Verkehrte Welt? "Wettbewerbsverzerrend": Privatsender kritisieren Gewinnspiele im Radio

, aktualisiert am 23.01.2018 - 18:16 Uhr
Hochdotierte Gewinnspiel im gebührenfinanzierten BR: Den Privatradios ist das ein Dorn im Auge. Foto: dpa

Die bayerischen Privatradios, berüchtigt für ihren überbordenden Einsatz von hörerbindenden Gewinnspielen, kritisieren den BR dafür, dass er nun auch auf diese Taktik setzt. Es geht unter anderem - mal wieder - um die Rundfunkgebühr.

Im Zeitalter der Digitalisierung wirkt die Ermittlung der Radio-Einschaltquoten höchst antiquiert: Anders als beim Fernsehen werden nicht tatsächlich Einschalt- beziehungsweise Konsumzeiten durch Messgeräte ermittelt, sondern zufällig ausgewählte Bürger am Telefon befragt. Sobald man eine repräsentative Grundgesamtheit erreicht hat, wird das Ergebnis dann auf die gesamte Republik hochgerechnet und daraus die Radio-Quote errechnet.

Dies führt, insbesondere beim Privatradio, während der Erhebungszeiträume zu einer regelrechten Gewinnspiel-Flut: Mit teilweise absurd großen Preisen wie Autos, Häusern oder Hunderttausenden von Euro will man die Hörer so konditionieren, dass sie im Falle einer Telefonbefragung den "richtigen" Sender nennen.

Geldscheine sammeln für die Rekordquote

So verlangen beispielsweise manche Gewinnspiele, dass man immer mit "ich höre Radio XY" ans Telefon geht. Ruft tatsächlich der Radiosender an, gewinnt man. Ruft stattdessen die Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse an, die die Radioquoten ermittelt, so gewinnt der Sender. Denn man kann mit hoher Sicherheit davon ausgehen, dass der Hörer dann auch bei der folgenden Befragung ("Welchen Sender haben Sie zuletzt gehört, welchen gestern, welchen morgens") gebetsmühlenartig den eingetrichterten Sendernamen wiederholt.

In die gleiche Kerbe schlagen Gewinnspiele, bei denen der Hörer zu bestimmten Zeiten einschalten muss. Beispielsweise, um den neuesten Hinweis zu einer Quizfrage zu erhalten. Oder, um die neueste Seriennummer eines 10-Euro-Scheins genannt zu bekommen, den der Sender in Umlauf gebracht hat. Hat der Hörer diesen Schein zufällig im Geldbeutel weil er ihn irgendwo als Wechselgeld bekam, so werden aus zehn Euro plötzlich Zehntausend oder Hunderttausend als Gewinn. Dieses Konzept war einst so erfolgreich, dass in einem Jahr in ganz Bayern plötzlich ein regelrechter Zehner-Mangel herrschte: Alle horteten die Scheine, um beim Gewinnspiel eines großen Privatsenders abzukassieren. Bei der Quoten-Befragung wurde dann auch dementsprechend oft der Sendername genannt - eine neue Rekordreichweite war die Folge.

Privatwirtschaft finanziert BR-Gewinnspiele

Es hat leicht ironische Züge, dass ausgerechnet die Privatsender, die ihr Programm zu Zeiten der MA-Befragung bis fast zu Unhörbarkeit mit Gewinnspiel-Beiträgen zupflastern, nun dem Bayerischen Rundfunk vorwerfen, dieselbe Taktik anzuwenden. In einer Stellungnahme der Vereinigung Bayerischer Rundfunkanbieter (VBRA), der unter anderem Sender wie Antenne Bayern, Gong 96.3 und RT1 angehören, heißt es: "Mit Jahresbeginn quellen die Massenprogramme des Bayerischen Rundfunks, Bayern 1 und Bayern 3, über von kommerziellen Gewinnspielen. Ziel dieser Programmaktionen ist es, dem privaten Hörfunk möglichst viele Hörer abzujagen."

Es stellt sich die Frage, ob gebührenfinanzierte Sender überhaupt in diesem Maße um Quoten (also "korrekte" Antworten bei der Telefonbefragung) buhlen müssen, oder ob sie angesichts ihrer sicheren Finanzierung nicht völlig reichweitenunabhängig agieren sollten. Doch die Vorwürfe der VBRA gehen sogar noch ein ganzes Stück weiter. Denn der BR verlost nicht etwa Preise, die er aus seinem Budget heraus finanziert, sondern Gelder und Sachpreise, die ihm von Werbepartnern in der Privatwirtschaft zur Verfügung gestellt werden. So heißt es etwa beim "Bayern 3 Promi-Quiz", bei dem man dreimal täglich 1.000 bis 3.333,33 Euro gewinnen kann: "Die Gewinnsumme wird von unserem Partner Möbel Höffner zur Verfügung gestellt." Entsprechend oft wird der Partner auch im Programm des Senders erwähnt. Bei Bayern 1 wiederum gibt es täglich Traumreisen zu gewinnen - "möglich gemacht in Kooperation mit Neckermann Reisen".

Dies ist der VBRA ein Dorn im Auge, da der BR im Gegensatz zum Privatradio solche Partnergelder vollständig für Gewinnspiele nutzen kann. Während private Sender die Einnahmen von Werbepartnern zunächst einmal zur Finanzierung des eigenen Sendebetriebs brauchen und erst darüber hinaus Gelder in Gewinnspiele investieren können, ist der Sendebetrieb des öffentlich-rechtlichen Rundfunks vollständig durch die Haushaltsabgabe gesichert. "Mit diesem einseitigen Wettbewerbsvorteil im Rücken ist es also kein Wunder, wenn richtig große Geldsummen und Traumreisen dafür eingesetzt werden, damit Bayern 1 und Bayern 3 möglichst viele Hörer in der Umfragezeit an sich ziehen können", so die VBRA.

BR weist Kritik deutlich zurück

Die Vereinigung Bayerischer Rundfunkanbieter schätzt, dass die BR-Hörfunksender so pro Jahr "eine deutlich siebenstellige Summe" für Gewinnspiele und Marketingaktivitäten ausgeben. Zur Verfügung gestellt von Partnern, die im Gegenzug sogenannte On-Air-promotion erhalten. Die VBRA nennt dies "wettbewerbsverzerrend und somit vollständig fehl am Platz". BR-Hörfunkdirektor Martin Wagner dementiert den Millionenbetrag jedoch auf AZ-Anfrage: "Die Zahl ist deutlich niedriger."

Philipp von Martius, stellvertretender Fachgruppensprecher Hörfunk der VBRA klagt: "Programm- und Marketingkonzepte werden schonungslos übernommen - und meist noch größer und mit üppigeren Gewinnchancen ausgestattet als sich das private Veranstalter leisten können. Wir sehen darin einen gebührenfinanzierten Verdrängungswettbewerb, der durch den öffentlich-rechtlichen Auftrag nicht gedeckt ist." 

BR-Hörfunkdirektor Wagner weist diese Kritik entschieden zurück: "Zunächst einmal sind Gewinnspielsendungen und Gewinnspiele gemäß den gesetzlichen Regelungen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk bzw. beim BR ausdrücklich zulässig. Unterm Strich lässt sich auch sagen, dass sich der Umfang bzw. die Anzahl von Gewinnspielen bei Bayern 1 und Bayern 3 in den vergangenen Jahren nicht vergrößert hat." Die Gewinnspiele seien dazu gedacht, "die Bindung zwischen Publikum und Rundfunkanstalt zu vertiefen". Und weiter: "Die Behauptung, dass wir es leichter hätten als private Sender, Sponsoren an Land zu ziehen, mutet geradezu grotesk an. Das Gegenteil ist der Fall - vor allem wegen der bei uns geltenden strengeren Datenschutz- und Online-Beschränkungen."

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