Vom Mangfalltal in die Stadt Von hier kommt das Münchner Wasser

Emily Engels ist Rathaus-Reporterin der Abendzeitung.
Das neun Meter tiefe Sammelbecken des Reisacher Wasserschlosses. 1300 Liter fließen von hier Richtung München pro Sekunde. Foto: Emily Engels

Aus dem Mangfalltal fließt täglich der wertvolle Rohstoff in 80 Prozent der Münchner Haushalte. Die AZ hat das Werk besucht.

 

München - Die schwere Bronzetür führt bereits seit 1912 ins Reisacher Wasserschloss. Heute ist sie durch modernste Sicherheitsvorkehrungen geschützt. Nicht mal externe Handwerker dürfen diese Anlagen betreten – aus Hygiene- und Sicherheitsgründen. Denn hinter ihr befindet sich ein wertvoller Schatz für Münchner: unser Trinkwasser.

Mitten im Wasserschutzgebiet im Mangfalltal steht die Reisacher Grundwasserfassung – bekannt als das Wasserschloss. Es ist aus einem Rohstoff, für dessen Gewinnung das Wasser selbst eine erhebliche Rolle gespielt hat. Tuffstein, der sich mit besonders kalkhaltigem Grundwasser bildet.

1.300 Liter pro Sekunde

Rainer List ist hier der Trinkwassergewinnungs-Chef. Seit 32 Jahren arbeitet er bei den Stadtwerken in seinem Fachgebiet. Und das mit großer Leidenschaft. Bevor er die Bronzetür öffnet, warnt er: "Das wird ein emotionaler Moment."

In dem neun Meter tiefen, kreisrunden Sammelbecken rauscht und sprudelt das Wasser imposant. Pro Sekunde machen sich 1.300 Liter davon auf den Weg in die Münchner Haushalte. Da die Grundwasserfassung im Mangfalltal rund 100 Meter über dem Zentrum Münchens liegt, fließt das Wasser in freiem Gefälle, also ohne zusätzlichen Energieaufwand, wie ein Bach bis München.

Bis es dort ankommt, dauert es. Sieben Stunden braucht es bis zu den Hochbehältern im Münchner Süden, von dort aus noch mal etwa 20 Stunden, bis es jeweils in den Haushalten angekommen ist. 80 Prozent der Münchner bekommen das Wasser aus dem Mangfalltal. Weitere Gewinnungsgebiete für Münchens Trinkwasser liegen im Loisachtal und der Münchner Schotterebene. Hochbehälter gibt es insgesamt drei: im Forstenrieder Park, in Kreuzpullach und in Deisenhofen. 300 Millionen Liter Wasser verbrauchen die Münchner – pro Tag.

25 Jahre dauert es, bis aus einem Regentropfen Trinkwasser wird

In der Reisacher Fassung wurden drei Sammelstollen in das Becken gesetzt: gemauerte Kanäle, in die durch seitliche Schlitze das Wasser eindringt. Zwei weitere Kanäle leiten das Wasser wiederum nach München. Doch die Reise fängt noch viel früher an. "In der Regel braucht es 25 Jahre, bis ein Regentropfen als Trinkwasser aus dem Wasserhahn herauskommt", sagt List.

Wie wertvoll das Mangfalltal für die Trinkwassergewinnung ist, erkannten Münchens Stadtväter früh. Um 1880 war das im Stadtbereich entnommene Grundwasser durch die Versickerung von Abwässern verseucht. Die Folge: Typhus- und Choleraepidemien. List erzählt: "Wer damals nach München zog, hatte relativ geringe Überlebenschancen."

Um 1880 beschloss man, weiter südlich Trinkwasser zu gewinnen und 40 Kilometer weiter nach München zu leiten. Der damalige Test: Bierbrauer Sedlmayer sollte einen Liter abzapfen und daraus Bier brauen. Bei Verunreinigungen wäre das Bier nichts geworden. Doch es wurde etwas.

Das Wassernetz im Süden Münchens: Im Schnitt verbraucht jeder Münchner 123 Liter pro Tag. Das Wassernetz im Süden Münchens: Im Schnitt verbraucht jeder Münchner 123 Liter pro Tag. Grafik: Stadtwerke München

Erstes Quellwasser im Jahr 1883

Mit großer Geschwindigkeit schafften Münchens Stadtväter die nötigen Leitungen. List erzählt: "In nur zwei Jahren war die Leitung fertig." 1883 floss zum ersten Mal reines Quellwasser nach München. Das Mangfalltal ist ergiebig wie eh und je. "Wir gewinnen hier doppelt so viel Grundwasser, wie entnommen wird", sagt List. Über eine ausreichende Versorgung brauche man sich also in absehbarer Zeit – auch mit Blick auf das enorme Wachstum, das München erwartet – nicht zu sorgen.

Die alten Betonleitungen, in denen das Wasser damals nach München geflossen ist, sind größtenteils durch modernere ersetzt worden. Den Querschnitt einer alten Leitung findet man noch am Übergabeschacht in Thalham. List fährt mit seiner Hand über den Beton-Querschnitt, in dem man größere und kleinere Steine beigemischt sieht. "Als Ingenieur finde ich es immer wieder spannend, wie wild man damals den Beton durchgemischt hat", sagt er lachend.

Das Wasser wird streng kontrolliert: 1.200 Stichproben pro Monat

Der Übergabeschacht ist eine Zwischenstation des Wassers. Hier sammelt es sich aus dem Reisacher Wasserschloss und einer ähnlich funktionierenden Grundwassererfassung: den Gotzinger Hangquellen. Über eine spiralförmige Betonrinne wird es mit reduzierter Geschwindigkeit nach unten geleitet und gelangt in die neue Leitung nach München.

Diese reduzierte Geschwindigkeit ist besonders wichtig. Würde man das Wasser in den Schacht stürzen lassen, würde Kohlensäure entweichen und damit das natürliche Kalk- und Kohlensäure-Gleichgewicht des Wassers gestört werden.

Münchens Wasser ist naturrein, ohne Chlor

List ist auf die Zusammensetzung seines Wassers besonders stolz. Es ist naturrein, das heißt, ihm wurde beispielsweise kein Chlor zugesetzt. Dank eines Förderprogramms, bei dem Landwirte im Einzugsgebiet der Wassergewinnung im Mangfalltal auf Ökolandbau umgestiegen sind, hat das Wasser einen vergleichsweise sehr geringen Nitratgehalt. Gemäß der EU-Grundwasserrichtlinie sind 50 Milligramm pro Liter erlaubt.

List ist stolz: "Das Münchner Wasser hat etwa sieben Milligramm pro Liter." Er behaupte deshalb gerne: "In München haben wir das beste Trinkwasser Europas." Um sicher zu sein, herrschen strenge Kontrollen. Monatlich werden 1.200 Stichproben genommen.

Hoher Kalkgehalt? Guter Geschmack und Schutzschicht

Münchens Wasser ist nicht nur für seine Qualität, sondern auch für den Kalkgehalt bekannt – was man besonders schnell an verkalkten Haushaltsgeräten bemerkt. Doch List verteidigt sein Wasser. "Kalk macht nicht nur den guten Geschmack unseres Wassers, sondern bildet auch in den Rohrleitungen eine Schutzschicht", sagt er.

Und: Mit dem Tuffstein, der in Gebieten mit besonders kalkhaltigen Grundwasser entsteht, lassen sich Gebäude bauen, wie das Reisacher Wasserschloss oder der nahe Aussichtsturm auf dem Taubenberg. Übrigens: Ebenfalls aus Tuffstein ist das Münchner Rathaus. Im Fischbrunnen daneben fließt frisches Quellwasser aus dem Mangfalltal, das sich vielleicht vor 25 Jahren einmal als Regentropfen auf die lange Reise nach München gemacht hat.

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