Verbindungsmann Andre Kapke NSU-Prozess: „Der Feind steht immer innen“

2001 demonstrierte der „Thüringer Heimatschutz“, eine Neo-Nazi-Organisation, in Jena. Da hatte die Mordserie der NSU bereits begonnen. Foto: dpa

 

Der gespenstische Auftritt eines Zeugen im NSU-Prozess. Er hielt noch im Untergrund Kontakt zu den Neo-Nazi-Terroristen

Die Hände in den Jeans-Taschen, als warte er auf einen Kaffee an der Bar: So steht der Zeuge am Richtertisch und schaut sich ein Spielbrett an. „Denk schon“, sagt er und lacht auf die Frage, ober da mal mitgespielt hat. „Pogromly“ heißt das Spiel nach dem Vorbild von Monopoly. In dieser Version geht es um die Ermordung von Juden.

Und wenn schon? signalisiert der Zeuge. Er zuckt oft die Schultern. Andre Kapke (38), untersetzt, fast kahl, ist Mitglied der NPD, war Mitorganisator des „Thüringer Heimatschutzes“. Er soll der letzte Verbindungsmann zum NSU-Trio gewesen sein, das für die beispiellose Mordserie mit zehn Opfern verantwortlich ist. Er soll noch Geld für die Untergetauchten transportiert haben. Das sagte die Mutter des toten Terroristen Uwe Böhnhardt hier vor dem Münchner Oberlandesgericht aus. Kapke bestreitet das. Später, ab dem Jahr 2000 finanzierten sich die drei mit insgesamt 14 Bankrauben und zogen mordend durch die Republik.

 Den „Prozess des Jahres“ hat die Öffentlichkeit 2014 schon zweimal erlebt. Wulff, Hoeneß, erledigte Fälle. Aber der „Prozess des Jahrzehnts“geht weiter. Das Verfahren gegen Beate Zschäpe, die juristische Aufarbeitung der Mordserie, die Generalbundesanwalt Harald Range „unseren elften September“ genannt hat, nähert sich dem 100. Verhandlungstag. Ein Ende ist nicht abzusehen.

 Zehn Mordopfer, darunter neun mit ausländischen Wurzeln sind zu beklagen.

Konnte das Trio um Zschäpe (39), Uwe Böhnhardt (+34) und Uwe Mundlos (+38) die Morde,die Bankraube, wirklich ohne großes Netzwerk leisten? An diesen Fragen arbeitet sich das Gericht und die zunehmend ungeduldige Schar von Nebenkläger-Anwälten ab.

„Weiß nicht“, „kann ich mich beim besten Willen nicht erinnern“, „keine Ahnung“: Das ist die Litanei, mit der Zeuge Kapke wie so viele andere aus der rechten Szene die Beteiligten im Prozess zu ermüden versucht.

Aber es gibt andere Aussagen an diesem Tag, die einen wach halten können, auch mitten in der Nacht. „Der Feind steht immer innen“, sagt Kapke. Auf die Einspielung einer Interview-Aussage: „Multi-Kulti ist das größte Verbrechen der Menschheit... es sorgt  für Ausrottung ganzer Völker“ sagt Kapke nur: „Was ist daran falsch?“ Dass er früher mit Eisenstangen auf Linke losgegangen ist, das ist aktenkundig, aber der durchaus wortgewandte Zeuge stellt sich als gereift dar. Das klappt nicht ganz. Er sehe sich noch heute „in einem Freiheitskampf“, lässt er das Gericht wissen.

Das Gericht bemüht sich um die juristische Aufarbeitung der Mordserie. Die Vertreter der Opfer versuchen Zschäpe und ihre Gesinnungsgenossen als Teil einer großen funktionierenden Bewegung darzustellen. Das sorgt an Tagen wie diesen für gruselige Einblicke (Mussten „Kameraden“ zehn Liegestütze machen, wenn sie einen Döner gegessen haben? Nein, sagt Kapke)  und zu Konflikten. „Wir wollen doch vorankommen“,sagt der Vorsitzende Manfred Götzl an die Adresse der Nebenkläger. Mit einem Urteil vor dem Oberlandesgericht wird heuer nicht mehr gerechnet. Beate Zschäpe ist als Mittäterin angeklagt. Sie hat mehrmals gelächelt gestern.

 

1 Kommentar