Vater war KZ-Lagerführer Münchner (86): Mein Vater ist ein Massenmörder

Walter Chmielewski mit seinem Buch über seinen Vater Karl, den KZ-Lagerführer (kl. Bild). Foto: U. Düren/dpa; Wikipedia/Go2War2

Walter Chmielewski aus München ist Sohn eines KZ-Lagerführers. Jetzt legt der 86-Jährige Zeugnis ab – von den Bestialitäten des Vaters, dem „Teufel von Gusen“.

München - Die Sonne scheint auf die rosa Blütenblätter, die den Rasen des gepflegten Vorgartens fast zudecken. In einer gemütlichen Wohnung in Unterhaching ist der Tisch gedeckt, Kaffee wartet. Walter Chmielewski, ein freundlicher 86-Jähriger, empfängt im Janker den Besuch. Er ist der Sohn eines Massenmörders.

„Dass mein Vater ein Massenmörder ist, muss ich zugeben“, sagt er, und man merkt, wie schwer ihm der Satz fällt. Kürzlich ist ein Buch über seine Erinnerungen erschienen – obwohl sein Vater wegen fast 300-fachen Mordes schon 1961 verurteilt worden ist.

Walter Chmielewski ist der Sohn von Karl Chmielewski, Lagerführer im KZ Gusen, einem Außenlager des KZ Mauthausen, und der „Teufel von Gusen“ genannt wurde. „Der Sohn des Teufels“, so heißt das Buch, das Ende 2015 auf den Markt kam.

Warum tut er sich das an, im hohen Alter? Jetzt habe er Zeit, sagt er. „Ich wollte als Zeitzeuge mein Wissen und meine Erinnerung der Nachwelt zugute kommen lassen.“ Leicht war es nicht. „Ich habe das Meiste jahrzehntelang verdrängt, das kam alles wieder hoch.“ Erst bei Recherchen für das Buch sei ihm klar geworden, dass sein Vater ein Massenmörder war.

Privat ein "normaler Mensch"

Der Vater kommt 1940 nach Mauthausen, beaufsichtigt den Bau von Gusen, wird Lagerführer. Einer seiner Leitsprüche als Lagerkommandant ist: „Ein guter Häftling hält es nicht länger als drei bis vier Monate im KZ aus, wer es länger aushält, ist ein Gauner.“

Der junge Walter geht zum Haareschneiden zu einem inhaftierten Friseur, plaudert verbotenerweise mit Häftlingen. Die Morde, die der Vater begeht, sieht er nicht. Doch er riecht den Gestank vom Krematorium, sieht Häftlinge als Strafe in der Kälte stehen. „Ich habe ihn nur entsetzt als Kind zur Rede gestellt, und er sagte, das sind alles Volksschädlinge.“ Privat sei er „ein normaler Mensch“ gewesen und ein anderer, wenn er ins Lager ging. Geliebt habe er den Vater nie.

Die SS-Karriere des Vaters endet, als er verurteilt wird. Da war er für Mutter und Sohn längst gestorben: Er hatte zwei Geliebte. Die Mutter war ein „hundertprozentiges Gegengewicht“ zum Vater, schildert Chmielewski. Wenn Häftlinge als Handwerker ins Haus kamen, aßen sie mit der Familie Brotzeit. Ein inhaftierter Professor habe nach der Befreiung gesagt: „Den Mann haben wir gehasst, aber die Mutter haben wir verehrt wie eine Madonna“, erinnert sich Chmielewski. Seine Augen werden feucht.

Träume vom Leichen begraben

Nach dem Krieg hat er den Vater, der seine lebenslange Zuchthaus-Strafe in Straubing abgesessen hatte, erst nach seiner Begnadigung 1979 gesehen. Die Gefühle für ihn seien „absolut bei Null“ gewesen. Dass es nicht zu einer Aussprache kam, bereut Chmielewski nicht. Er träumt auch nicht vom Vater – sondern davon, dass er als Kriegsgefangener mit 15 im KZ Gusen Leichen begraben musste.

Gibt es Ähnlichkeiten mit dem Vater? Er überlegt. Äußerlich vielleicht, sonst sei er ganz anders, sensibel, natur- und tierliebend, ein linker Sozialdemokrat. Kinder hat er nicht.

Einen Schlussstrich gebe es nicht, glaubt der 86-Jährige. Er ist offen – auch für Gespräche mit Opferfamilien. Sein Unruhestand geht vorerst weiter. Er will ein zweites Buch schreiben: „Der Dritte Weltkrieg. Arm gegen Reich“. Und dieses Mal allein.

 

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