US-Biathlontrainer im AZ-Interview Michael Greis: "Bei den Amerikanern gibt es weniger Neid"

Star-Biathlet, Triple-Olympiasieger, Nationaltrainer der USA: Die vielen Gesichter und Aufgaben des Michael Greis. Foto: Augenklick/Rauchensteiner/Ernst Wukits/Imago

Triple-Olympiasieger Michael Greis ist jetzt der Nationaltrainer der USA. Im AZ-Interview spricht er über die neue Aufgabe, Biathlon-Star Laura Dahlmeier und seinen Glauben: "Ich bin da zerrissener als früher."

 

München - Michael Greis gewann bei den Olympischen Spielen 2006 in Turin drei Mal Gold im Biathlon, zudem war er drei Mal Weltmeister. 2012 erklärte der jetzt 42-Jährige seinen Rücktritt, seit dieser Saison ist er Nationaltrainer der US-amerikanischen Männer-Mannschaft.

AZ: Herr Greis, welche Möglichkeiten haben Sie denn jetzt im Land der angeblich unbegrenzten Möglichkeiten als neuer Nationaltrainer der amerikanischen Biathleten?
MICHAEL GREIS: Es macht richtig Spaß, ich bin fast jeden Monat für zwei Wochen drüben. Natürlich ist es eine Herausforderung, weil das Land riesige Dimensionen hat, die die Koordination nicht in jeder Lage einfach machen. Ich habe jetzt erst einmal für ein Jahr unterschrieben und danach werden wir gemeinsam Bilanz ziehen. Was mir wirklich gefällt, ist der unglaublich positive Spirit, der in der Mannschaft herrscht. Hier helfen sich die Athleten alle untereinander, geben sich Tipps, wie man sich verbessern kann. Wenn einer mal was vergessen hat, borgt ihm der andere was – das sind hier Selbstverständlichkeiten. Das war ich bei uns etwas anders gewohnt. Das Konkurrenzdenken, die Neid- und Nichtgönnen-Gesellschaft ist bei uns ausgeprägter als bei den Amerikanern, da gibt es weniger Neid.

Sie sprachen den Teamspirit an. Merkt man als Nationaltrainer eigentlich die tiefe innere Zerrissenheit, die im Moment in den USA herrscht und durch Präsident Donald Trump und dessen Reden und Aktionen sehr verstärkt wird?
Im Team ist die Meinung sehr klar, Trump-Verehrer findet man da nicht. Es geht alles sehr cool und relaxt zu. Deswegen kann ich jetzt nicht sagen, dass ich in der täglichen Arbeit von dieser Spaltung betroffen bin. Im Land selber hängt es natürlich sehr davon ab, wo man sich aufhält. Aber man redet jetzt auch nicht ständig über Politik. Was mich beeindruckt, ist die unglaubliche Weite des Landes, wie man auch für sich selber eine Art Entschleunigung feststellen kann. Man weiß auch, dass allein aufgrund der Abstände, aufgrund der Weite manches etwas anders läuft.

"Dem Biathlon fehlt die Lobby"

Warum spielt Biathlon in einem Land, das – um es positiv zu formulieren – einen entspannten Umgang zu Waffen pflegt, keine echte Rolle?
Das ist in der Struktur begründet, in Amerika sind ja die einzelnen Bundesstaaten relativ autark, die Colleges auch. Da gibt es keine große Lobby für Biathlon, deswegen muss sich in der Entwicklung der Leistungszentren was tun. Es gibt auch viele Bundesstaaten, in denen es sowieso keinen Schnee gibt und dort wo es ihn gibt, ist halt Skifahren dann doch oft viel populärer. Aber ich hoffe, dass wir da ein bisschen was bewirken können.

Zu den deutschen Biathleten. Die Männer...
...stehen ganz gut da, die Routiniers wie Simon Schempp werden das Ganze noch einige Zeit prägen, obwohl ich überrascht war, dass sie bei den Deutschen Meisterschaften keine so überragende Rolle gespielt haben. Das zeigt nur, dass die Nachwuchsarbeit gut ist, dass da schon einiges nachkommen kann.

"Laura Dahlmeier ist eine Ausnahmeerscheinung"

Bei den Frauen überstrahlt Laura Dahlmeier alles.
Absolut. Sie ist eine Ausnahmeerscheinung, wie es sie nicht oft im Sport gibt. Wenn sie will, kann sie den Sport lange dominieren, wobei sie jetzt mit einigen gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hat. Und das ist ja auch nicht das erste Jahr, in dem der Körper es ihr nicht leicht macht.

Dahlmeier macht keinen Hehl daraus, dass der Sport für sie nicht alles ist, dass sie Auszeiten – gerade mental – braucht. Ist das ihre große Stärke?
Es scheint so, wobei ich sie da auch nicht immer ganz verstehe. Wenn Biathlon das ist, was ich liebe, und man ja auch weiß, dass man als Athlet nur eine beschränkte Anzahl an Jahren hat, in denen man Erfolg haben kann, wundert es mich schon, dass man immer wieder darüber nachdenkt, die Karriere zu beenden. Ich hätte mich zu meiner aktiven Zeit auch nie getraut, derart mein eigenes Ding durchzuziehen. Aber ich war da wahrscheinlich einfach zu brav, zu bieder, zu spießig. Laura hat ihren Kopf, ihre Meinungen, sie weiß, was für sie gut ist und sie zieht das dann auch durch. Davor habe ich sehr viel Respekt.

"Hoffentlich gibt es ein Leben nach dem Tod"

Sie sprachen bereits die begrenzten Jahre als Sportler an – am Anfang Ihrer Karriere überlegten Sie ja, ob Sie danach das Bestattungsunternehmen Ihrer Eltern übernehmen würden.
Das hat meine Schwester übernommen und so ganz ernsthaft wollte ich das auch nie. Ich mag die Lebenden lieber als die Toten. (lacht)

Hat man, wenn man so aufwächst, einen anderen Umgang mit dem Tod?
Da das Bestattungsunternehmen gleich am Haus war, ist der Tod natürlich normaler. Aber das ändert nichts an dem Schock, den man empfindet, wenn der Tod im nahen Umfeld bei einem zuschlägt.

Sind Sie gläubig?
Schon, aber es ist wirklich schwierig. Ich war früher Ministrant, ging in die Kirche, man hat geglaubt. Ich finde die Vorstellung, dass es ein Leben nach dem Tod gibt, sehr romantisch. Aber ich bin nicht überzeugt, dass es wirklich so ist. Die Wissenschaft hat – bei allem, was sie kann – nie einen Beweis für das Leben danach gefunden. Ich muss zugeben, dass ich in der Glaubensfrage zerrissener bin, als ich es früher war. Ich habe auch mit gewissen Dingen in der Kirche meine Probleme. Die Welt verändert sich drastisch und dramatisch und die Kirche befasst sich immer noch zum großen Teil mit der Auslegung von Schriften, die über 2000 Jahre alt sind. Lassen Sie es mich so ausdrücken: Ich bin im Herzen ein Romantiker, der hofft, dass es dieses Leben nach dem Tod gibt. Wie gesagt: Ich hoffe.

 

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