Übung mit DB und VHS S-Bahn-Sicherheit: So trainieren Blinde den Ernstfall

 Foto: Petra Schramek

Übung in Schutzmontur beim Sturz ins S-Bahn-Gleis: Deutsche Bahn und Volkshochschule zeigen Sehbehinderten, wie sie ihr Leben retten.

 

München - Lisa R. trägt einen Helm und einen weißen Schutzanzug. Die scharfen, spitzen Schottersteine zwischen den Schienen fühlen sich unangenehm an – unter den dünnen Sohlen ihrer Turnschuhe.

Widerstrebend tritt sie vor dem imposanten Triebzug einer S-Bahn aufs Gleis. Die 20-jährige Studentin ist von Geburt an blind. Trotzdem fährt sie fast täglich mit der S4 in die Stadt: zur Politik-Vorlesung an der LMU, zum Ausgehen mit Freundinnen. Am Ostbahnhof übt sie heute unter professioneller Anleitung das Ernstfall-Szenario für Sehbehinderte: einen tragischen Sturz von der Bahnsteigkante ins Gleis.

"Ich bin nie schlimm gefallen, zum Glück. Aber falls mir dieser lebensgefährliche Unfall passiert, dann möchte ich alles richtig machen", erklärt Lisa. R. Mit ihr machen zwölf sehbehinderte und blinde Münchner das Sicherheitstraining der Deutschen Bahn, veranstaltet von der Münchner Volkshochschule.

Sicherheitstraining: So lernt die blinde Lisa R. die Gleise kennen

"Jetzt würde ich Sie bitten, legen Sie sich auf den Bauch", ruft Werner Bögl Lisa R. zu. Er ist bei der Deutschen Bahn für Notfallmanagement und Unfallsachbearbeitung zuständig. Am Boden liegend soll die junge Frau sich vertraut machen mit dem Schotterbett der S-Bahn. Lisa R. lernt die Gleise kennen - sie tastet das blanke Metall mit den Händen ab und erfährt von Werner Bögl: "Als erstes Tasche oder Rucksack von sich werfen, damit man möglichst flach liegt und sich nichts verhaken kann."

Dann speichert die Studentin ab: "Ich lege mich genau in die Mitte des Gleises, drücke die Arme an den Körper, bewege mich nicht – und rufe nach Hilfe. Das bringt mich außer Lebensgefahr!"

Werner Bögl fragt die blinde junge Frau nach fünf Minuten fürsorglich: "Wie geht's Ihnen?" Und erklärt den anderen Teilnehmern, die diese Sicherheitsposition auch ausprobieren werden: "Es ist ein komisches Gefühl, wenn die S-Bahn drüberrollt. Ich habe es geübt. Keine Angst. Da ist mehr als zehn Zentimeter Platz, es funktioniert!"

Sicherheitstraining: Noch kein S-Bahn-Unfall mit Sehbehinderten

S-Bahnen und DB-Züge sind auf der Unterseite auch ohne elektrische Teile. Wegen der Sicherheit sei das extra so gemacht. "Unfälle passieren ab und zu. Aber wir bei der S-Bahn hatten noch nie einen tödlichen Unfall mit sehbehinderten Menschen", beruhigt Werner Bögl.

Lisa R. ist erleichtert, als sie wieder steht: "Es war echt beängstigend ruhig, im Gleis zu liegen. Aber ich habe etwas fürs Leben gelernt. Jetzt weiß ich, wie ich mein Leben verlängere." Bei einem Sturz von der 96 Zentimeter hohen Bahnsteigkante gibt es übrigens an fast allen S-Bahn-Stationen die Möglichkeit, sich unter die Kante, in den Rettungsschacht zu rollen – und sich in Sicherheit zu bringen.

Lediglich, wer nicht sehen kann, und vielleicht weiter ins Gleis stürzt, lernt die Überlebenstechnik: "Mittig unter dem S-Bahn-Zug". Oben auf dem Bahnsteig ist die größte Gefahr für Blinde, in das große Loch an der Kupplungsstelle zu treten: Dort, wo zwei Triebzüge zusammentreffen.

"Sprechstelle" mit Lautsprecher und Sprechknopf

Lisa R. tastet sich mit ihrem Stock vor – und stochert dann in die Tiefe – damit sie die ganze Dimension des Freiraums erfasst – und ihn nicht verwechselt, etwa mit einer offenen S-Bahn-Tür. Sie findet es "wertvoll", dass sie in Ruhe an einer abgestellten neuen S-Bahn üben kann.

Denn die blinden Münchner müssen sich umstellen: Die 238 Münchner S-Bahn-Züge werden innen bis 2020 modernisiert. 60 Abteile sind bereits neu: Der Tür-Taster ist sensibler, der Einstieg geräumiger. Wer die blaue Rollstuhltaste drückt, zu dem nimmt der Fahrer Kontakt auf.

Außerdem hat jede S-Bahn-Tür jetzt eine "Sprechstelle" mit Lautsprecher und Sprechknopf: DB-Mitarbeiter Werner Bögl: "Keine Scheu. Fahrgäste dürfen den Fahrer kontaktieren, wenn ihnen schlecht wird oder etwas seltsam im Abteil ist."

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