Verkehrspolitik der Nazis Historiker: Was Adolf Hitler mit dem Englischen Garten plante

Die Buslinie A6 wird im Jahr 1934 feierlich eingeweiht. Die Nationalsozialisten wollten in München die Trambahn nach und nach durch Busse ersetzen. Foto: Stadtarchiv

Welche Bedeutung die Linienbusse für die Nazis hatten, warum der "Führer" gerade die Strecke durch den Englischen Garten wollte – und welche Rolle seine Haushälterin spielte. 

München - Der Historiker Mathias Irlinger hat über die Infrastruktur in München im Nationalsozialismus promoviert. Im AZ-Interview spricht er über die Rolle der Busse für die Nazis in München, Hitlers Wünsche für den Nahverkehr – und Proteste gegen kaltes Duschwasser im Müllerschen Volksbad.

Historiker, Mathias Irlinger, NS-Doku-Zentrum

AZ: Herr Irlinger, nahm Adolf Hitler in München auch mal den Linienbus?
MATHIAS IRLINGER: Nein, Hitler liebte es, mit dem Auto gefahren zu werden und zeigte sich bei öffentlichen Anlässen gerne im offenen Wagen. Wie viele andere Nazi-Größen war auch er Auto-begeistert.

Woher kam dann die politische Begeisterung für einen Ausbau des Busnetzes in München?
Das ist kein Widerspruch. Im Gegenteil. Die Trambahn galt Hitler und einigen der führenden Münchner Nationalsozialisten als eine Behinderung für den Autoverkehr – die außerdem zu viel Platz in der Stadt wegnahm. Der Bus schien ihnen besser zum fließenden Autoverkehr zu passen. Sie wollten die Münchner Trambahn abschaffen. Stolz waren sie nur auf die scheinbar modernen Busse – so wurde etwa auch die einzige im „Dritten Reich“ eröffnete Tramstrecke zwischen Donnersbergerstraße und Romanplatz nicht feierlich eröffnet: völlig untypisch für die Nationalsozialisten, die sonst keine Gelegenheit ausließen, ihre Baumaßnahmen zu inszenieren.

Schon im Herbst 1934 wurden zwei Buslinien eröffnet. Was wollten die Nazis damit symbolisieren?
Eine Grundbotschaft ist aus den Eröffnungsfeiern der Buslinien deutlich herauszulesen: Die nationalsozialistische Stadtverwaltung wollte zeigen, dass sie den Aufbruch Münchens in ein Zeitalter der Verkehrsentwicklung schafft – wo sie den Demokraten in den 20er Jahren Versagen vorwarf, obwohl ein Vergleich der Investitionen in den Nahverkehr zeigt, dass die nationalsozialistische Stadtführung weit hinter den Werten der Vorgänger blieb.

Wie wurde die Einweihung der Buslinie durch den Englischen Garten 1934 gefeiert?
Die nationalsozialistischen Stadträte, Ehrengäste und Pressevertreter fuhren in mehreren Omnibussen feierlich die Strecke ab. Auch Adolf Hitler zeigte sich dem Ehrenpublikum vor seinem Haus am Prinzregentenplatz, an dem die Buslinie vorbeiführte.

Jahre zuvor war der Bau einer Tram durch den Park diskutiert worden.
Die Versuche der Stadt, Schienen durch den Englischen Garten zu legen, waren am Widerspruch des Staates gescheitert, in dessen Besitz sich der Park befand. 1929 war schon eine Buslinie als Alternative diskutiert worden. Doch erst fünf Jahre später gelang es der – jetzt nationalsozialistischen – Stadtführung, sich mit der Verwaltung der staatlichen Schlösser und Seen zu einigen.

Wie sah diese Vereinbarung aus?
Die Stadt verabschiedete sich von den Tramplänen und sicherte vertraglich zu, mindestens 50 Jahre lang keine Straßenbahn mehr durch den Garten zu beantragen. Dafür durfte sie die neue Buslinie einrichten. Mit der neuen Verbindung schloss die Stadtverwaltung eine langjährige Lücke im Nahverkehrsnetz der Stadt - wenn auch mit einem Bus statt einer Tram. Diese Entscheidung sollte gleichzeitig symbolisch den Abschied von der Tram einläuten, die in der Innenstadt das entscheidende Verkehrsmittel war.

An wen richtete sich die Buslinie?
Die Verbindung zwischen Bogenhausen und Schwabing bediente keine Industriebetriebe und konnte zudem mit der Straßenbahn durch die Innenstadt umfahren werden. Mit der Linie fuhren zum Beispiel Bogenhauser zum Einkaufen nach Schwabing.

Deshalb galt sie dann später auch nicht als kriegswichtig?
Ja. Deshalb sollte die Linie 1939 wieder eingestellt werden. Das Reichsverkehrsministerium hatte angewiesen, dass jeder „überflüssige Einsatz von Vergnügungs- und Ausflugsverkehr“ zu unterbleiben habe. Das war im Spätsommer 1939, als sich die Situation deutlich verschärft hatte. Mitarbeiter waren einberufen worden, auch Busse wurden von der Wehrmacht beansprucht, Treibstoffkontingente reduziert.

Die Linie wurde eingestellt, aber kurz danach wieder aufgenommen. Warum?
Wegen Hitler. Die Debatte im Stadtrat im Oktober 1939 zu Klagen über den Nahverkehr wurde vor allem deshalb mit großer Schärfe geführt, weil der „Führer“ über seinen Adjutanten Julius Schaub mitgeteilt hatte, er wolle, dass „in München wieder ein besserer Betrieb durchgeführt“ wird. Insbesondere, heißt es ausdrücklich, habe er sich über die Stilllegung der Busse durch den Englischen Garten geärgert. Zwar kritisierten einige Ratsherren indirekt diesen „Führerwunsch“, aber Oberbürgermeister Fiehler merkte an, über die zahlreichen Schwierigkeiten könne man mit Hitler nicht sprechen. Er habe „den Kopf voll genug mit den großen Fragen“.

Nachbarn der Nazi-Größen sollten Krieg nicht spüren

Was mag Hitler denn bewogen haben, sich in Kriegszeiten in eine so vermeintlich kleine Frage wie die, ob eine einzelne Buslinie gefahren wird, einzubringen?
Zwar fuhren die Herren aus den Führungsetagen von Gau- und Parteileitung weiter mit dem Auto, aber ihr direktes Umfeld war betroffen. Einige Nazi-Größen wohnten in Bogenhausen um den Prinzregenten- und den Böhmerwaldplatz. Darauf wurde sogar in Stadtratssitzungen explizit verwiesen. Während sie harte Sparmaßnahmen bei der Bevölkerung forderten, sollten ihre Ehefrauen und Kinder, ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und ihre Nachbarschaft nichts spüren.

Gibt es konkrete Beispiele?
Ja. Hitlers langjährige Haushälterin Anni Winter beschwerte sich wohl mehrmals bei Hitler über den in ihren Augen unzureichenden Busverkehr, da sie nicht mehr vormittags nach Schwabing zum Einkaufen fahren konnte. Der Reichskanzler gab den Ärger gleich an die Stadt weiter und forderte jeweils Verbesserungen, was unter den Ratsherren zu turbulenten Debatten führte, da sie nichts mehr fürchteten als den Zorn ihres „Führers“.

Was passierte nach Hitlers Intervention?
Ab dem nächsten Tag fuhr der Bus durch den Englischen Garten wieder – wenn auch mit kleinen Einschränkungen. Bei späteren Veränderungen im Linienbetrieb versuchte die Stadt jeweils, Rücksicht auf Hitlers Umfeld zu nehmen.

Was zeigt dieser Fall?
Dass der Kampf um die knappen Ressourcen auch im Krieg nicht nur zwischen kriegswichtiger und ziviler Versorgung bestand – sondern dass auch da noch bestimmte Gruppen privilegiert wurden. Wie eben das Umfeld der Nazi-Größen. Ganz besonders galt das natürlich in der „Hauptstadt der Bewegung“, wo viele führende Nationalsozialisten lebten.

Sie haben in Ihrer Forschung zu dem Thema auch viele Beschwerden aus der Bevölkerung ausgewertet. Ist das nicht überraschend, dass es die gab – im Krieg, in einer Diktatur?
Meine These ist, dass es bei den Nazis in München eine große Angst vor einem Stimmungsumschwung in der Bevölkerung gab. Das ist aus vielen Protokollen der Sitzungen im Rathaus aus dieser Zeit herauszulesen. Immer wieder mahnten die Ratsherren, auf die Bevölkerung Rücksicht zu nehmen. Ein Punkt war der öffentliche Verkehr. Wenn die Trambahn nicht mehr fährt, hieß es, merken die Leute, dass etwas nicht stimmt.

Die Münchner grantelten lautstark weiter, trotz allem?
Ja, das mag erstaunlich klingen. Aber es gab viele Beschwerden – eben über die kleinen, alltäglichen Dinge. So gab es viele Briefe zum Nordbad, das lange nicht fertiggestellt wurde. Es gab Beschwerden, dass das Duschwasser im Müllerschen Volksbad zu kalt sei – oder dass der Bus laut direkt an der Wohnung vorbei fahre.

Wie reagierten die Nazis?
Indem sie das ernst nahmen. Das Funktionieren städtischer Betriebe galt als Richtschnur für die Moral der Bevölkerung. Und: Man wollte ablenken. Dass das Essen rationiert war, dass die Väter, Brüder, Söhne an der Front fielen – darauf hatte man ja kaum Einfluss. Aber durch den Weiterbetrieb von Ausflugslinien oder Schwimmbändern wollte man eine scheinbare alltägliche Normalität aufrechterhalten.

Aber wenn die Ressourcen knapp wurden, konnte man doch auch den öffentlichen Verkehr nicht aufrechterhalten.
Man versuchte es mit vielen Tricks. So wurden einzelne Haltestellen aufgehoben, um Material zu schonen und Strom zu sparen – weil die Straßenbahnen dann weniger oft bremsen und anfahren mussten. Oder man vergrößerte den Abstand zwischen Haltestellen – damit sogenannte „Kurzfahrer“ animiert würden, lieber zu Fuß zu gehen. Zugleich versuchte man Busse auf Gasantrieb umzustellen.

Was taten die Nazis noch, um die Münchner bei Laune zu halten?
Sie ließen die Kinos laufen, so lange es irgendwie ging. Selbst noch, als BMW nicht mehr genügend Strom bekam. Und es gab zum Beispiel weiter Galopprennen in Riem – dahin fuhren die Münchner übrigens auch mit dem Bus.


Seit 2009 erforscht der Lehrstuhl für Zeitgeschichte der Ludwig-Maximilians-Universität in Kooperation mit dem Stadtarchiv die Rolle der Stadtverwaltung im Nationalsozialismus. In verschiedenen Bausteinen werden, gefördert von der Stadt, einzelne kommunale Tätigkeitsfelder beleuchtet. Bisher wurden bereits vier Studien im Wallstein Verlag veröffentlicht.

Die Studie von Mathias Irlinger zu Stadtgesellschaft und Infrastrukturen wird am 17. September erscheinen.

 

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