Volkstheater: "Hedda Gabler" von Ibsen Wer hat an der Uhr gedreht?

Anne Stein als Hedda Gabler in der Inszenierung von Lucia Bihler im Volkstheater. Foto: Arno Declair

Henrik Ibsens „Hedda Gabler“: Das Volkstheater verlegt das Ehedrama ins Rokoko und schafft damit einen neuen Blick

 

Auf den Bildern könnte diese Aufführung auch als Operette über Madame Pompadour oder die Gräfin Dubarry durchgehen. Man trägt Perücke und Reifrock, es erklingt gezierte Cembalomusik. Und dennoch spielt das Münchner Volkstheater Henrik Ibsens hier „Hedda Gabler“ – ein Ehedrama, das der norwegische Experte für bürgerliche Lebenslügen eigentlich in der eigenen Zeitgenossenschaft des Jahres 1890 angesiedelt hat.

Modernisierung durch 100 Jahre zurück!

Die Regisseurin Lucia Bihler hat also ein wenig an der Uhr gedreht. Aber nicht, wie gewohnt, in Richtung Gegenwart, sondern um mindestens 100 Jahre zurück in die Vergangenheit. Wer das Stück vorher nicht schon einmal gesehen oder gelesen hat, dem könnte der Zeitsprung womöglich gar nicht auffallen, so sehr passt die behütete Generalstochter ins Rokoko und in seine die Lebensluft abschnürenden Korsagen.
Anne Steins Hedda ist zuallererst ein Luxuspüppchen. Sie hat aus Torschlusspanik einen langweiligen Akademiker geheiratet, obwohl sie in Wirklichkeit das labile Genie Eilert Lövborg liebt. Hinter ihrer hellen Kleinmädchenstimme verbirgt sich eine kalte Intrigantin. Wer angesichts der Kostüme an die Marquise de Merteuil aus „Les Liaisons dangereuses“ denkt, liegt da keineswegs falsch.

Ibsens Intrigen-Mechanik auf einer ständig bewegten Drehscheibe

Lucia Bihler hat Ibsens Intrigen-Mechanik auf eine ständig bewegte Drehscheibe gesetzt (Bühne: Jana Wassong). Anne Stein bewegt sich darauf perfekt. Dass die übrigen Damen und Herren damit körperlich kämpfen, ist ein treffendes Bild für das Geschehen. Zwischenzeitlich versammeln sich alle bei Rokoko-Musik vor dem Vorhang zu einem lebenden Bild der verlogenen Schein-Harmonie, um dann gleich wieder streitend aufeinander loszugehen.
Erst wenn im dritten Akt Lövborgs kulturwissenschaftliches Meisterwerk verloren geht, setzt dieser Gelehrte (Jakob Geßner) krachend die Drehscheibe außer Betrieb. Dann steigert er sich in eine finster glühende Wut hinein, verwüstet die Bühne und schlägt ein Bein des Sofas ab. Aber Regisseurin Bihler lässt ihn dann nicht wütend davonrauschen, sondern das Durcheinander in Maßen wieder aufräumen, was psychologisch klug beobachtet ist.

Von Barock in Techno übergehenden Musik

Kurz davor hat Anne Stein ihren scheinbaren Triumph über die Männer tanzend zu einer von Barock in Techno übergehenden Musik getanzt. Jakob Immervoll spielt den Ehemann als netten, schwammigen Pedanten hart an der Grenze der Überzeichnung, die bei Ibsen angelegt ist. Timocin Zieglers Amtsrat Brack schaut mit seiner pompösen Perücke aus wie der Bürger als Edelmann in einer Aufführung der Comédie-Française (Kostüme: Laura Kirst). Einmal geht er seines Kopfschmucks verlustig, und da ist zu sehen, wie jung dieser Schauspieler ist, der hier mit falschem Bauch einen würdigen Lüstling spielt.
Dass Pauline Alpen mit rotem Schmollmund die sonst etwas vertrocknete Thea in eine echte Gegenspielerin und erotische Rivalin Heddas verwandeln darf, ist ein weiterer Vorzug der zeitlichen Verlegung. Das dienende Nebenpersonal vertreten zwei dekorative junge Damen, die sich um Heddas Pistolen kümmern und einmal den Staub von den Wattewolken im Bühnenhimmel wedeln, ehe kurz vor der Katastrophe Schneefall einsetzt.

Groteske Charaktermasken

Auch die dem Personal Ibsens eigene Förmlichkeit passt gut ins 18. Jahrhundert. Dass die Figuren über weite Strecken als groteske Charaktermasken agieren, führt zu einer Distanzierung, die Heddas Kälte stärker hervortreten lässt als der gute alte psychologische Realismus der Ibsen-Zeit.
Dass die Figuren beim Schreiben und Fotografieren auf Produkte zurückgreifen, die im kalifornischen Cupertino designt werden, würzt die Aufführung als ironischer Bruch ebenso wie das Sound-Design klappernder Schuhe und des neurotischen Händewischens an den Kostümen.
Lucia Bihler ist mit dieser „Hedda Gabler“ eine Aufführung gelungen, die auf eine im Sprechtheater ungewöhnliche Weise durch Bilder erzählt, deren virtuose Mechanik unmittelbar mitreißt, die aber auch Zuschauer anspricht, die das Stück kennen und sich mehr für die Nuancen interessieren. Wie doch die Bilder täuschen können: Von einer Rokoko-Operette ist diese „Hedda Gabler“ dann doch maximal entfernt.    


Volkstheater, wieder am 3. und 10. Oktober und am 6. November, 19.30 Uhr, Karten unter 523 55 56
 

 

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