Von Clinton bis Strauss-Kahn Männer, Macht und verhängnisvoller Sex

Von Dominique Strauss-Kahn bis Bill Clinton: Warum mächtige Herren durch ihre Libido die Kontrolle verlieren. Foto: AP/dpa

Von Dominique Strauss-Kahn bis Bill Clinton: Warum mächtige Herren die Kontrolle verlieren – und dabei alles aufs Spiel setzen, für das sie gearbeitet haben – Ansehen, Beruf, Familie.

Glückwunsch zur Vergewaltigung. „Was für ein starker Kerl”, soll Russlands Präsident Wladimir Putin bei einem Treffen 2006 Israels damaligem Premierminister Ehud Olmert zugeflüstert haben. „Zehn Frauen hat er vergewaltigt, das hätte ich ihm gar nicht zugetraut. Wir alle beneiden ihn.”

 

Putins Bewunderung galt Mosche Katzav, der damals Präsident Israels war, und gegen den die Polizei ermittelte, wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung mehrerer Mitarbeiterinnen. Der Kreml machte später einen Übersetzungsfehler für Putins „Scherz” verantwortlich, was nicht erklärt, warum die auf russisch gesprochenen Sätze von dem russischen Journalisten falsch verstanden worden sein sollen. Und so gibt dieser Vorfall Einblick in die krude Gedankenwelt so mancher Machthabenden, in der ein Vergewaltiger kein Verbrecher ist, sondern ein „toller Hecht”.

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In dieser Welt ist Dominique Strauss-Kahn, dem vorgeworfen wird, versucht zu haben, ein Zimmermädchen zu vergewaltigen, kein Einzelfall. Ob nun Ex-US-Präsident Bill Clinton, Israels ehemaliger Präsident Mosche Katzav, Südafrikas Präsident Jakob Zuma, Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi oder Wikileaks-Gründer Julien Assange – sie alle mussten oder müssen sich noch wegen sexueller Verfehlungen verantworten.

Im Fall von Dominique Strauss-Kahn hat die Grand Jury nun entschieden, dass das Verfahren gegen ihn eröffnet wird. Dem Franzosen werden insgesamt sechs Straftaten zur Last gelegt, darunter „sexuelle Belästigung in einem besonders schweren Fall”, und „Nötigung”. Kommt es zur Verurteilung, drohen ihm bis zu 74 Jahre Haft.

Nackt aus dem Badezimmer stürmend soll Strauss-Kahn über die Hotelangestellte hergefallen sein. Einer der mächtigsten Männer der Welt, der alles riskierte, für das er bisher gearbeitet hatte: sein Ansehen, seinen Job, seine künftige Karriere. Die Frage ist bei ihm die gleiche wie bei Katzav und Co.: Warum?

„Darauf gibt es nicht nur eine Antwort”, sagt der Politik-Psychologe Thomas Kliche von der Universität Magdeburg der AZ. „Eine ungute Mischung aus Persönlichkeitszügen, Verwahrlosung, Ausreden und armseliger Bedürftigkeit kann zu so einem Verhalten führen. Mächtige kommen an ihre Positionen, weil sie sehr ehrgeizig sind. Sie wollen die Welt gestalten und Menschen führen. Das kann nur, wer von sich sehr überzeugt ist, also eine starke narzisstische Selbstbesetzung mitbringt.” Gerade Narzissmus, also übersteigerte Selbstverliebtheit, vermittle Gefühle von Unwiderstehlichkeit. Was dazu führen kann, dass solche Menschen glauben, Sex mit ihnen sei das Größte, was anderen passieren könne.

Ihr Umfeld dient schon längst nicht mehr als Korrektiv. Mächtige, sagt Kliche, seien von Mitläufern umgeben, die ihnen oft den Blick auf die Wahrheit verstellten. Und: Sie sind gewohnt, dass ihnen Mitmenschen immer zu Diensten sind. Sex ist bei manchen offenbar inbegriffen.

Clinton überstand nach der Sex-Affäre mit Monica Lewinsky ein Amtsenthebungsverfahren, Zuma musste sich 2006 – vor seinem Amtsantritt – vor Gericht wegen Vergewaltigung verantworten. Er gab damals einvernehmlichen Sex zu, und wurde freigesprochen. Drei Jahre später wurde er Präsident.

In den meisten anderen Fällen aber bedeutet der Vorwurf eines sexuellen Verbrechens das Aus für die Karriere. Katzav wurde wegen Vergewaltigung zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Selbst Berlusconi, der etliche Affären unbeschadet überstand, bringt der Sex mit der minderjährigen Ruby derzeit in arge juristische Bedrängnis.

„Macht ist das stärkste Aphrodisiakum”, hat der frühere amerikanische Außenminister Henry Kissinger einmal gesagt. Wissenschaftlich bewiesen ist, dass Mächtige (und solche, die sich dafür halten) auch in ganz alltäglichen Situationen bei weitem selbstbewusster und fordernder sind als Menschen, die sich eher zum Mittelfeld der Gesellschaft zählen. Das kann sich beim Postengeschacher zeigen, im Verstoß gegen Geschwindigkeitsregeln auf der Autobahn oder beim Rauchen im Nichtraucherbereich.

Ein solches Verhalten macht bei anderen mächtig Eindruck – und führt womöglich bei einigen Menschen in Machtpositionen zu einem schweren Missverständnis: Wenn ich Regeln breche, habe ich Erfolg. „Mächtige haben gelernt, dass sie sich viel leisten können und nicht angetastet werden”, sagt Kliche. „Manche wagen sich deshalb auch im Alltag an moralische Grenzen.” Oder überschreiten sie.

Im Fall von Dominique Strauss-Kahn soll der Vorfall in der Luxus-Suite nicht der erste gewesen sein. Die New Yorker Staatsanwaltschaft ermittelt in einem zweiten , ähnlichen Fall, der sich außerhalb der USA zugetragen haben soll. Und in Frankreich beschuldigt Tristane Banon den 62-Jährigen, 2002 versucht zu haben, sie zu vergewaltigen. Auch die kurze Affäre mit der IWF-Mitarbeiterin Piroska Nagy ist wohl weit weniger gewaltfrei verlaufen als bisher angenommen. „Ich fühlte mich gezwungen, mit ihm zu schlafen, weil er mein Chef war”, gab Nagy nun zu Protokoll. Nach ihrem Ausscheiden aus dem IWF hatte Nagy das Direktorium in einem Brief vor Strauss-Kahn gewarnt. Er habe ein Problem mit Frauen.

Sein Hang zur Aufdringlichkeit gegenüber dem weiblichen Geschlecht war bekannt in Frankreich. „Sein einziges Problem ist sein Verhältnis zu den Frauen. Es grenzt häufig an Belästigung”, schrieb die „Libération”, als Strauss-Kahn zum IWF-Chef ernannt wurde. Nur daran gestört hat sich bisher niemand, auch nicht, als Strauss-Kahn als potenzieller Präsidentschaftskandidat gehandelt wurde.

Allenfalls komödiantisch näherte man sich des brisanten Themas an. 2009 erzählte der Comedian Stéphane Guillon seinem Publikum, die Studios von France Inter hätten sich mit „außergewöhnlichen Maßnahmen” auf den Besuch des IWF-Chefs vorbereitet. Die Frauen in der Redaktion seien angewiesen worden, „total unsexy Kleidung” zu tragen.

Dominique Strauss-Kahn darf gegen eine Kaution von insgesamt sechs Millionen Dollar das Gefängnis verlassen. Doch er muss in New York bleiben. Der Prozess gegen ihn beginnt am 6. Juni.

 

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