Volkstheater "Warten auf Godot" - die AZ-Kritik

So wartet es sich ganz unterhaltsam: Jakob Geßner (links), Jonathan Müller und Silas Breiding spielen Beckett. Foto: Gabriela Neeb

Silas Breiding und Jonathan Müller in Samuel Becketts unverwüstlichem „Warten auf Godot“ im Volkstheater

"Landstraße. Ein Baum. Abend“. Diese Gegend ist seit der Uraufführung Anfang 1953 in Paris eine Ikone des Theaters. Nicht nur Schauspielnerds wissen sofort, dass dies der Treffpunkt von Wladimir und Estragon ist. Wo sie herkommen, wissen sie selbst nicht, aber ihr Plan ist ebenso unscharf wie unmissverständlich umrissen: „Warten auf Godot“. Dass Herr Godot nicht kommen wird, wissen wir auch längst, aber genau hier ist der Ort, an dem das Gottverlassensein des Menschen,die Sinnlosigkeit des Seins überhaupt, ein über die vielen Jahrzehnte der Aufführungsgeschichte möbliertes Zuhause hat.

Samuel Beckett soll zur Erstinszenierung unzufrieden gewesen sein mit dem naturalistischen Design des Baums und beauftragte seinen langjährigen Freund Alberto Giacometti mit einem neuen Entwurf. Der Maler und Bildhauer baute ein von Papier umwickeltes Drahtgestell. Für die Inszenierung im Münchner Volkstheater führte Ausstatterin Pia Greven den Surrealismus des Schweizers Giacometti fort zu kubistischer Schlichtheit: Der Stamm ist jetzt ein schlanker Holzbalken, von dem rechtwinklig ein kurzes Stück rundes Holz als Ast abzweigt. Und das Laub, das zwischen erstem und zweiten Akt ein wenig hoffnungsspendend wächst, ist ein grünes Raumgebilde, gebildet aus drei Würfeln.

Alte Herren wie Rüh- oder Holtzmann? Nein, ein junges Ensemble

Die beiden seltsamen Vögel an der Landstraße kennt man als Herren im besten Alter: Ernst Schröder und Heinz Rühmann bei Fritz Kortner an den Kammerspielen (1954) oder Rainer Bock und Lambert Hamel, inszeniert von Elmar Goerden im Residenztheater (2004). George Tabori verlegte 1984 in einer legendären Inszenierung Straße und Baum im Werkraum der Kammerspiele auf eine Probebühne, auf der die Mimen Peter Lühr, damals 78, und Thomas Holtzmann, 57, mit Reclam-Heftchen ihre Rollen studierten.

Nicolas Charaux aber, seit seinem Kafka-„Prozess“ vor zwei Jahren regelmäßiger Gast am Volkstheater, findet dort ein junges bis sehr junges Ensemble vor. Deshalb spielt der 35-jährige Jonathan Müller den Estragon und der 27-jährige Silas Breiding den Wladimir. Wenn junge Kerle in diesem Alter ohne Zukunft schon porentief gescheitert sind, dann ist das besonders schmerzlich – einerseits.

Aber Charaux saugt andererseits die Energie seiner Inszenierung sowohl aus der jungenhaften Vitalität seiner Darsteller als auch aus den clownesken Elementen, die Beckett seinen Figuren bis in detaillierte Regieanweisungen hinein vorschrieb. Und die nimmt Regisseur nicht nur ernst, sondern setzt sie wörtlich um.

Statt Absurdes, eine existenzialistische Sitcom

Aus dem Hochamt des Absurden Theaters ist im Volkstheater eine existenzialistische Sitcom geworden für zwei, die sich auch einmal herumbalgen wie Buben auf dem Schulhof. Trotzdem ist in dem großen Guckkasten die Furcht vor der Leere fühlbar und fast greifbar. Das andere Paar findet seinen Sinn in der Aufgeräumtheit einer klar sortierten Machtbeziehung zwischen Unterdrücker und Unterdrücktem: Der peitschenschwingende Pozzo ist bei Jakob Geßner ein eitler und leicht tuntiger Fatzke, dem mit Jonathan Hutter ein intellektuell rundbebrillter Lucky als Träger dient.

Das ist mutiges Old-School-Theater, mit dem es erstaunlich gut gelingt, den Kern des Stücks ohne Metaebenen und klugscheißerische Dekonstruktion freizulegen. Ebenso altmodisch war die Reaktion am Premierenabend – spontaner Szenenapplaus zwischendurch ist zur Zeit eher unüblich. Aber der Zuschauer ist letztlich nicht anders gestrickt als Wladimir und Estragon, denen vor nichts mehr graust als vor der Langeweile: „Wie die Zeit vergeht, wenn man sich amüsiert!“

Volkstheater, Briennerstraße 50 / beim Stiglmaier Platz, wieder am 11., 20., 21. April, 21., 22. Mai, 4., 5. Juni, 19.30 Uhr, Telefon 5234655
 

 

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