Unter der Residenz Reise in den Untergrund: Münchens Katakomben

Der Blick in das Kasematten-Gewölbe zeigt: Das Mittelalter lebt in München. Die Bilder zum Durchklicken! Foto: Thomas Müller

Unter der Residenz haben sich Gewölbe, Gänge und Keller der mittelalterlichen Neuveste erhalten. Nur selten gibt’s die Gelegenheit zur Besichtigung – wie’s genau dort ausschaut, zeigen wir hier.

 

Altstadt – Münchner Mittelalter? Ein paar bedeutende Reste sind ja durchaus noch erhalten: drei Stadttore, drei erhaltene Relikte der Stadtmauer, der Alte Hof, das Zerwirkgewölbe, ein paar Bürgerhäuser, nicht zu vergessen der Dom und gotische Reste im Alten Peter. Aber sonst? Muss man schon in den Untergrund – in die Katakomben von München. Unter der Residenz.

Ein schmiedeeisernes Gitter öffnet sich quietschend und gibt den Weg frei auf eine steile Treppe, die sich unter den Herkulessaal windet. Was folgt, ist sensationell: Ein langer, ziegelgemauerter und gewölbter Gang. So breit, dass locker ein SUV durchfahren könnte. Der Boden ist kiesbedeckt, das Grundwasser drückt von unten. Dementsprechend muffig riecht’s auch.
Die gut 25 Teilnehmer der Führung „Residenz von unten“, die nur während der Residenzwoche stattfindet, sind begeistert. Trotz nasser Schuhe.

Wir stehen jetzt in den Kasematten der Neuveste, dem Vorgängerbau der Residenz. Vor 500 Jahren sind hier Soldaten Streife gelaufen. Durch die Schießscharten, die sich damals knapp oberhalb des Wasserspiegels des Grabens befanden, haben sie Ausschau gehalten nach Feinden. Beim Abbruch der westlichen Neuveste und der Auffüllung des Wassergrabens sind die Reste dieser Bauten unter dem Apothekenhof begraben worden. Und in Vergessenheit geraten, ein paar Jahrhunderte lang.

Erst Otto Meitinger, der den Wiederaufbau der Residenz 1953-63 leitete, hat die alten Katakomben nach dem Krieg wieder entdeckt und erforscht. Als junger Baubeamter nutzte er nach 1945 die Gelegenheit, die offenliegenden Grundmauern und aufgewühlten Höfe der zerstörten Residenz zu untersuchen. Und fand diese Reste der Neuveste, des zweiten Münchner Stadtschlosses – das erste ist bekanntlich ja der Alte Hof.

Die Neuveste wurde ab 1385 erbaut, erreichte 1560 seine größte Ausdehnung und wurde ab 1620 peu a peu abgerissen wurde, um der stetig wachsenden Residenz Platz zu machen. 1750 fielen dann praktischerweise große Teile einem großen Brand zum Opfer.
Weiter geht’s den Gang entlang, bis er links in einen quadratischen Raum mit Schießscharten führt: Es ist das Untergeschoss des einst 30 Meter hohen Silberturmes (erbaut um 1400), das einstige Wahrzeichen der Neuveste.
Das quadratische Gemäuer ist oben, im Pflaster des Apothekenhofs der Residenz, markiert. Noch ein Stück weiter geht's dann in ein schlichtes, rechteckiges Gewölbe - die erste Schatzkammer der alten Wittelsbacher-Burg: Karg, leer. Aber erhalten.

Weiter geht’s zu den Resten eines Geschützturms und zum um 1560 überwölbten Zwinger. Hier wartet eine kleine Sensation: Im gleißenden Licht von Bauscheinwerfern sind drei gemauerte Wasserbecken zu erkennen. Der Baumeister Leo von Klenze hat sie im 19. Jahrhundert errichten lassen, um Kalk zu löschen. Sie sind immer noch funktionstüchtig. Und werden sogar heute noch benutzt, wenn's in einem der unzähligen Residenz-Gemächer mal wieder etwas zu kalken gibt. Dispersionsfarbe macht sich manchmal halt schlecht.

Die Reise unter Tage ist damit nicht vorbei. Ein schmaler Gang führt zu einer modernen Betontreppe hinauf in den Seitenflügel des Cuvilliéstheaters. Es geht einen Gang entlang und wieder runter in den Keller, wo der Höhepunkt des unterirdischen Rundgangs wartet: ein zweischiffiger, kreuzgratgewölbter Saal mit vier mächtigen Pfeilern in der Mitte. Er wird gerade hergerichtet. Es ist der Keller des um 1560 errichteten Ballhauses. Ballhaus? Eine Sporthalle für die Wittelsbacher Renaissance-Fürsten, die hier vor 450 Jahren eine Art Squash gespielt haben.
Zurück geht's dann wieder in die Kasematten-Gänge, die vom Cuvilliéstheater im Bogen wieder hinüber führen zum Festsaalbau der Residenz – unter den Herkulessaal, die Treppe rauf zu besagtem Eisentor.

Ein schönes Stück Spätmittelalter, das sich da erhalten hat – da unten, in Münchens Katakomben.

 

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