Um Muslime nicht zu provozieren Italienischer Rektor will keine Weihnachtslieder

Protest mit Krippe: Hier formieren sich die Gegner des Schulleiters in der Nähe von Mailand. Foto: dpa

Stattdessen soll ein „Winterfest“ stattfinden – dafür hagelt es nun Kritik von höchster Stelle. Ein Pro & Contra der AZ.

 

Die schöne staade Zeit hat in Italien gar nicht schön und auch kein bisschen staad begonnen. Dort gibt es mächtig Ärger um den Vorstoß eines Schulrektors nahe Mailand. Marco Parma (63) hat das traditionelle Singen von Weihnachtsliedern an der Gesamtschule in Rozzano im Dezember abgeblasen.

Der Grund: Er will damit „Rücksicht auf andersgläubige Schulkinder“ nehmen, die mit den christlichen Texten und Melodien nichts anfangen können. An der Gesamtschule mit 1000 Schülern gehen rund 200 Muslime zum Unterricht.

Anstelle christlicher Weihnachtslieder will Rektor Parma ein musikalisches Winterfest veranstalten. Damit klar ist, dass das nichts mit Advent, Weihnachten oder Christentum zu tun hat, ist der Termin für Ende Januar angesetzt. Gesungen sollen dann nur nicht-religiöse Lieder werden. Das berichtet die katholische Zeitung „Avvenire“.

Der Pädagoge, der die Schule seit mehr als 20 Jahren leitet und wohl genauso viele friedliche Adventssingen hinter sich hat, mag es nur gut gemeint haben. Der Rektor verweist in einer Stellungnahme auf die kürzlichen Attentate von Paris. Das Singen der christlichen Lieder könnte in diesem Zusammenhang als Provokation verstanden werden, glaubt er.

Der Schulleiter wolle die muslimischen Schüler „integrieren und nicht ausschließen“. Das Gefühl gab es nämlich im letzten Jahr. Die muslimischen Kinder standen laut Parma auf der Bühne, während die anderen Schüler weihnachtliche Lieder zum besten gaben. Die Muslimen seien nur da gestanden, hätten nicht mitsingen können. Ein adventliches Trauerspiel.

„Weihnachten ist wichtig. Er begeht einen großen Fehler“

„In einer multiethnischen Schule führen Weihnachtslieder zu Problemen“, sagt Parma. Deswegen hat er wohl auch das Angebot zweier Mütter, in den Pausen mit allen Kindern religiöse Lieder einzuüben, abgelehnt.

Der Rektor kommt mit seinem Vorstoß gar nicht gut an – weder bei Christen, noch Muslimen. Sogar der Ministerpräsident Italiens, Matteo Renzi, hat sich eingemischt: „Weihnachten ist wichtig. Wenn da ein Direktor versucht, durch die Absage einer Weihnachtsveranstaltung Integration und Koexistenz zu fördern, scheint er mir einen sehr großen Fehler zu begehen.“

Auch die Bürgermeisterin des Ortes ist empört: „Ich habe mit Verwunderung von der Streichung sämtlicher Weihnachtsaktivitäten durch die Direktion gehört“, so Barbara Agogliati. Sie sei damit überhaupt nicht einverstanden.

Der Interessenverband der Muslime bezeichnet den Vorstoß ebenfalls als „Irrtum“. In einer mehrheitlich christlichen Gemeinschaft müssten sich Muslime anpassen. Es sei wichtig, dass die muslimischen Kinder die Wurzeln ihrer Klassenkameraden kennenlernten. Es gibt aber auch solche, die ihre Kinder absichtlich nicht am Orchester-Unterricht teilnehmen lassen, da dies aus ihrer Sicht dem Islam widerspreche, so die Zeitung „Stampa“.

Matteo Renzi hat die Schulaufsicht nach Rozzano geschickt. Der Fall wird geprüft. Parma hat eingeräumt, sein Amt abzugeben. Ihm wurde auch schon vorgeworfen, er habe alle Kreuze in der Schule abgenommen. Das bestreitet er – es wären ohnehin gar keine aufgehängt gewesen.

Den Eklat nutzen nun auch fremdenfeindliche Parteien. Der Parteichef der Lega Nord, Matteo Salvini, wettert: „Wer Krippenspiel und Weihnachtsgeschichte streichen will, ist nicht geeignet für eine solche Arbeit.“ Während sie gegen Parma demonstrieren, halten einige Eltern dem Lehrer die Stange. Er sei ein guter Pädagoge – er hat nun eben einmal falsch entschieden.

Pro & Kontra: Was AZ-Redakteure zu der Entscheidung sagen

Rosemarie Vielreicher

Die AZ-Redakteurin ist für das Weihnachtslieder-Verbot:

Hört man die Gegner des Rektors, möchte man meinen, er hat den ganzen Advent abgeschafft – und Weihnachten gleich dazu.

So ist es nicht. Es geht lediglich um ein Schulfest, das vor allem eins soll: Gemeinschaft, Zusammengehörigkeit schaffen. Wenn Religionen aufeinandertreffen, muss ein gemeinsamer Weg gefunden werden – und der kann nicht so aussehen, dass Christen trällern, und Muslime traurig daneben stehen.

Deswegen ist ein nicht-religiöses, gemeinsames Musikfest ein guter Schritt – und keineswegs eine Absage an Weihnachten.

Timo Lokoschat

Der AZ-Redakteur ist gegen das Weihnachtslieder-Verbot:

Es gibt eine falsch verstandene Toleranz, die genau das Gegenteil von dem auslöst, was sie bewirken soll: Oben sehen Sie ein Paradebeispiel.

Christen ihre Weihnachtslieder zu nehmen, um Muslime nicht auszugrenzen – wie kommt man bloß auf so eine absurde Idee? Kein Mensch käme im Orient auf den Gedanken, von Gläubigen Ähnliches zu verlangen.

Mit so einer Forderung schürt man Ressentiments – die Mehrheit der Muslime dürfte mit christlichen Traditionen nämlich kein Problem haben.

Und wer eines hat, sollte seinen Lebensmittelpunkt überdenken.

 

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