Von Virusstüberln bis zu großen Zielen 30 Jahre Münchner Aids-Hilfe

So sieht der HIV-Präventionsautomat aus: Dieser hier steht am Goetheplatz. Darin sind Sets mit Spritzen und frischen Nadeln für Abhängige harter Drogen. Foto: Aids-Hilfe München

Am 16. Januar 1984 gründeten sieben schwule Männer die Münchner Aids-Hilfe – in den vergangenen 30 Jahren haben sich ihre Aufgaben stark verändert.

 

Die Anfänge: Guido Vael, Gründungsmitglied: „1983 erschien dieser Spiegeltitel („Aids: Eine Epidemie, die erst beginnt“), die HIV mit dem schwulen Lebensstil in Verbindung brachte. Wir haben das damals als große Bedrohung empfunden und wollten dem etwas entgegensetzen.“

Hans Jäger, Arzt und HIV-Experte: „Wir hatten mit Schwerkranken zu tun und wussten nicht einmal, dass das eine Viruserkrankung ist. Wir haben viel Sterbehilfe geleistet.“

Thomas Niederbühl, Geschäftsführer der Münchner Aids-Hilfe und Stadtrat: „Damals war die Stimmung gegen Schwule ungut. Die einen sind mit der Befüchtung, hier könne man nicht mehr leben, nach Berlin oder sonstwohin gegangen, die andere Seite war die Gegenbewegung: Die Gründung der Rosa Liste ’89 war auch ein Effekt dieser Bedrohung, die man damals so gespürt hat.“

Michael Tappe, fachlicher Leiter der Aids-Hilfe: „Es gab da dieses Bierstüberl, wo viele nach dem Test hingegangen sind, das hieß auf einmal nur noch Virusstüberl. Der Wirt hat das aber ausgehalten und gesagt, ja, hierher kommen auch Menschen mit positiven Testergebnissen. Selbst als Schwuler ist man da nicht mehr unbedingt hin, weil man ja nicht wusste... wenn ich jetzt doch vom selben Glas... Die Leute hatten einfach Angst.“

Entwicklung: Jäger: „Es gibt keine vergleichbare Erkrankung, die sich in 30 Jahren so verändert hat – von einer ursprünglich tödlichen Erkrankung zu einer, die nur noch in Ausnahmefällen tödlich verläuft. Bayern hat sich vom Saulus zum Paulus gewandelt und ist heute das Bundesland, das am meisten Geld ausgibt, was die Beratung angeht.“

Grundungsmitglied Vael: „Und nahezu das einzige, das flächendeckend anonyme Aidstests anbietet.“

Heute: „Gerade in der Werbung der Pharma-Industrie ist der Zwiespalt zwischen Sorglosigkeit und Bedrohungsszenario sehr schwierig“, sagt Michael Tappe. Dem Großteil der Infizierten in Deutschland gehe es heute sehr gut. Experte Jäger: „Manche Patienten kommen mit einer Tablette am Tag aus. Heute betreut die Aids-Hilfe vor allem ältere Betroffene, die zum Teil keine Angehörigen haben und die Dinge nicht mehr so geregelt bekommen, es gibt eine Therapie-Hotline und Sportangebote.“

Ausblick: „Die Aids-Hilfe wird es weiter geben, selbst wenn Aids eines Tages heilbar wird – was unser großes Ziel ist“, sagt Jäger. „Es ist eine Krankheit, die nach wie vor mit viel Diskriminierung verbunden, mit vielen Tabus belegt ist.“

 

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