Vor 500 Jahren starb Raffael Eike Schmidt hofft auf eine Wiederaufnahme der Mega-Ausstellung in Rom

Eike_Schmidt vor Michelangelos Tondo Doni Foto: Uffizien

Der Chef der Uffizien, Eike Schmidt, hofft auf eine Wiederaufnahme der Mega-Ausstellung in Rom – und schwärmt von solidarischen Leihgebern

Wer denkt in Italien noch an die Kunst? In einem Land, das vom Corona-Virus so sehr in die Knie gezwungen wird wie kaum ein zweites? Auf der anderen Seite kommen Touristen gerade auch wegen der Kunstschätze. Die schnell wieder geschlossene Super-Schau zum heutigen 500. Todestag des Renaissance-Malers Raffael sollte zum Jahrhundertereignis werden und Besucher aus der ganzen Welt anziehen.
Über Jahre wurde sie vorbereitet, Unsummen stecken in diesem Projekt. Doch Uffizien-Chef Eike Schmidt gibt die Hoffnung nicht auf. Der deutsche Museumsmann in Florenz arbeitet mit den Kollegen der Scuderie del Quirinale in Rom daran, dass die gemeinsame Ausstellung doch noch stattfinden kann. Ein Gespräch über den Einsatz hinter den Kulissen, großzügige Leihgeber und den Galgenhumor der Italiener.

 

AZ: Herr Schmidt, das schnelle Ende der Raffael-Ausstellung in Rom ist bitter.
EIKE SCHMIDT: Ja, sie wurde nach drei Tagen Publikumsöffnung geschlossen. Doch wir hoffen, dass das nur eine Unterbrechung ist und die Ausstellung in einiger Zeit wieder gezeigt werden kann.

Sie sind Mitveranstalter, wen trifft es besonders?
Es trifft in erster Linie das Publikum. Es gab Besucher, die eigens eine Reise aus Amerika, Australien oder aus Japan gebucht hatten, um diese Ausstellung zu sehen.

Italien war völlig auf diese Superschau fixiert, außer Raffael stand nichts so sehr im Fokus.
Und das völlig zu Recht! Es handelt sich um die umfangreichste Schau, die jemals dem Werk Raffaels gewidmet wurde. Die Ausstellung ist voller neuer Forschungsergebnisse, und wir haben viele Leihgaben erhalten, die sonst überhaupt nicht zu sehen sind. Außerdem wurden mehrere Werke eigens aus diesem Anlass restauriert.

Inwieweit können Sie mit Raffael online gehen? Bislang gibt eher langweilige Experten-Vorträge.
Das liegt daran, dass die Ausstellungsräume verdunkelt und die Alarmanlagen scharfgestellt sind. Dadurch werden gerade die lichtempfindlichen Zeichnungen während der Schließung optimal geschützt. Dreharbeiten sind also im Augenblick nicht möglich. Aber zum Glück gibt es ausreichendes Bildmaterial aus der ersten Märzwoche.

Die Leihgaben haben oft weite Wege hinter sich, die Versicherungssummen sind immens. Und diese Kosten laufen ja weiter. Gibt es Leihgeber, die sich jetzt großzügig zeigen?
Die Uffizien sind Hauptleihgeber, deshalb habe ich Mario De Simoni, dem Präsidenten der Scuderie, gleich am Tag nach der Schließung zugesichert, dass wir selbstverständlich unsere Werke um die Dauer der Schließung länger in Rom lassen. In den Tagen und Wochen darauf haben dann zahlreiche weitere Leihgeber eine entsprechende Solidarität gezeigt. Dafür sind wir extrem dankbar. Die zusätzlichen Versicherungskosten, die durch die hoffentlich stattfindende Verlängerung entstehen, sind prozentual überschaubar.

Von welchen Investitionen sprechen wir denn für „Raffael 500“?
Die Kosten bewegen sich im mittleren siebenstelligen Bereich. Zum Teil wurden sie durch private Sponsoren gedeckt, und es gab auch eine großzügige staatliche Unterstützung.

Kann man schon etwas über die finanziellen Defizite sagen?
Das ist momentan völlig unmöglich, die Rechnung würde nur aus Variablen bestehen. Nun ist ein Totalausfall nicht auszuschließen, aber wenn es uns gelingen sollte, die Ausstellung wiederzueröffnen, könnte es durchaus sein, dass wir alle Kosten einspielen.

Dann müssten Sie die Ausstellung aber deutlich verlängern.
Daran arbeiten wir, auch wenn es angesichts der derzeitigen Situation im Land utopisch scheinen mag.

Sie leben in Florenz, wie sieht dort der Alltag aus?
Hier in Florenz sind die Straßen leer, die Bevölkerung ist in höchstem Maße diszipliniert. Panik habe ich bislang wenig erlebt, Sorge, Schrecken, Bedrückung und Vorsicht dagegen schon. Ich beobachte aber auch eine große Zuversicht und den tiefen Willen, aus den gegebenen Umständen das Beste herauszuholen. Die Italiener haben übrigens eine ganz ausgeprägte Selbstironie und einen herrlichen Galgenhumor. Mein Telefon summt den ganzen Tag, weil ständig Kurzvideos, Texte und Fotos ankommen.

Dabei hängt Florenz am Tourismus und die meisten hätten eher Grund zu verzweifeln.
Die Umsätze des Gastgewerbes liegen bei null. Die großen Hotels und Restaurants werden das verkraften, auch die kleinen und semiprofessionellen, die nur geringe laufende Kosten haben. Aber im mittleren Bereich wird es Kollateralschäden geben, die bald nach der Wiedereröffnung des öffentlichen Raumes zu besichtigen sind. Das ist eine große Gefahr für die Stadt, denn es verstärkt die ohnehin schon vorhandene Tendenz zur Spaltung des Tourismus‘ in ein Luxus- und in ein Billigsegment. Genau dadurch aber entfernt sich der Tourismus von den Bedürfnissen der Einheimischen. Sie sind vor allem auf ein mittleres Preissegment angewiesen.

Der Direktor der Wiener Albertina, Klaus Albrecht Schröder, spricht jetzt schon von einem Verlust über acht Millionen Euro. Wie ist das in den Uffizien, zu denen auch der Palazzo Pitti gehört?
Die Ostersaison ist verloren, das bedeutet auch für uns einen Verlust von mehreren Millionen Euro. Sollte sich die Schließung auf einige Monate beschränken, wird sich das aber schultern lassen.

Bereiten Sie sich schon jetzt auf die Wiedereröffnung der Uffizien vor?
Da das Land in mehreren Phasen heruntergefahren wurde, konnten wir auf die Schnelle einige wichtige Instandhaltungsmaßnahmen einflechten. Sobald der Startschuss für die Wiedereröffnung fällt, können wir die Häuser innerhalb eines Tages wieder hochfahren – und gleich mit einer neuen, inzwischen fertig eingerichteten Sonderausstellung zur Barock-Künstlerin Giovanna Garzoni!

 

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