Vor 75 Jahren Wie Miron Bialoszewski den Warschauer Aufstand erlebte

Der Autor Miron Bialoszewski überlebte als Zivilist den Warschauer Aufstand. Foto: Archiv

Die von Esther Kinsky neu übersetzten „Erinnerungen aus dem Warschauer Aufstand“ von Miron Bialoszewski

 

Vor knapp 75 Jahren, am 1. Oktober 1944, kapitulierte die Polnische Heimatarmee im Zentrum von Warschau. Der Versuch, die deutschen Besatzer aus der Hauptstadt zu vertreiben, war gescheitert. Die überlebenden Zivilisten wurden zur Zwangsarbeit nach Deutschland deportiert. Bis zur Eroberung der Stadt durch die Rote Armee zerstörten die Deutschen dann noch systematisch die verbliebenen Bauten der Stadt, die danach unbewohnbar war. Der Warschauer Aufstand steht außerhalb Polens im Schatten des Ghetto-Aufstands von 1944. Während der Kommunistischen Ära war das Gedenken wegen der zwielichtigen Rolle der Roten Armee schwierig. Sie hatte bereits das Ufer der Weichsel gegenüber der Altstadt Warschaus erreicht. Die Sowjetunion distanzierte sich vom „unüberlegten Abenteuer“. Womöglich lag es in Stalins zynischem Kalkül, die Heimatarmee von den Deutschen liquidieren zu lassen, weil sie seinem Plan einer Sowjetisierung Polens im Weg stand.

Die „Erinnerungen aus dem Warschauer Aufstand“ von Miron Bialoszewski gelten in Polen als wichtiges Zeugnis dieser Ereignisse. Der Autor, ein damals 22-Jähriger, will für seine Mutter Brot holen und wird in den Strudel der Ereignisse hineingerissen. Bialozewski schildert keinen heroischen Widerstand, sondern das Überleben eines Zivilisten angesichts der schmerzhaften Agonie einer Stadt. Die deutsche Artillerie lässt die Häuser stockwerksweise zerbröseln. Dann werden auch noch die Trümmer zerschossen, bis nur noch die Keller übrigbleiben.

Durch die Kanalisation

Erträglich ist die Lektüre bisweilen nur, weil der Leser weiß, dass der Autor überlebt hat. Bialoszewski verschweigt weder herumfliegende Leichenteile, Schuhe mit abgerissenem Fuß, Gottesdienste ohne Messwein und Hostien. Aber es gelingt ihm auch, die Zerstörung in eine angemessen hektische Sprache zu übersetzen. Der Leser wird, wie es im Klappentext unüberbietbar zutreffend heißt, „mit einer literarischen Handkamera“ ins Geschehen gezogen, das „in verwackelten, abgerissenen Sätzen, den stockenden Atem, die fliehenden Schritte aufnehmend“ geschildert wird. „Vollkommen zerschmettert. Ja, zerschmettert. Trocken. Knasternd. Zu Brettern, Lättchen, Mauerbrocken, Ziegeln zerschmettert. Reste. Zerklüftet. Stehend. Hängend. Das Haus ergoss sich auf die Straßen“, schreibt Bialoszewski über einen Bombenangriff.

Sicherheit bieten nur Gebäude, deren mit Stahl armierte Gewölbedecken nach dem Patent eines gewissen Johann Franz Kleine errichtet wurden, den Bialoszewski immer wieder lobt. Als die Lage in einer der Vorstädte unhaltbar wird, flieht er, einen Verwundeten auf dem Rücken tragend, durch die Kanalisation in die Altstadt, wo es noch längere Zeit fließendes Wasser gibt und man sich waschen kann. Ein Frisiersalon wirkt in der Altstadt wie ein letzter Vorposten der Zivilisation, ein Pianist spielt in einem Café Chopins „Revolutionsetüde“ und lässt sich auch durch einschlagende Geschosse und umfallendes Geschirr nicht stören. Der Autor veranstaltet eine Dichterlesung, die bald von „Dünnschiss und Reihern. Im großen Stil“ beendet wird.

Kein Groll auf die Deutschen

Kurz vor dem Fall der Altstadt vertreiben russische Flugzeuge die deutschen Bomber. Einmal werfen die Allierten Waffen und Nahrungsmittel ab. Aber der Kampf wird immer aussichtsloser. Es kommt zu Verhandlungen mit der Wehrmacht. Bialoszwski wird im Güterwagen nach Schlesien deportiert. Im Februar 1945 kehrte er nach Warschau zurück und arbeitet anfangs als Reporter. 1955 gründete er in seiner Wohnung das „Teatr Osobny“, das Sartre, Grotowski, Mrozek, Rózewicz und Kantor zu seinen Gästen zählte.

Die „Erinnerungen aus dem Warschauer Aufstand“ erschienen 1970 in zensierter Form. Esther Kinsky, die das Buch bereits vor 30 Jahren ins Deutsche übertrug, hat es ein zweites Mal übersetzt und dem gesprochenen Deutsch angenähert. Eine Karte auf dem hinteren Vorsatz hilft bei der Orientierung angesichts der vielen Straßennamen des Buchs. Das Erstaunlichste an Bialoszwskis „Erinnerungen“ ist der fehlende Groll auf den Gegner. „Die Deutschen machten den Eindruck, dass sie klar sahen, planvoll waren, nicht den Verstand verloren. Bis zuletzt. Imponierend. Diese Tradition. Die es gegeben hatte. Aber unter Hitler umso schlimmer, dass sie da war“, heißt es einmal.

Als Antwort auf diese Noblesse wäre es angebracht, in Deutschland die Erinnerung an den Warschauer Aufstand nicht nur auf gelegentliche Kranzniederlegungen zu beschränken und wenigstens dieses sperrige Buch zur Kenntnis zu nehmen.

Miron Bialoszewski: „Erinnerungen aus dem Warschauer Aufstand“ (Suhrkamp, 345 Seiten, 26 Euro)

 

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