Verkehrsstatistik der Polizei Zahl der Toten auf Münchens Straßen dramatisch gestiegen

In München ereigneten sich 2017 53.229 Unfälle. Foto: dpa/AZ

Erschütternde Bilanz der Münchner Polizei: Die Zahl der Verkehrstoten ist 2017 um 42,1 Prozent gestiegen. Die Ursachen.

 

München - Immer mehr Menschen wohnen in die Stadt, der Verkehr wird dichter und die Ablenkung durch Handys und Co. steigt: Im vergangenen Jahr sind im Zuständigkeitsbereich der Münchner Polizei 27 Menschen bei Unfällen getötet worden, davon 22 in der Stadt und fünf im Landkreis. „Das ist ein Anstieg von 42,1 Prozent“, sagte Polizeivizepräsident Werner Feiler, der gestern die neue Verkehrsunfallbilanz vorstellte. Unter den Todesopfern waren zehn Senioren.

Die Opfer

Fußgänger und Radfahrer sind generell diejenigen, die am gefährlichsten leben, da sie ungeschützt unterwegs sind. Auch im vergangenen Jahr traf es in über der Hälfte aller tödlichen Unfälle diese beiden Gruppen: Neun Fußgänger (darunter fünf Senioren) und fünf Radfahrer kamen ums Leben.

Auffallend ist in der jüngsten Statistik aber, dass 2017 doppelt so viele Autofahrer und Mitfahrer umkamen, nämlich insgesamt acht. Eine Erklärung: Allein bei dem Unfall auf der Wasserburger Landstraße am ersten Wiesnwochenende kamen drei Menschen um. Die Franzosen waren zu Besuch in München und saßen in einem gemieteten Kleinwagen, als ein 60-Jähriger mit seinem SUV mit über 100 Sachen von hinten auffuhr.

Die Unfallursache ist bis heute nicht geklärt. "Der Gutachter arbeitet akribisch", so Oberstaatsanwältin Anne Leiding auf Nachfrage zur AZ.

Ausschließen können die Experten inzwischen, dass der SUV einen technischen Defekt hatte. Und ein Handy, durch das der Fahrer hätte abgelenkt sein können, besaß der Todesfahrer nach AZ-Informationen auch nicht.

Die Ursachen

Unaufmerksamkeit ist eine der Hauptursachen, warum 2017 Fußgänger sterben mussten. Sieben von neun gingen über die Straße, ohne auf den Verkehr zu achten – und überlebten das nicht.

Bei den fünf tödlichen Unfällen mit Radfahrern war in drei Fällen der tote Winkel ursächlich. Die Radler waren schlicht übersehen worden. Vielen Münchnern ist der schreckliche Unfall mit Marienhof-Star Silvia Andersen („Frau Klein“) am 9. August noch in Erinnerung.

Die 51-Jährige radelte auf dem Fahrradweg entlang der Regerstraße durch die Au. An der Kreuzung zur Welfenstraße wurde sie von einem Lasterfahrer (20) übersehen, der rechts abbiegen wollte. Silvia Andersen starb noch am Unfallort.

"Eine weitere Hauptunfallursache sind zu hohes oder nicht angepasstes Tempo", betont Werner Feiler. Über ein Drittel aller Getöteten starb aus diesem Grund: insgesamt zehn Menschen.

Außerdem spielen Promille am Steuer wieder zunehmend eine traurige Hauptrolle: Die Zahl der Alkoholunfälle ist um fast 20 Prozent auf 514 (2016: 429) gestiegen. Fünf Menschen kamen ums Leben (zwei mehr als 2016).

Gefährlicher Trend

Der Polizei macht ein Trend zunehmend zu schaffen: Er heißt Ablenkung. Nach Expertenmeinung ist jeder zehnte Unfall mit Getöteten im Straßenverkehr auf Ablenkung zurückzuführen. Fast ein Drittel der Autofahrer bedient das Navigationsgerät während der Fahrt, 58 Prozent bedienen das Radio oder Bordmenü. Und: Jeder Vierte liest Nachrichten auf dem Smartphone während der Fahrt!


Die Münchner Unfallstatistik im Detail

Zahl der Verkehrsunfälle im Allgemeinen

Insgesamt kam es zu 53.229 Verkehrsunfällen im Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums München im Jahr 2017, dies sind 2,8% weniger als im Jahr 2016 (54.739) und damit die wenigsten Unfälle seit dem Jahr 2012 (mit 52.839 Unfällen).

Gleichzeitig stieg die Einwohnerzahl in den letzten fünf Jahren um 5,9 % (um 101.774 auf 1.818.496) sowie die Zahl der zugelassenen Fahrzeuge um 13,5 % (137.209 auf 1.156.248) an.

Kleinunfälle

Über zwei Drittel der Verkehrsunfälle waren sog. Kleinunfälle, bei denen es nur zu Blechschäden kam und der Verursacher einen geringfügigen Verkehrsverstoß beging.

Unfälle mit Personenschaden

Die Unfälle mit Personenschaden gingen um 4% auf 6.054 zurück. Es wurden 7.276 Menschen verletzt, 760 davon schwer. Dies ist ein Rückgang von 4,7 % im Vergleich zu 2016 (mit 7.634 Verletzten). Dagegen ist die Zahl der Schwerverletzten um 11,3 % gestiegen (+ 69 Schwerverletzte).

Verkehrstote

Bei 25 tödlichen VU wurden 27 Menschen getötet (+ 42,1 %). 22 Personen (+ 7 Personen mehr, als 2016) haben im Stadtgebiet München ihr Leben verloren, 5 (+ eine Person mehr, als 2016) im Landkreis.

Dabei handelt es sich um:

  • 9 Fußgänger (genauso wie im Jahr 2016)
  • 8 Pkw-Insassen (doppelt so viele wie im Jahr 2016)
  • 5 Radfahrer (eine Person mehr, als im Jahr 2016)
  • 5 Motorrad- bzw. Leichtkraftradfahrer (3 Personen mehr, als im Jahr 2016)

Die 14 getöteten Fußgänger und Radfahrer stellen 51,9 % aller Verkehrstoten dar. Fast zwei Drittel der Schwerverletzten waren Fußgänger und Radfahrer. Die Zahl der Verkehrsunfälle mit Beteiligung von Fußgängern ist um 10 % auf 885 Unfälle im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen. Die Zahl der getöteten Fußgänger ist allerdings gleichgeblieben.

Von den 9 getöteten Fußgängern wurden 7 beim Überqueren der Straße erfasst und getötet.

Bei drei Viertel der Fußgängerunfälle war falsches Verhalten beim Überqueren der Fahrbahn die Hauptunfallursache.

Bei fünf der tödlichen Unfälle mit Radfahrern spielte in 3 Fällen der Tote Winkel eine Rolle.

Bei fünf der tödlichen Unfälle war Alkohol im Spiel.

10 Menschen (über ein Drittel der Getöteten) starben aufgrund nicht angepasster oder schlichtweg überhöhter Geschwindigkeit.

Geschwindigkeitsunfälle

Die Geschwindigkeitsunfälle sind um 3,6 % im Vergleich zum Vorjahr angestiegen. Diesbezüglich wurden 20.882 Anzeigen (- 8,5 % zum Vergleichsjahr 2016) erstattet, 202.162 Verwarnungen erteilt (- 0,6 % zum Vergleichsjahr 2016) und 2.254 Fahrverbote verhängt.

Verkehrsunfälle mit Fußgängern

Die Zahl der Verkehrsunfälle mit Fußgängern ist um 10 % auf 885 Fälle zurückgegangen (2016: 983). Dabei wurden insgesamt 752 Fußgänger verletzt (2016: 809), davon 146 Personen schwer (2016: 145). 9 wurden getötet.

Verkehrsunfälle mit Radfahrern

Die Zahl der Radfahrunfälle ging um 2,2 % auf 2.862 (2016: 2.926) zurück. Hiervon wurden 2.552 Radfahrer verletzt (2016: 2.621). Die Zahl der schwerverletzten Radfahrer erhöhte sich allerdings um 13 Personen auf 310.

Es kam zu insgesamt 48 Unfällen mit Pedelec (+ 6 im Vergleich zu 2016). Hier wurden 45 Fahrer (2016: 41) verletzt. Darunter befanden sich 19 Senioren (2016: 21).

Rechtsabbiegeunfälle

Jeder siebte Unfall mit Radfahrern ereignete sich, weil der Pkw- oder Lkw-Fahrer beim Rechtsabbiegen den in gleicher Richtung fahrenden Radfahrer übersehen hat (395 von 2.865 Verkehrsunfällen; 2016: 404).

Verkehrsunfälle mit Senioren

Die Zahl der Verkehrsunfälle mit Senioren (ab 65 Jahren) ist um 6,1 % auf 3.885 Unfälle gesunken. Hierbei wurden 799 Senioren verletzt (- 11,5 % zum Vergleichsjahr 2016). 181 Senioren wurden schwer verletzt (- 10 Senioren als 2016). 10 Senioren kamen ums Leben (5 als Fußgänger, 2 als Radfahrer, 2 als Leichtkraftradfahrer, eine Person als Pkw-Beifahrerin).

Sechs der getöteten Senioren waren Unfallverursacher.

Verkehrsunfälle mit Motorradfahrern

Es kam zu insgesamt 659 Motorradunfällen (2016: 662). Hierbei kamen fünf Personen (+3 im Vergleich zu 2016) ums Leben. Fast jeder fünfte getötete Verkehrsteilnehmer ist somit ein Motorradfahrer.

Alkoholunfälle

Die Alkoholunfälle stiegen um 19,8 % auf 514 (2016: 429). Die Zahl der dabei getöteten erhöhte sich um zwei Personen auf insgesamt fünf Personen. Es wurden insgesamt 3.010 alkoholisierte Kraftfahrer angehalten, dies ist ein Anstieg von 3,8 %. Es kam zu einem Anstieg von 7,2 % bei den Trunkenheitsfahrten, bei denen der Fahrer mehr als 1,1 Promille Alkohol im Blut hatte.

Drogenunfälle

Die Zahl der Drogenunfälle ist von 41 Unfällen auf 63 Unfälle und somit um 53,7 % gestiegen. Im Jahr 2017 wurden 2.461 Kraftfahrer, die unter Drogeneinfluss standen, kontrolliert. Dies sind 2,3 % mehr als im Vorjahr und sogar 33 % mehr als im Jahr 2015.

Unfallfluchten

Es kam zu insgesamt 13.266 Unfallfluchten (2016: 13.222). Die Aufklärungsquote liegt bei 45 %.

Ablenkung im Straßenverkehr

Nach Expertenmeinung ist jeder zehnte Unfall mit Getöteten im Straßenverkehr auf Ablenkung zurückzuführen. 30 % der Kraftfahrer bedienen das Navigationsgerät während der Fahrt, 58 % suchen oder bedienen die Radiofunktion über das Bordmenü, 15 % tippen und knapp jeder Vierte liest Textnachrichten auf seinem Smartphone.

Es wurden letztes Jahr 11.153 Kraftfahrer und 2.663 Radfahrer wegen verbotswidriger Nutzung eines Mobiltelefons angezeigt bzw. verwarnt.

 

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