Volkstheater Jonathan Müller in „Warten auf Godot“

Jonathan Müller (links) und Silas Breiding sind Estragon und Wladimir, die auf Godot warten. Foto: Gabriela Neeb

Jonathan Müller spielt im Volkstheater den Estragon in Nicolas Charaux‘ Inszenierung von Becketts Klassiker „Warten auf Godot“

 

Lange hat man warten müssen, bis „Warten auf Godot“ wieder frisch auf eine Münchner Bühne zu sehen ist. Über fünfzehn Jahre, um genau zu sein, denn letztmals inszenierte Elmar Goerden am Residenztheater Becketts Klassiker. Der irische Dramatiker stellte das Stück 1949 fertig, es wurde aber erst 1953 im Théâtre de Babylone in Paris uraufgeführt. Goerden ließ die zwei Resi-Recken Rainer Bock und Lambert Hamel als Wladimir und Estragon auf einer einsamen Landstraße (plus Baum) der Ankunft eines gewissen Herrn Godot harren. Das Stück war ein Dauerbrenner am Residenztheater, und auch Jonathan Müller sah die Inszenierung, da war er gerade mal 20 Jahre alt.

Jetzt wird er im Volkstheater den Estragon spielen und, ehrlich gesagt, Lambert Hamel hat er lange Zeit nicht aus dem Kopf bekommen, bekennt Müller. Auf anderen deutschen Bühnen war „Warten auf Godot“ zuletzt durchaus präsent, schließlich ist das Stück hervorragendes Schauspielerfutter. In Ivan Panteleev Version von 2014, einer Ko-Produktion der Ruhrfestspielen Recklinghausen und des Deutschen Theaters Berlin, gaben sich Samuel Finzi und Wolfram Koch als Daseinsclowns die Ehre.

Die Rollen getauscht

Müller hat diese Inszenierung im Video gesehen, und klar, solche Schauspieler wie Finzi und Koch sind schon erfahrene, dem Alter der Rollen gemäße Sprechkünstler, denen man von Grund auf gerne zuhört. Da haben die jungen Schauspieler am Volkstheater eben anderes zu bieten, grinst er und nennt die „Kurzen Interviews mit fiesen Männern“, die er derzeit mit Jakob Immervoll und Silas Breiding auf der kleinen Bühne im Volkstheater spielt. Die drei Darsteller lassen es darin gehörig krachen, machen den bösen Horror der Kurzgeschichten von David Foster Wallace gewitzt spürbar.

Nun den Estragon im „Godot“ zu spielen empfindet der 34-jährige Müller angesichts der Vorbilder durchaus als Bürde. Den Druck macht er sich dabei schon auch selbst, „weil ich das unbedingt gut machen will.“ Mit Silas Breiding übernahm er die zwei zentralen Rollen. Wobei Breiding zunächst als Estragon und Müller als Wladimir besetzt war. „Nach einer Woche Proben haben wir gemerkt, dass es uns schwerfällt, ins Spiel zu kommen. Unser Regisseur Nicolas Charaux forderte uns daraufhin auf, mal das Textbuch des anderen zu nehmen und dessen Rolle zu lesen. Auf einmal hat es funktioniert.“

Clowns mit Hüten

Es hieß dann noch mal Text neu lernen, aber es hat sich gelohnt, da ist sich Müller sicher. Schließlich fühlt er sich Estragon von der Wesensart her näher: „Während Wladimir versucht, jedes Detail des Lebens akademisch-philosophisch zu durchdringen und wirklich alles mit dem Kopf zu lösen versucht, handelt Estragon aus dem Bauch heraus. Er trifft seine Entscheidungen nach seinem Gefühl, nimmt die Dinge locker, ist der verträumtere von den beiden. Estragon schläft gerne auch mal einfach ein.“

Als Zeitvertreib hat Beckett seinen Anti-Helden einige Clownsnummern auf den Leib geschrieben, klassisch eine mit Hüten. In dem Fall hat sich das Team etwas anderes einfallen lassen, verrät Müller, aber insgesamt wurde wenig verändert, weil die Erben von Beckett den Theatern strenge Vorgaben machen. „Man darf wenig bis gar nichts vom Text streichen. Man darf das Stück nicht mit Frauen besetzen. Das Bühnenbild muss eine Landstraße, einen Baum und einen Stein beinhalten.“

Der Baum wird in Charaux‘ Inszenierung von einer Holzlatte markiert. Von echten Bäumen kann Jonathan Müller wiederum einiges erzählen. Er wurde im oberfränkischen Kronach geboren, wuchs in Wunsiedel auf, mitten im Fichtelgebirge. In der Heimat sei alles grün gewesen, überall Wald, und vielleicht mag ihn das auch dazu inspiriert haben, nach der Schule erst mal Wald- und Forstwirtschaft in Freising zu studieren. „Das war aber von Anfang an mein Plan B. Ich wollte unbedingt Schauspieler werden.“ An der Schule spielte Müller schon Theater und machte als Statist regelmäßig bei den Luisenburg-Festspielen in Wunsiedel als Statist mit. Während seiner Ausbildung in Freising drehte er landesweit einige Vorsprechrunden und landete schließlich an der Schauspielschule in Hannover.

Nach der Ausbildung war er von 2010 bis 2015 lang Ensemblemitglied am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, wechselte dann ans Volkstheater, wo er nun seit über drei Jahren spielt. Mit Regisseur Nicolas Charaux arbeitet Müller nach Kafkas „Das Schloss“ und Jean-Luc Lagarces „Das ferne Land“ jetzt zum dritten Mal zusammen. Erstmals inszeniert Charaux mit einem kleineren Ensemble. So kann der Regisseur intensiver mit den einzelnen Darstellern arbeiten, „und auch das kann er richtig gut!“

Worauf gewartet wird

Worauf nun Estragon und Wladimir warten, weiß Müller auch nicht. Godot und Gott liegen nahe beieinander, aber mittlerweile gibt es auch eine konkrete Lesart des Stücks: Der Theaterhistoriker Valentin Temkine fand in dem Text mehrere Hinweise darauf, dass Beckett, der sich selbst während des Zweiten Weltkrieges in Südfrankreich vor den Nazis verbarg, weil er bei der Résistance mitgekämpft hatte, sich insgeheim auf die Situation von Juden bezog, die aus Frankreich fliehen wollten, aber auf ihre Schleuser warten mussten.

Müller kennt diese Theorie: „Estragon hatte Beckett in einer früheren Fassung seines Manuskripts Levy genannt. Und es tritt ein Hirtenjunge als Bote von Godot auf – so, wie einst Kinder von den Schleusern vorgeschickt wurden, um die Lage zu sondieren und ihre Ankunft anzukündigen.“

Die Kölner Inszenierung von 2011 folgte dieser Theorie mit deutlichen Anspielungen auf die Judenverfolgung; aus dem Herren Pozzo, der mit seinem Diener Lucky wiederholt auftaucht, wurde ein Herrenmensch. Charaux inszeniert das Stück ohne direkten Zeitbezug, wobei auch von absurdem Theater kaum die Rede sein kann: „Die Sätze und Handlungen sind doch nachvollziehbar“, findet Müller. In die Situation, selbst mal warten zu müssen – oder zu dürfen –, kommt er eher selten. Mit seiner Partnerin, der Schauspielerin Maja Haddad, die er beim Studium an der Schauspielschule in Hannover kennenlernte, hat er eine dreijährige Tochter. „Es ist ein einziger Balance-Akt. Wir haben manchmal Babysitter und Kindermädchen – und Gott sei Dank zwei Omas, die regelmäßig kommen.“

Durchatmen kann er erst nach der „Godot“-Premiere. Da hat er einige Wochen lang keine Proben tagsüber und kann sich ausgiebig um die Tochter kümmern. Was Jonathan Müller schön findet. Das Glück liegt ja nicht nur auf der Bühne, sondern wartet auf einen auch zu Hause.  

Premiere am Donnerstag, 4. April um 19.30 Uhr im Volkstheater
 

 

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