"Überfettungsproblem" Die Discounter und das Problem mit dem Zucker

Die "Honey Rings": Lidl hat den Zuckeranteil der Frühstücksflocken laut eigenen Angaben bereits um 30 Prozent gesenkt. Foto: dpa

Experten erkennen ein "Überfettungsproblem" in Deutschland – Schuld daran seien auch Lidl, Rewe oder Aldi. Die Supermärkte feilen an neuen Produkten – doch passt das ins Schema der Kunden?

 

Die Kunden kaufen ihre Produkte – und werden immer dicker. "Wir haben ein massives Überfettungsproblem", sagt Handelsexperte Gerrit Heinemann von der Hochschule Niederrhein. Krankheiten wie Fettleibigkeit und Diabetes nähmen überhand, "und die Gesundheitskosten fliegen uns um die Ohren". Wer Anteil an dieser Misere habe? Die Lebensmittelbranche, kritisiert Heinemann.
Discounter und Supermarktketten nehmen das Problem nun stärker in den Fokus und lassen verlauten, sie wollten die Rezeptur ihrer Eigenmarken "optimieren". Was das heißt, lassen sie aber offen.

"Lidl bringt Schwung in die Debatte"

Einzig Lidl tut sich hervor mit einer erstaunlich konkreten Zielvorgabe. Bis 2025 soll der Salz- und Zuckergehalt der Eigenmarken um 20 Prozent sinken. Gestartet wurde mit Frühstücksflocken – der Zuckeranteil von "Honey Rings" wurde laut Firma um 30 Prozent auf 23,9 Gramm pro 100 Gramm gesenkt. "Lidl bringt Schwung in die Debatte", sagt Oliver Huizinga von Foodwatch. 20 Prozent weniger Zucker und Salz sei ambitioniert.
Tatsächlich äußern sich andere Händler bei dem Thema vage. Von Aldi Süd heißt es, man sei "grundsätzlich bestrebt, den Zuckergehalt in den von uns gehandelten Artikeln so gering wie möglich zu halten". Man habe "in vielen Warenbereichen bereits individuelle Rezepturänderungen im Hinblick auf die Reduktion von Salz und Zucker durchgeführt", etwa bei Pudding. Real will die Rezepturen von Eigenmarkeprodukten "gegebenenfalls optimieren".

Kürzlich legte Rewe seine Pläne auf den Tisch. Das Reduktionsprogramm für Speiseeis, Cerealien, Brot und Getränke aus Eigenmarken soll "möglichst ohne wesentliche Veränderung der Sensorik der Produkte einhergehen". "Wir wollen unseren Kunden Zeit geben, sich geschmacklich auf die veränderten Rezepturen einzustellen", sagt ein Rewe-Sprecher. Um wie viel Prozent der Zucker- und Salzgehalt sinken soll, sagt Rewe nicht.
Die Kunden selbst bekommen von dem schleichenden Prozess wohl nichts mit – nur wenn sie die Angaben auf Produkten mit älteren Verpackungen vergleichen, könnten sie den geringeren Zuckergehalt bemerken.

"Die meisten Erfrischungsgetränke machen krank"

Mit ihrem Weniger-Zucker-Kurs liegen Lidl und die anderen Ketten auf Linie des Ernährungsministeriums – die Behörde hatte kürzlich eine Strategie entwickelt, der zufolge der Zucker- und Salzgehalt in Lebensmitteln mit freiwilligen Vorgaben der Firmen gesenkt werden soll.
Aus Sicht von Foodwatch ist das der falsche Weg. Fettleibigkeit und Diabetes seien eine Gefahr für die öffentliche Gesundheit. "Da darf der Gesetzgeber nicht allein auf freiwillige Empfehlungen setzen", sagt Gesundheitsexperte Huizinga. Schon jetzt sei jeder vierte Bundesbürger stark übergewichtig, Tendenz steigend.
Firmen sollten etwa für die Herstellung besonders zuckriger Lebensmittelprodukte wie Cola extra besteuert werden. "Die meisten Erfrischungsgetränke machen nicht frisch, sondern krank."

Handelsexperte Heinemann hat Zweifel, dass sich am ungesunden Konsumverhalten was ändert. "Es gibt in Deutschland eine große Diskrepanz zwischen bekundetem und tatsächlichem Konsumverhalten", sagt der Professor. "Fragt man den Verbraucher, was er kaufe, nennt er gesunde Lebensmittel – doch wenn er vorm Regal steht, kauft er trotzdem Cola und Speck zum Grillen."

 

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