Unerfüllte Hoffnungen Studie kritisiert Carsharing: Autoschwund bleibt aus

Wer überall mit seinem Handy ein Auto mieten kann, braucht kein eigenes mehr. Das versprechen viele Carsharing-Anbieter. (Symbolbild) Foto: Friso Gentsch/dpa

Eine Studie stellt den Sinn des neuartigen Carsharing massiv in Frage, auch der ADAC ist skeptisch. München geht einen eigenen Weg.

 

Als intelligente Maßnahme gegen den Verkehrskollaps in den Städten wurde vor ein paar Jahren die Einführung einer neuartigen Form des Carsharing gefeiert. Free-floating-Leihwagen (frei verfügbare) überall im Stadtgebiet, die mit einer Smartphone-App nach Lust und Laune benutzt werden können, sollten die Anschaffung von privaten Pkw überflüssig machen. Doch jetzt wird erste Kritik laut: Das Carsharing erfülle die in es gesetzten Hoffnungen nicht.

In München erreicht Pkw-Bestand neuen Höchstpunkt

Beispiel München: Auch nach der Einführung des Carsharing durch die Pioniere "car2go" und "DriveNow" 2011 und dem Nachfolgen weiterer Anbieter ging der Pkw-Bestand an der Isar keineswegs zurück, sondern erreichte mit 714.658 zugelassenen Autos 2018 einen neuen Höchststand. In den Großräumen Berlin und Hamburg unterschied sich das Kfz-Zulassungsverhalten von 2012 bis 2017 nicht von dem in den Jahren 2006 bis 2011.

Letztere Zahlen stammen aus einer Studie der Beratungsgesellschaft A. T. Kearney, die jetzt den Carsharing-Anbietern arges Missvergnügen bereitet. Fazit der Untersuchung: Die gemeinschaftliche Nutzung eines Autos durch mehrere Personen bringe nicht die Vorteile, die sich die Befürworter erwarteten. Besonders unangenehm ist die Behauptung, dass regelmäßiges Carsharing zulasten des öffentlichen Personennahverkehrs gehe, aber nichts am Besitz eigener Pkw ändere.

Auch der ADAC bewertet Carsharing nicht gerade euphorisch. Das herkömmliche stationsbasierte Carsharing sei ein "sinnvoller Baustein eines nachhaltigen Stadtverkehrs", habe allerdings nur geringe verkehrliche und ökologische Wirkungen. "Noch geringer", so der ADAC, seien die Effekte des Free-floating-Carsharing, weil es primär auf Kurzstrecken in der City benutzt werde und oft als Ersatz für die Fahrt mit dem ÖPNV oder Fahrrad diene.

Bundesverband Carsharing kritisiert Studie: "Sehr einseitig"

Das hört man verständlicherweise in der Branche gar nicht gern. Der Bundesverband Carsharing kritisiert die Studie. Sie habe zu dem unzutreffenden Eindruck geführt, dass die Zweifel am verkehrlichen Nutzen generell zunähmen, teilte ein Sprecher mit. Die Kearny-Kritik sei "sehr einseitig", ließ auch der größte Anbieter von Free-floating-Carshing, die Car2Go-Group (Daimler und BMW), wissen.

Die Carsharing-Branche wirft den Studienverfassern von Kearney vor, nur das Free-floating-Carsharing untersucht zu haben. Das wird in Deutschland gerade einmal in sieben Ballungsräumen praktiziert. Herkömmliche Carsharing-Angebote mit Abhol- und Abgabestationen aber gibt es in 740 Orten. Das stationsbasierte System schneidet auch in anderen Studien bei der verkehrsreduzierenden Wirkung besser ab.

Die neuartigen digitalen Systeme, bei denen man sich einfach ein Auto am Straßenrand nehmen und es am Zielort stehen lassen kann, sollen zudem auch für die Anbieter nicht gerade lukrativ sein. Dahinter stehen meistens Autokonzerne wie BMW, Daimler oder VW, die mit ihrem Investment auf dem Carsharing-Markt neue Technologien ausprobieren und auch Werbung für ihre Produkte machen können, weshalb sie daran festhalten.

Trotz steigenden Zahlen: Münchner Stadtverwaltung setzt auf Carsharing

Obwohl der Fahrzeugbestand in München immer noch ansteigt, setzt die Stadtverwaltung auf Carsharing. Immerhin zehn bis 20 Prozent aller Carsharing-Kunden schafften ihren eigenen Pkw tatsächlich ab, hat das zuständige Kreisverwaltungsreferat (KVR) ermittelt. Damit ändere sich auch ihr Mobilitätsverhalten.

Die Carsharer legten im Schnitt mit dem Auto nur noch 6000 Kilometer zurück. Mit eigenem Auto wären es 12.000 Kilometer. Allerdings sei auch zutreffend, dass 80 Prozent der Carsharing-Kunden ihr eigenes Auto behielten, sagt KVR-Sprecher Johannes Mayer. In der Gesamtbilanz reduziere Carsharing in der bayerischen Landeshauptstadt tatsächlich die gefahrenen Pkw-Kilometer.

Dieser Effekt tritt nach Beobachtungen der Stadt München nur ein, wenn Carsharing Teil eines Verkehrskonzeptes ist, bei dem frei werdende Parkplätze "dem Individualverkehr entzogen werden", etwa durch Reservierung oder das Pflanzen von Bäumen: Sonst seien die geräumten Parkplätze "ein Anreiz für andere, sich wieder ein Auto zu kaufen – und es wäre in der Tat ein Nullsummenspiel".

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