Valery Gergiev dirigiert Rodion Schtschedrins Oper "Lolita" in St. Petersburg

Valery Gergiev, Rodion Schtschedrin (Mitte) und Alisa Meves, die Programmleiterin des Mariinsky Theaters. Foto: privat

Valery Gergiev dirigiert eine Vertonung von „Lolita“ in St. Petersburg, obwohl der erotische Stoff der politischen Linie in Russland widerspricht

 

Er nimmt es nicht allzu genau mit der Zeit. Der Maestro lässt gern auf sich warten. In Sankt Petersburg ist das Publikum längst daran gewöhnt. Hier regiert Valery Gergiev seit 1996 – einer gefühlten Ewigkeit – am traditionsreichen Mariinsky-Theater. Umso gelassener reagiert auch diesmal das Gros der Besucher, obwohl der Dirigent fast eine halbe Stunde zu spät kommt. Viele trudeln selbst verspätet ein. „Dieses allgemeine ‚cum tempore‘ gehört zu unserer Lebensart in Petersburg“, erklärt ein Ehepaar auf Englisch.

Der Saal, das von Gergiev initiierte und 2013 eröffnete Opernhaus „Mariinsky II“, ist sehr gut gefüllt an diesem Abend. Neben weiten Kreisen der Petersburger Schickeria und High Society ist auch viel junges, diverses Publikum vertreten, überall Kameras und Szene-Journalisten. Die Petersburger Erstaufführung der Oper „Lolita“ von Rodion Schtschedrin nach dem gleichnamigen Skandalroman des Exil-Russen Vladimir Nabokov von 1955 ist ein mediales Großereignis.

Keine traditionelles Familienbild

Zwar wurde eine Produktion der Prager Nationaloper gezeigt, die bereits im Herbst am dortigen Ständetheater Premiere hatte, aber: „Lolita“ war und ist bis heute in Russland ein Politikum. Immerhin geht es um den pädophilen Literaturwissenschaftler Humbert Humbert, der sich in die 12-jährige Dolores Haze verliebt. In der Sowjetunion durfte Nabokovs „Lolita“ erst 1989 veröffentlicht werden. Noch bis Mitte der 1980er Jahre waren Bücher von Nabokov, dessen Familie nach der Oktoberrevolution 1917 geflohen war, in der UdSSR strikt verboten, bei Androhung von Straflager.

Vor 1989 kursiert die „Lolita“ in der Sowjetunion nur als illegaler Druck. Auch der inzwischen 87-jährige Schtschedrin hat das Buch in dieser Form kennen gelernt, ehe er den Roman in den frühen 1990er-Jahren für Stockholm vertonte. Nach Russland kam die Oper allerdings sehr viel später. Bis 2003 war das Werk nur in Ausschnitten bekannt: vor allem in Gestalt der symphonischen „Lolita-Serenade“, uraufgeführt 2001 von Mariss Jansons in Pittsburgh.

Gergiev selbst hat die „Lolita“ 2008 beim Rostropovich-Festival in Samara sowie in Petersburg geleitet, allerdings nur den zweiten Akt und konzertant. Die erste und bis jetzt einzige szenische, vollständige Aufführung der Oper in Russland wurde 2003 in Perm realisiert, mit einem Gastspiel 2004 in Moskau.

Damals war Russland unter Vladimir Putin noch eine andere Nation als heute. In der Zwischenzeit reiten weite Teile der Gesellschaft auf der pro-sowjetischen Nostalgie-Welle. Selbst das grausame Wirken des sowjetischen Diktators Josef Stalin wird relativiert, samt neuen Stalin-Denkmälern. Allein dies erschwert die „Lolita“-Rezeption in Russland massiv, ganz zu schweigen von fragwürdigen Gesetzgebungen. Manche scheinen auf den ersten Blick gut gemeint, entpuppen sich aber als repressive Maßnahmen gegen die Freiheit der Meinung und der Kunst wie auch gegen Minderheiten.

Freigegeben ab 18 Jahren

So gilt ein besonderer Schutz von Minderjährigen, weshalb vor ihnen nur ein „traditionelles Familien- und Sexualbild“ propagiert werden darf. Damit sollen Kinder und Jugendliche vor Pädophilie geschützt werden, so die offizielle Begründung. Indessen hat das auch zur Folge, dass seit 2013 in Gegenwart von Minderjährigen auch nicht über Homo- und Transsexualität gesprochen werden darf. Die Folgen sind gravierend, zumal selbst die Beratung und Betreuung faktisch kriminalisiert sind.

Unter jungen russischen Homo- und Transsexuellen ist die Selbstmordrate seither um ein Vielfaches gestiegen, und sie steigt weiter. Auf einer denkwürdigen Pressekonferenz der Münchner Philharmoniker im Dezember 2013 hatte Gergiev die homophobe Politik seines Freundes Putin noch relativiert – und jetzt die brisante „Lolita“-Premiere.

Auf der Internet-Seite des Mariinsky-Theaters ist die „Lolita“-Oper ab 18 Jahre freigegeben. Dass sie aber überhaupt gezeigt werden kann, grenzt vor diesem Hintergrund an ein Wunder. Wie aus dem Umfeld der Nationaloper in Prag wie auch aus dem Mariinsky-Theater zu hören ist, soll Gergiev selbst gezweifelt haben, ob das Projekt realisiert werden könne. „Lolita“ war bislang die einzige Oper Schtschedrins, die am Mariinsky-Theater noch nicht gegeben wurde: wegen des heiklen Stoffes. Als Gergiev von der Prager Neuinszenierung der slowakischen Regisseurin Sláva Daubnerová hörte, besuchte er eine Vorstellung und kaufte die Produktion anschließend ein.

Wie mutig ist Gergiev?

„Das gelingt nur Gergiev mit seinen engen Kontakten“, so ein russischer Kritiker nach der Petersburger Premiere. Mit diesem Projekt ist Gergiev fraglos ein Coup gelungen, auch dank starker Solisten wie Pelageya Kurennaya als Lolita, Petr Sokolov als Humbert, Daria Rositskaya als Lolitas Mutter Charlotte oder Ale Briscein als Humberts Nebenbuhler Quilty: Sie alle bieten eindrückliche Charakterstudien. Das ist nicht einfach in dieser Oper – nicht so sehr wegen der Musik, die sehr eingängig und im Grunde einfach gestrickt ist, sondern wegen des Stoffes.

Diese Opern-Premiere wird derzeit in Russland breit diskutiert. Das ist gut, aber dabei darf es nicht bleiben. Es gibt auch homoerotische Opern von Benjamin Britten wie „Death in Venice“ nach Thomas Mann, „Peter Grimes“ oder Billy Budd“, die in Russland gegenwärtig ignoriert werden.

Die Aufführung solcher Werke könnte den „Putin-Versteher“ Gergiev als Künstler glaubwürdiger machen. Hat er auch dazu den Mut?     

 

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