Ungeahnte Ruhe- und Kraftorte Der Mythos Isar: Wo die Kraft des Wassers groß ist

Wie ruhig, wie schön sie dahinfließt: Die Isar auf Höhe der Marienklause ist am Morgen noch ein Ort der Ruhe, an dem man Kraft tanken kann. Foto: Sophie Anfang

Dort, wo die Isar heute langsam nach München hineinfließt, war sie einst wild und reißend. Viele Mythen ranken sich seither um diesen Ort. Die AZ führt Sie südlich des Flauchers zu sagenhaften Stellen.

 

München - Die südlichen Isarauen sind im Sommer bei den Münchnern beliebt. Zu beliebt, finden die einen und sagen, der Flussstrand verkomme zur Partyzone. Abseits der ausgetretenen Flaucherwege offenbart der Fluss allerdings eine andere Seite. In der Natur finden Spaziergänger ungeahnte Orte der Ruhe und Kraft: ein Gang entlang Münchens wilder und manchmal sogar recht unheimlicher Lebensader. Wir führen Sie zu jenen Stellen, an denen einst gebetet, gebangt und gehofft wurde.

St. Maria in Thalkirchen: Schwimmhilfe von Maria

So still wie an Münchens heutiger Stadtgrenze in Thalkirchen war die Isar nie. Sie breitete sich weit über die heutigen Ufer aus. Im Mittelalter war der Fluss sogar so berüchtigt, dass eine Überquerung als gefährlich galt. „Aus diesem Grund warfen sich Christian und Wilhelm von Fraunberg am Isarstrand nieder und baten bei der Jungfrau Maria um Beistand“, sagt Veronika Hofstätter, Führerin bei den Stadtspürern, die regelmäßig Touren zu mystischen Isarorten anbieten.

Die Fraunberger waren Generäle vom Wittelsbacher Stephan mit der Hafte, Herzog von Bayern. Mit seinen Brüdern trug er Fehden gegen mehrere Reichstädte aus, unter anderem Augsburg.

1372 kam es zum Krieg. Die Augsburger drängten die Truppen von Stephan II. in Richtung Isar. Eingekeilt zwischen Soldaten und Wasser gelobten die Feldherren an dieser Stelle eine Kirche zu bauen, wenn es das Heer schafften sollte, unbeschadet den reißenden Strom zu durchqueren. Mit Ross und Reiter schafften die Truppen das Wagnis. Wenig später stifteten die Fraunberger links der Isar eine Kapelle – heute als „St. Maria Thalkirchen“ bekannt.

Über die Jahrhunderte wurde am Gotteshaus kräftig weitergebaut. Seit dem 15. Jahrhundert ist die Kirche ein bedeutender Wallfahrtsort. Zunächst pilgerten Gläubige zu den Original-Splittern des Kreuzes Christi aus Jerusalem, in der Barockzeit zum marianischen Gnadenbild. Auch heute noch ist „St. Maria Thalkirchen“ ein Ort, um Ruhe und Einkehr finden zu können – etwa bei der wöchentlichen Wallfahrtsandacht.

Fraunbergplatz 5, Wallfahrtsandacht jeden Samstag um 16 Uhr

Die Flossanlegestelle: Eine Wallfahrt auf dem Wasser

Thalkirchen und seine Wallfahrtskirche sind seit Jahrhunderten eng mit der Flößerei verbunden. Bevor die Isar in ihre heutigen geradlinigen Bahnen gelenkt wurde, verlangte ein starkes Gefälle gleich nach Thalkirchen den Flößern einiges ab. Es war üblich, vor dieser gefährlichen Passage zur Wallfahrtskirche zu pilgern. Daraus entwickelte sich die Flößerwallfahrt, die bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs einmal im Jahr von den Isarwinklern veranstaltet wurde. Heute findet das Spektakel in unregelmäßigen Abständen statt, am 2. September ist es wieder so weit. Gefahren – oder besser: geschwommen – wird mit geschmückten Pilgerflößen aus Wolfratshausen bis zur Zentrallände.

Die Lände wurde angesichts des Hochbetriebs auf dem Wasser zum Ende des 19. Jahrhunderts neu eröffnet, die alte an der Ludwigsbrücke abgerissen. Seit 1900 ist die Thalkirchner Lände die einzige verbliebene Anlaufstelle für die Flößer. Heute geht’s dort im Sommer freilich nur bedingt andächtig zu: etwa 600 Flöße inklusive Touristen, Bierfässern und Blaskapellen legen dort jährlich an.

Bei Ausflüglern war das Isarfloß schon vor 300 Jahren beliebt. Auf dem sogenannten Ordinari-Floß konnte wohlhabende Klientel über die Donau von München bis nach Wien schippern. Auch Kurfürst Max Emanuel nutzte so ein Personenfloß, als er 1683 den Habsburgern gegen die Türken Beistand leistete. Eine Schautafel an der Gaststätte des Campingplatzes Thalkirchen erinnert an die Bedeutung der Isar als Handels- und Transportweg.

Zentralländstraße 49

Die Marienklause - Rufe aus den Auenwäldern

Auf der rechten Seite des Isarwehrkanals wird es unheimlich. Dicht an den Steilhang des Hochufers gedrängt, zwischen alten Bäumen, steht eine Kapelle. Die Marienklause wurde 1866 vom Wassermeister der Auer-Mühlbach-Schleuse gebaut.

Er widmete sie zum Dank der Muttergottes, die ihn mehrmals vom Tod bewahrt hatte. Vor allem vom immer wiederkehrenden Hochwasser sowie den Felsstürzen am Hang war er verschont geblieben. Die Furcht vor der Naturgewalt des Flusses war schon lange vorher im Bewusstsein der Menschen verankert.

Mythen und Volkserzählungen zeugen von der Unbändigkeit des Wassergebiets. Im Spätsommer erschallen demnach leise Lockrufe durch die Auenwälder, die an das Trällern eines Vogels erinnern. „Tutli-i-i-i“, singt die Isarnixe. Der schmeichelhafte Gesang soll der Sage nach viele in die Fluten gelotst haben, wo sie dann ertranken. Aus diesem Grund beteten die Floßknechte auf Höhe des Isarwehrs laut – oder sie verstopften sich die Ohren, damit sie vom Ruf der Wasserfrau verschont blieben.

Ursprung der Erzählung ist die Geschichte eines Grünwalder Burgfräuleins, das dafür bestraft wurde, einen verschmähten Liebhaber in die Fluten der Isar gestürzt zu haben.

Demnach lebt die Nixe noch heute mit ihrem Mann in einer Höhle bei Großhesselohe. Zur Hochwasserzeit soll sie durch die Auen huschen und Wanderer mit Irrlichtern vom Weg abbringen. Von solchen unerklärlichen Lichtererscheinungen gibt es auch Berichte aus den Wackersberger Leiten. Dort soll der Geist der erschlagenen Frau eines österreichischen Soldaten die Bauern auf dem Nachhauseweg aus der Wirtsstube durchs Moor in Richtung Wasser geleitet haben.

Marienklause, Schlichtweg 15, Zugang von der Zentrallände über den Marienklausensteg oder in Harlaching von der Hochleite aus über den Serpentinenweg

Felsformationen: Höhlengestalten im alten Gestein

Zwischen Menterschwaige und Großhesseloher Brücke fallen die Uferhänge der Isar steil ab. In dem alten Gestein, Schotterflächen aus der Eiszeit, haben sich Höhlen und Grotten gebildet. Darin sollen unheimliche Wesen leben und Skelette von längst Verstorbenen ihre Waffen fest umklammern.

Bewacht werden die Toten von riesigen Kröten. In einer der Höhlen streiten sich zwei Kaiser um ihren Bart. Das Klirren der Schwerter ist von Zeit zu Zeit hörbar.

Wer dem Felsen zu nah kommt, sollte sich vor den Rufen des Schnarchermanndls in Acht nehmen. Der Höhlenkobold verjagt mithilfe von lauten Schnarchtönen diejenigen, die den Kaisern beim Kampf zuschauen wollen. Der Erzählung nach fügt das Manndl allen großes Leid zu, die es zu fassen bekommt. Bei einem der Raufenden soll es sich übrigens um den Geist von Karl dem Großen handeln.

Der soll am 6. April 742 oder am 2. April 747 in einer Reismühle in Gauting zur Welt gekommen sein – einer anderen Geschichte nach, die nicht mit Fakten belegt ist.

Über die Menterschwaig- oder die Waldschmidtstraße in Harlaching geht es am Hang entlang zur Isar hinab

Das Zollhaus: Beamtenwohnung mit Isarblick

Mit der Maut kennen sich die Bayern aus. Seit dem 14. Jahrhundert wurde der sogenannte Pflasterzoll für die Benutzung von Straßen erhoben. Während die Abgabe in anderen deutschen Ländern bereits um die Jahrhundertwende eingestellt wurde, zahlten Handeltreibende und Reisende in Bayern noch bis in die 1930er Jahre Pflasterzölle. Ein Relikt aus dieser Zeit ist das Zollhaus in der Wolfratshauser Straße 139. Das städtische Gebäude an der Grenze zwischen Thalkirchen und Solln wurde 1900 gebaut.

Das denkmalgeschützte eingeschossige Haus mit dem Münchner Kindl im Giebel ist heute ein reines Wohnhaus, früher beherbergte es die Wohnung eines Zollbeamten.

Zu dieser Zeit war der Vorbau an der Nordostseite des Gebäudes der Eingang in die Zollstation, der Fenstererker auf der anderen Seite wurde vermutlich als Schalter genutzt.

Der Entwurf für das Zollhaus stammt vom Münchner Baubeamten Hans Grässel. Er hat München vor allem durch seine Friedhofsgestaltung geprägt. So stammt etwa die Aussegnungshalle am Nordfriedhof von Grässel. Sein Modell des Waldfriedhofs mit den angelegten Grabfeldern und Restriktionen für Grabmäler sowie Grabschmuck wurde zum Vorbild für Friedhöfe in ganz Deutschland.


Die Stadtspürer führen Sie zu besonderen Orten

Schaurige und mystische Orte kennen die Münchner Stadtspürer zuhauf. Sie bieten zahlreiche wechselnde Stadtführungen zu den Kraftorten an der Isar sowie in der ganzen Stadt an. Wer mehr über den „Fluch der Isarnixe“ und die unheimlichen Schauplätze der Vergangenheit rings um Flaucher und Hochufer erfahren möchte, kann sich von den Experten die Geheimnisse der Stadt verraten lassen.

Der Rundgang, ausgehend von Thalkirchen bis an Münchens Grenze, dauert etwa zweieinhalb Stunden. Am 26. August findet die nächste Führung statt.

Mehr Informationen unter: www.mystisches- muenchen.de, Kosten um 20 Euro, Tel.: 089 27375707

 

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