Vor 15 Jahren starb der Münchner Eremit Auf den Spuren des geheimnisvollen Väterchen Timofej

Ein Bild von Väterchen Timofej aus dem Jahr 1980: Zwischen Parkplatz Ost und Olympiastadion stellte er oft einen Tisch auf und verkaufte Blumen. Foto: Hans-Albrecht Bock

Vor 15 Jahren ist einer der skurrilsten Münchner gestorben. Das geheimnisvolle Väterchen Timofej. Viele glaubten, ihn zu kennen, die meisten Geheimnisse nahm er mit ins Grab.

 

München - Heiliger, Hellseher, Geistlicher, Flüchtling, Hochstapler, Menschenfänger. Egal, wen man auf das Väterchen Timofej anspricht: Für die einen war er ein Freund, für die anderen ein Feind. Timofej Wassiljewitsch Prochorow war ein Mysterium, ein Eremit und ein Geflohener. Zeit seines Münchner Lebens wohnte er immer am Spiridon-Louis-Ring 100, am südlichen Ende des heutigen Olympiaparks. Eine Hausnummer, die extra für ihn erfunden wurde.

Auf den Kriegsruinen des Oberwiesenfeldes wurde Timofej sesshaft

Verwaltungsbeamte hassten ihn. Schließlich wohnte er in Münchens prominentestem Schwarzbau, einer kleinen Kirche mit angegliederten Häuschen. Alles mit eigenen Händen errichtet. Die meisten Münchner liebten ihn. Denn eine Eigenschaft ließ sich nicht abstreiten: Timofej war offenbar ein sympathischer Mensch. Und als er dann starb, da wurde vielen erst klar, welch geheimnisvolle Erscheinung er eigentlich gewesen ist.

Je länger sein Tod zurückliegt, desto skurriler und abenteuerlicher wirkt seine Lebensgeschichte. Auch sein Alter war schleierhaft. Nur seine Vergangenheit ließ auf sein Alter schließen. Timofej kannte diese ganzen Debatten und sagte selbst einmal, er sei über 2000 Jahre alt. Das war natürlich stark geflunkert. Aber einige Journalisten griffen das gerne auf und schrieben Artikel mit der Schlagzeile: "Timofej ist 2000 Jahre alt!" Ganz sicher war man also nie, ob es nicht doch stimmen könnte, wie bei fast allem, was der Mann erzählte.

Das Todesdatum ist jedenfalls unzweifelhaft. Am 13. Juli 2004 starb er, mit etwa 110 Jahren. Sein Geburtstag war angeblich der 22. Januar 1894, geboren in der Stadt Bagajewskaja im damaligen Russischen Zarenreich.

Timofej wohnte seit 1952 in München, siedelte dort, wo keiner mehr wohnen wollte: mitten im Schutt des Krieges, mitten auf dem Oberwiesenfeld, diesem Flugplatz, den die Alliierten am Ende des Zweiten Weltkrieges unter Dauerbeschuss genommen hatten. Und das Väterchen erbaute aus Zerstörung, Krieg, Schutt, Müll und Ruinen einen Ort der Ruhe: Er baute die Ost-West-Friedenskirche, angeblich, nachdem ihm die Jungfrau Maria persönlich erschienen war und es befohlen hatte. "Sperrmüll-Gotteshaus" wurde sie häufig genannt.

Christian Ude sorgt dafür, dass der Schwarzbau bleibt

Man muss eigentlich etwas weiter zurückblicken, bis in die Zeit des Zweiten Weltkrieges, um das Leben Timofejs angemessen nachzuzeichnen. Ende der 40er Jahre arbeitete er als Fuhrmann und transportierte mit seiner Kutsche Kohle in der Stadt Schachty, weit im Süden Russlands. Die Wehrmacht hatte die Stadt besetzt. Sie soll ihn 1943 gezwungen haben, den eigenen Soldaten zur Flucht vor der Roten Armee zu verhelfen, eben mit seiner Kutsche. Etwa 160 Kilometer weiter ließen sie ihn frei, in Oblast Rostow. Die Episode ist entscheidend.

In Oblast Rostow sei ihm zum ersten Mal die Jungfrau Maria erschienen. Timofejs Irrfahrt begann daraufhin. Er machte einen Stopp in Wien, begegnete dort seiner späteren Partnerin Natasha. Der Bau einer Kirche scheiterte am Widerstand der Behörden. Also zog das Paar weiter nach München. 1952 war das. In den Jahren darauf lernte ihn Christian Ude kennen, damals ein Grundschüler.

Für Ude war Timofej später ein Freund der Familie. Ude sorgte am Ende persönlich dafür, dass Münchens prominentester Schwarzbau auch langfristig erhalten blieb. Dabei war die allererste Begegnung mit Timofej nicht allzu vielversprechend.

Ude: "Der Besuch wurde zur Mutprobe"

"Ich war ein kleiner Schulbub, er lebte seit einigen Jahren auf dem Oberwiesenfeld – und keiner traute sich hin", erinnert sich Ude. Also wurde der Besuch zur Mutprobe. "Wir Buben aus der Schule wollten den Mann unbedingt mal sehen. Schließlich wurde über ihn seit seiner Ankunft gesprochen. Da waren wir umso neugieriger."

Die Begegnung klingt wie eine Episode aus Kinderserien wie TKKG oder Fünf Freunde. Ein paar Buben von der Hohenzollern- und Kurfürstenstraße stiegen auf ihre Tretroller und wollten dem Schreckgespenst ins Auge sehen. Über den Luitpoldpark fuhren sie zum Oberwiesenfeld, im Sommer 1956.

"Es war überall rot, wo heute das Olympiagelände steht", erinnert sich Ude, "eingefärbt durch den Ziegelstein der Ruinen und vom Kriegsschutt Münchens, der dort abgeladen wurde." Dann kam der große Moment. Ude stand mit den anderen Jungs am Zaun von Timofejs Schwarzbau.

"Die Figur des Eremiten ist ja grundsätzlich zutiefst christlich"

"Ein kleines Paradies, mit Bäumen, Pflanzen und Blumen, mitten im Trümmerfeld, märchenhaft", sagt Ude zurückblickend. Die Buben stiegen über den Zaun und näherten sich der Kirche mit den Zwiebeltürmen. Als Timofej "Zu Ehren Maria" zu singen begann, erschreckten sich die Buben und liefen davon. Zu Hause erzählten sie, dass Timofej Steine nach ihnen geworfen habe, um die Mutprobe viel dramatischer wirken zu lassen.

Es gab in den 50ern mindestens zwei Meinungen über den Eremiten, auch an der Schule Udes. Sein Grundschul-Rektor etwa sah in Timofej den symbolhaft räuberischen Russen, der das Oberwiesenfeld in Besitz nahm.

Ganz anders sah das die Heimat- und Sachkundelehrerin Udes. Für die junge Niederbayerin war Timofej schutzwürdig. Schließlich hatten ja die gottlosen Russen diesen gottesfürchtigen Mann vertrieben. Und dann errichtete Timofej auch noch ein christliches Gotteshaus im traditionell christlichen Bayern. Also setzte sie kurzerhand eine Exkursion zu der kleinen Kirche an, deren Decke Timofej mit Silberpapier ausgekleidet hatte, das von Schokoladentafeln stammte. In der Kirche glitzert das Papier bis heute.

Wegen Timofej wurde der Olympiapark versetzt

Auch wegen dieser Sympathie und des öffentlichen Drucks sahen sich die Münchner Olympiaplaner Ende der 60er gezwungen, das Olympiagelände nach Norden zu versetzen, damit Timofej in seinem Märchendorf wohnen konnte. "Die Planer wollten heitere Spiele. Da hätten die Bilder einer Planierraupe nicht gepasst, die eine Kirche abreißt", erklärt Ude und muss lachen: "Es ist von Timofej schon geschickt gewesen, in einer Stadt von einer Marien-Erscheinung zu sprechen, in der im Zentrum eine goldene Mariensäule steht."

Serge Kaiser verwaltet und pflegt heute Timofejs Nachlass am Spiridon-Louis-Ring 100. Damals, als ihn Timofej hierzu "auserwählt" hatte, wollte er das eigentlich gar nicht. "Du bist ein Teil von Gottes Plan", überredete Timofej ihn. Für Kaiser war Timofej eine Art Medium. Er erzählt von der allerersten Begegnung im Mai 1994.

"Ich arbeitete viel und suchte einen Ort München, wo ich beten konnte. Mein Chef erzählte mir von Timofejs Kirche", sagt Kaiser. Also ging er eines Tages spontan hin und traf Timofej auf seiner Holzbank an, wo er mittags kurz schlief. Kaiser brauchte sich aber nicht vorzustellen. "Er sagte, ich habe dich erwartet mein Sohn und schon alles für dich vorbereitet. Er konnte aber gar nicht wissen, dass ich komme", erzählt Kaiser noch heute voller Verwunderung. Auch dieser Moment sei für ihn entscheidend gewesen, um Timofej zu versprechen, dass er sich um den Erhalt des Areals kümmern werde. Doch der Eremit konnte wahrscheinlich auch gut einschätzen, wie groß sein Einfluss auf Kaiser gewesen ist: "Serge. Du hast keine Wahl. Du bist mein Nachfolger", sagte er.


Um die Ost-West-Friedenskirche zu erhalten, wurde eine Stiftung gegründet. Wer für das Gelände spenden möchte, kann folgende Mailadresse kontaktieren: sergekaiser23@gmail.com

Lesen Sie hier: München - Haus von Väterchen Timofej wird saniert

 

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