Vocalconsort München Eine starke "Matthäuspassion"

Die Dirigentin und Cembalistin Johanna Soller. Foto: Homepage der Künstlerin

Johann Sebastian Bachs „Matthäuspassion“ mit dem Vocalconsort München in St. Peter unter Johanna Soller

Die großen, vereinsmäßig organisierten Laienchöre klagen immer wieder über Nachwuchsmangel. Vor dem üblichen Reflex, dass das Wahre, Gute & Schöne den Bach hinunterginge, möge man sich allerdings hüten. Chorgesang erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit. Aber langfristige Bindungen und das Vereinsmäßige werden gescheut. Und so bilden sich eher flüchtige Projektchöre, deren junge Stimmen oft viel besser, frischer und engagierter singen wie die Großformationen.

Und es hängt – natürlich – an Menschen, ihrer Energie und ihrer Netzwerkfähigkeit. Johanna Soller, seit drei Jahren Organistin der Stadtpfarrkirche St. Peter kann nicht nur Chöre wie das von ihr 2013 gegründete Vocalconsort München einstudieren und dirigieren. Sie hat offenbar auch die Fähigkeit, Leute zu begeistern und Geld aufzutreiben. Denn ohne dies alles wäre die Aufführung von Johann Sebastian Bachs ziemlich aufwendiger „Matthäuspassion“ in der Kirche im Herzen Münchens nicht möglich gewesen.

Kapazitäten der Alten Musik wie Christine Schornsheim (Orgel) und Hille Perl (Gambe) spielten im Orchester. Julian Prégardien interpretierte den Evangelisten mit sicherer Höhe und der gestalterischen Vielfalt eines erfahrenen Liedinterpreten. Der exzellente Bariton Matthias Winckhler schaffte, was vergleichsweise selten gelingt: Er interpretierte die Jesus-Worte mit prophetischer Größe und Majestät. Johannes Kammler sang ausdrucksstark den Pilatus und die Bass-Arien. Magdalena Harer (Sopran) und Ulrike Malotta (Alt) litten etwas unter der Kirchenakustik, die zu den Männerstimmen erheblich freundlicher ist.

Eine Synthese aus Romantik und Originalklang

Ein besseres Ensemble für die Solisten wäre schwer aufzutreiben. Aber Johanna Soller gelang zugleich das Kunststück, sowohl eine opernhafte Über-Dramatisierung wie auch die hurtige Sachlichkeit vieler Originalklangaufführungen zu vermeiden. Ihre Deutung der „Matthäuspassion“ vereint – pointiert gesprochen – Harnoncourt und Karl Richter. Der Klang des Orchesters war hell, bläserbetont und farbig, die Rhythmik maßvoll tänzerisch. Aber die Dirigentin liebt auch einen orgelartig vollen Sound, wie er sich in einer Kirche ohnehin einstellt. Sie verschmäht emotionale Verlangsamungen der alten Schule nicht und bezieht Choräle auf die jeweilige dramatische Situation, ohne beides allzu prinzipiell durchzuziehen.

Einzelne Mitglieder des Chors übernahmen die Nebenrollen und bewiesen, dass das Vocalconsort München bei aller Homogenität aus 28 Solisten besteht. „Wenn ich einmal soll scheiden“ wurde a cappella gesungen, was Puristen zwar verschmähen, aber direkt auf das Gefühlszentrum des Hörers zielt und deshalb Eindruck macht. Und spätestens da war zu erkennen: Johanna Sallers Ensemble ist ein exzellenter, klar und hell klingender Chor, der in dieser Stadt keinen Vergleich zu scheuen braucht – auch nicht mit den Profis.

Trotz aller akustischen Widrigkeit: Die „Matthäuspassion“ passt besser in eine Kirche mit Fastentuch vor dem Hochaltar als in einen sachlichen Konzertsaal. Nach dem Schlusschor läutete eine tiefe Glocke vom Turm, um den immer banalen, in einer Kirche unpassenden Applaus zu zähmen. Aber dann meldete sich noch ein Handy mit altmodischem Telefonklingelton und zerstörte die Stimmung, worauf dann doch schüchterner Beifall einsetzte.

Man muss nicht alles richtig finden, was Soller macht. Was aber viel wichtiger ist: Sie versteckt sich als Interpretin nicht hinter der Neutralität einer Partitur und riskiert einen Standpunkt. Das scheint man auch anderswo zu schätzen:
Die Organistin von St. Peter arbeitet mittlerweile auch für den MDR-Rundfunkchor, studiert für Zubin Mehta den Münchener Bachchor ein und scheut nicht einmal, was kaum ein Kirchenmusiker wagt: Sie dirigiert im August bei der Münchener Kammeroper ein Werk, das Purcell und George Gershwin zusammenbringt.

 

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