Viel teurer Lebensmittel treiben Inflation nach oben

Verbraucher in Deutschland müssen immer mehr für Nahrungsmittel zahlen. Bei Äpfeln, Kartoffeln und Butter steigen die Preise extrem an.

 

München - Werden einfache Lebensmittel zu Luxus-Gütern? Zum zweiten Mal in Folge haben teure Nahrungsmittel im Juni die Inflation nach oben getrieben. Um 1,8 Prozent stiegen die Verbraucherpreise im Juni – im Mai waren es noch 1,7 Prozent. Was nicht dramatisch viel klingt, sieht bei Lebensmitteln zum Teil ganz anders aus: Butter ist im Vergleich zum Juni 2012 um 27,1 Prozent teurer, Äpfel legten um 21,1 Prozent zu. Besonders krass ist der Anstieg bei Kartoffeln: plus 35,2 Prozent.

„Wer von einem Niedriglohn lebt, für den sind Käse- und die Fleischtheke im Supermarkt tabu“, sagt Gewerkschafter Fred Adjan (siehe unten). Auch alle anderen treffen die hohen Nahrungsmittelpreise: Die Reallöhne sanken vom ersten Quartal 2012 bis zum ersten Quartal 2013 um 0,1 Prozent. Und die Renten erhöhten sich zum 1. Juli um magere 0,25 Prozent. Die Inflation aber zieht nach Monaten des Rückgangs richtig an. Der Juni markiert mit 1,8 Prozent den höchsten Wert seit Dezember 2012. Diese Zahlen nannte gestern das Statistische Bundesamt.

Waren in der Vergangenheit hauptsächlich Ausgaben für Miete und Energie die Inflations-Treiber, sind es jetzt die Lebensmittel. Das Problem daran: Während manche Verbraucher mal das Auto stehen lassen können oder sich einen effizienteren Wagen zulegen, kann man höheren Preisen bei Grundnahrungsmitteln kaum aus dem Weg gehen. Die Gründe für die saftigen Preise für viele Lebensmittel sind unterschiedlich. So liegt der Erzeugerpreis bei Kartoffeln nach Recherchen des „Handelsblattes“ derzeit bei 65 Euro – im Vorjahr waren es 25 Euro. Schuld daran ist der lange Winter und ein verregneter Frühling. Zudem sollen Großhändler mit Absprachen die Preise nach oben getrieben haben. Bei Milchprodukten setzten Molkereien höhere Preise durch. Die schlagen durch: Um 5,3 Prozent verteuerten sich Molkereiprodukte und Eier innerhalb der letzten 12 Monate.

Bei Äpfeln ist die Ernte in Europa mager ausgefallen. Früher sprangen Neuseeland und Südafrika in die Bresche. Doch die haben jetzt Asien als Absatzmarkt im Blick. Dafür müssen Deutsche mehr zahlen. Beim Discounter in München kosten Äpfel zwischen 2,19 und 2,69 Euro pro Kilo, im Supermarkt zwischen 1,75 und 4,20 Euro. Nur wenige Lebensmittel verbilligten sich: zum Beispiel Kaffee (-5,3 Prozent).

Ein anderer Preistreiber ist ein alter Bekannter. Die EEG-Umlage heizt weiter den Strompreis an. Um 12 Prozent verteuerte dieser sich von Juni 2012 bis heute. Überraschend dagegen der leichte Rückgang bei Heizöl (minus 2,4 Prozent) und bei den Kraftstoffen (minus 0,8 Prozent). Doch der Benzinpreis lag zuvor auf Rekordniveau. Würde die Preisentwicklung bei Nahrungsmitteln und Energie aus dem Gesamtindex herausgerechnet, dann läge die Teuerungsrate im Juni bei 1,3 statt 1,8 Prozent. Auch der Ausblick für die Verbraucher ist trübe. Ernteausfälle nach dem Hochwasser können laut Experten die Preise für einige Lebensmittel weiter steigen lassen.

Gewerkschaftsstudie: Mindeslohn bringt mehr Kaufkraft

Die Inflation wächst – und die Verbraucher haben immer weniger Geld zur Verfügung. Eine von den Gewerkschaften in Auftrag gegebene Studie des Pestel-Instituts kommt jetzt zum Fazit: Durch die Einführung eines Mindestlohns von 8,50 Euro würde die Kaufkraft in München um 220,9 Millionen Euro steigen. Profiteure wären die 123850 Münchner, die laut Studienleiter Matthias Günther im Billiglohn-Sektor arbeiten. Er glaubt, dass der Zuwachs an Kaufkraft nahezu eins zu eins in den Konsum gehen würde. Und davon profitiere dann der Handel. Für Niedriglöhner komme ohnehin nur noch in Frage, Sonderangebote und Billigprodukte zu kaufen, so Fred Adjan von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). „Am besten reduzierte Ware: Zweite Wahl-Produkte oder Sachen kurz vor dem Ablaufdatum.“ NGG und Verdi kritisieren, dass die Bundesregierung nicht an die Einführung eines Mindestlohns denke – nicht vor und auch nicht nach der Wahl.

 

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