Vor 500 Jahren starb Raffael Ein Mann für das Pantheon

Raffael "Sixtinische Madonna" in Dresden. Foto: Robert Michael/dpa-Zentralbild/dpa/dpa

Vor 500 Jahren, am 6. April, starb der „göttliche“ Raffael mit nur 37 Jahren in Rom. Sofort nach dem Tod beginnt die mythische Überhöhung des Malers

 

Ein heftiges Fieber reißt den Superstar der römischen Kunstszene mitten aus der Arbeit. Allerlei Gerüchte begleiten die Nachricht vom siechen Raffael, der in seinem Haus an der Piazza Scossacavalli mit dem Tod ringt. Und schon wenige Tage später, am 6. April 1520, stirbt „Il divino“, der Göttliche, mit nur 37 Jahren. Es ist Karfreitag, und wer es mit der Pietät nicht so genau nimmt, könnte vom perfekten Timing sprechen. Auch auf dem letzten Porträt aus dem Louvre, das Raffael neben einem Freund zeigt, geht er mit seinen langen braunen Haaren und dem Bart problemlos als Jesus durch.

Für die Kunst hat sich dieser rastlos schöpfende Mann geopfert und irgendwie auch für seine unzähligen Anhänger, zu denen immerhin zwei Päpste gehören. Gleich am Tag nach dem Tod beginnt die mythische Überhöhung: Raffael wird auf eigenen Wunsch im Pantheon bestattet, das hat vor ihm noch kein Künstler zu beanspruchen gewagt. Aber der 1483 geborene Raffaello Sanzio da Urbino war in vielem der Erste und sowieso ein Erfinder: vom Papstbildnis – noch auf den Gemälden Francis Bacons sitzt der Pontifex auf einem Stuhl – bis hin zur Pornographie, die er mindestens angestoßen hat.

Maßlose Liebesfreuden

Das passt natürlich nicht zum Image eines vielbeschäftigten Künstlers vornehmlich der Kirche. Raffaels erotische Malereien für das Badezimmer von Kardinal Bibiena wurden deshalb genauso gerne unter den Teppich gekehrt wie die Tatsache, dass sein Mitarbeiter Giulio Romano und der Kupferstecher Marcantonio Raimondi 1524 mit einer Art Stellungskatalog für den Eklat schlechthin gesorgt haben.

Der Meister dürfte davon wenigstens gewusst haben. Aber ein Madonnenmaler, der die himmlische Harmonie auf die Erde holt, kann eigentlich nicht von dieser Welt sein. Oder doch? Jedenfalls hat ihm das Lästermaul Giorgio Vasari Pikantes in die Vita gedichtet. Fast 30 Jahre nach dem Tod behauptet der Künstlerbiograf, „maßlose Liebesfreuden“ lösten in Raffael „das tödliche Fieber“ aus. Auch von einem verhängnisvollen Aderlass zur Kurierung einer Geschlechtskrankheit und selbst von der Pest ist verschiedentlich die Rede. Vielleicht war es aber doch die Malaria, der der Maler erlag.

Man weiß tatsächlich wenig über den privaten Raffael. Als charmant und freundlich beschreiben ihn die Zeitgenossen, er gilt als Schönling und Favorit der Damenwelt. Doch im Gegensatz zu Leonardo ist Raffael keine Schreibernatur. Vieles bleibt deshalb im Nebulösen, allerdings erzählt das Œuvre klar von einem Berufsleben auf der Überholspur. Schon mit Mitte Zwanzig darf er die Stanzen, also die Gemächer des Papstes ausmalen. Dann ist er nicht mehr zu bremsen und erreicht in weniger als zehn Jahren mehr als jeder andere in einem langen Künstlerdasein. Noch zu Lebzeiten verbreiten sich seine Ideen in ganz Europa. Raffael hat Bildtypen und Werke geschaffen, die über vier Jahrhunderte als das Nonplusultra gelten.

Sanfte Madonnen

Leonardo da Vinci ist intellektuell verschwurbelt und kaum zu fassen, Michelangelo ein depressiver Zauderer mit Hang zum Schweren. Doch mit Raffael wird es licht und leicht und elegant. Schönheit und Grazie sind die Aufhänger, da avanciert der Maler zum „ewigen Ideal“, dem es nachzueifern gilt. Und er hat von Anfang an zahlreichen Nachahmer, meistens ganz offiziell wie Federico Zuccari, der den Meister gleich noch mit ins Bild einbaut.

An den Akademien werden Raffaels sanfte Madonnen, seine suggestiven Porträts und Kompositionen zum Vorbild für Generationen von Kunstschaffenden. Wer im 19. Jahrhundert bei Jean-August-Dominique Ingres in Paris studiert, muss sich an Raffael abarbeiten, daran führt kein Weg vorbei. Ingres selbst verewigt sein Idol 1814 mit dessen geliebtem Modell „La Fornarina“ auf dem Schoß. Und zwar so, wie verknallte Teenies auf der Parkbank sitzen, das hat einen unfreiwilligen Witz. Der Maler bourgeoiser Portraits und schwüler Odalisken besaß sogar einen Splitter vom Schädel seines Heroen – die profane Reliquie hat sicher für Inspirationen gesorgt. Darauf hofften übrigens auch die Studenten der Accademia di San Luca in Rom, die ihren Zeichenstift regelmäßig an Raffaels Schädel hielten. Blöd nur, dass man 1833 bei der Öffnung des Sarkophags im Pantheon den eigentlichen Schädel zwischen den Gebeinen fand.

Die "Königin der Frauen"

Auch in Deutschland sind es Klassizisten wie Anton Raphael Mengs und später die Nazarener um Friedrich Overbeck, die in eine regelrechte Raffael-Manie verfallen. Vor allem aber öffnet Johann Joachim Winckelmann, der Begründer der Stilgeschichte, seinen Zeitgenossen die Augen für Raffaels „Sixtinische Madonna“. Der Sachsenkönig August III. hatte das Spitzenwerk 1754 für die völlig irre Summe von 25 000 Scudi von den Mönchen von San Sisto in Piaczena erworben. Und schon im Jahr darauf schwärmt Winckelmann: „Wie groß und edel ist ihr ganzer Contur“. Für ihn verkörpert die „Sixtina“ das Schönheitsideal der Antike und bis zur „edlen Einfalt“ und „stillen Größe“ ist es nicht mehr weit.

Die Euphorie kennt keine Grenzen. Für Goethe ist die Dresdner Madonna „der Mütter Urbild“ und „Königin der Frauen“, für Herder „das Bild der Göttin“. Kleist kommt gleich täglich vorbei, um in stundenlanger Verzückung vor dem Gemälde zu verharren, während Novalis „wahre religiöse Andacht“ und „Anbetung“ fühlt, weil er „kein Wort sonst weiß“.

Die Raffaelitis war hoch ansteckend, soviel ist gewiss. Doch schon wenige Jahrzehnte später beginnt die Begeisterung zu kippen. Für die Präraffaeliten ist der Überkünstler zu glatt und zu künstlich. Und so wie die Salonmalerei aus der Mode kommt, sinkt auch der Stern Raffaels. Was keineswegs ausschließt, dass sich ein anti-akademischer Erneuerer wie Édouard Manet just in seinem Skandalbild „Frühstück im Freien“ (1863) mit der Nackten im Vordergrund frech auf Raffaels „Urteil des Paris“ bezieht. In gewisser Weise erinnert der Franzose damit an die alte Ästhetik, mit der sich die Künstler fortan so schwer tun – und in der Folge ja auch das Publikum.

Immer obenauf bleiben dagegen die Engelchen vom unteren Bildrand der „Sixtina“. Gelangweilt sinnieren sie auf Brillenetuis, Dresdner Stollen und Dessous über ihr fade dekoratives Dasein. Und Raffael, ein Meister der Selbstvermarktung, hätte diesen PR-Coup womöglich bejubelt. Vielleicht passt dieser Künstler sogar besser in unsere Zeit, als wir das wahrhaben wollen, und die Raffael-Rezeption geht in eine neue anregende Phase. Die nach nur drei Tagen Corona-bedingt geschlossene Superschau in den römischen Scuderie del Quirinale könnte einiges bewegen, wie das bei Jahrhundertausstellungen immer der Fall ist. Insofern wäre eine Wiedereröffnung, und sei es Monate nach dem ursprünglich geplanten Ende, nicht nur dem Publikum und den Machern zu wünschen. Auch der „Göttliche“ hätte es dringend verdient.

 

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