eine Familie mit zwei Kindern darf nicht mehr in ihrer Wohnung bleiben. Wir alle könnten uns die in München inzwischen üblichen Mieten nicht leisten. In einer vergleichbaren Wohnung rechne ich mit 400 Euro mehr Miete, die auf uns zukämen. Und als Alleinerziehende ist man für Vermieter ohnehin unattraktiv. Auch deshalb denke ich über einen Anwalt nach.

Für die Kinder ist das alles besonders schlimm. Sie alle wohnen seit ihrer Geburt in dem Haus und sind wie Geschwister miteinander aufgewachsen. Mein siebenjähriger Sohn hat letztens schon gefragt, ob sein Freund mit uns umzieht."

"So geht das nicht"


Yasumi Klönne kämpft mit einer Mietergemeinschaft für ihr Zuhause.

Yasumi Klönne (34) ist Grafikerin und wohnt in der Oberländerstraße: "Als unser Haus vor zwei Jahren von einer Investorengemeinschaft aufgekauft wurde, haben alle Parteien im Haus gleich eine Mietergemeinschaft gegründet. So konnten wir von Anfang an mit einer Stimme sprechen und haben immer nur als geschlossene Gemeinschaft mit dem Investor kommuniziert.

Schon bald kamen dann aber trotzdem die ersten Bauanträge für neue Aufzüge und Balkone. Davon erfahren haben wir nur durch Zufall. Da befürchtet man natürlich, dass die Mieten jetzt bald alle teurer werden sollen.

Zu Anfang hatten wir noch versucht, Dinge mit dem Investor einvernehmlich zu besprechen, doch als dann trotzdem die Anträge kamen, wurde uns klar, das geht so nicht, wir müssen eine andere Strategie fahren. Wir haben uns dann an diverse städtische Stellen und an verschiedene Ämter gewandt, und unter anderem auch die Denkmalschutzbehörde kontaktiert. Auch an die Presse sind wir herangetreten, um so Aufmerksamkeit für unsere Sachen zu bekommen. Im Moment sind wir erfolgreich mit unserer Strategie: Die Bauanträge der Investorengemeinschaft wurden bisher alle abgelehnt.

Uns hat es sehr geholfen, dass wir von Anfang an dem Investor gegenüber nur als Gemeinschaft aufgetreten sind. Das können wir allen anderen, die in einer ähnlichen Situation sind, nur empfehlen. Man muss sich organisieren."

Angst vor der Erhöhung


Peter Schraufstetter traut dem neuen Hausbesitzer nicht.

Peter Schraufstetter (57) ist selbstständig und wohnt in der Kaiserstraße in Schwabing: "Seit Mai wissen wir, dass unser Haus an eine Vermögensverwaltung verkauft wurde. Seitdem werden wir gegängelt. Die Hofnutzung wird eingeschränkt, und man versucht, Besichtigungstermine zu erzwingen.

Bei uns im Haus ist das Mietgefälle recht groß. Einige Parteien wohnen seit über 30 Jahren dort und haben günstige Altverträge. Das könnte sich nun bald ändern. Der Eigentümer sagt zwar, wir sollen uns keine Sorgen machen, aber ich glaube das nicht. Vor allem, da er zwei Häuser weiter vor einiger Zeit bereits ein anderes Haus gekauft hat. Da sind inzwischen keine Altmieter mehr drin. Stattdessen werden die Wohnungen jetzt für 2400 Euro kalt vermietet. Auch gibt es bei uns schon erste Bauanträge, zum Beispiel für einen Dachgeschossausbau. Ich hoffe nun, dass wir noch irgendwie in die Erhaltungssatzung kommen."

"Ohne Genossenschaft wäre München zu teuer"


Petra Kozojed versucht, ihre Genossenschaftswohnung zu erhalten.

Petra Kozojed (49) ist Friseurin und wohnt in der Schlörstraße: "Meine Genossenschaftswohnung ist gefährdet, da die Erbpacht bald ausläuft. Die Genossenschaft könnte den Grund theoretisch vom Bundeseisenbahnvermögen kaufen, aber der Preis ist für die Genossenschaft unbezahlbar. Alleine in meinem und dem benachbarten Block betrifft das 503 Wohnungen, aber das Problem gibt es in ganz Deutschland.

Deswegen habe ich die bundesweite Petition ,Baugenossenschaft erhalten’ zum Erhalt der betroffenen Genossenschaftswohnungen gestartet. Ich hoffe, dass mit Unterstützung der Öffentlichkeit die Bundesregierung eingreift. Derzeit zahle ich 880 Euro Miete für 52 Quadratmeter. Ohne Genossenschaft könnte ich mir München nicht leisten."

Eigenbedarfskündigung? Alternative Wohnmobil


Daniela Micklich ist alleinerziehend mit zwei Kindern und hat einen Hund.

Daniela Micklich (42) ist Kostümmalerin bei der Staatsoper und wohnt in einem Einfamilienhaus in der Bad-Kissingen-Straße: "Mein Haus, in dem ich seit sieben Jahren lebe, hat durch Vererbung den Besitzer gewechselt. Bisher hatte ich das Glück, dass ich hier recht günstig wohnen konnte, doch nun wurde mir wegen Eigenbedarfs gekündigt. Ob der Grund wirklich stimmt, weiß ich nicht. Dem Eigentümer gehören bereits zwei weitere Häuser in der Nachbarschaft. Eines ist bereits luxussaniert, am nächsten ist er dran und danach kommt dann vielleicht unser Haus. Etwas Neues in München zu finden, ist schwierig, vor allem, weil ich nicht mehr als 800 Euro monatlich zahlen kann. Dazu kommt: Ich bin alleinerziehend mit zwei Kindern und Hund. Ende Oktober müssen wir raus aus unserem Haus, derzeit versuche ich aber, mit einem Anwalt eine Fristverlängerung zu erwirken.

Zwei Jahre wären mir schon genug. Dann sind die Kinder mit der Schule fertig und ich würde auch alleine irgendwo aufs Land ziehen. Klappt das nicht, überlege ich, ganz in unser Wohnmobil zu ziehen. Aber dafür einen Stellplatz in der Stadt zu finden, ist ebenfalls alles andere als einfach."

 

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