TV- und Filmkritikerin der AZ Ponkie ist 90! Eine Ode von Christian Ude

Würde, Witz, Wärme und Intelligenz: Ponkie sieht nicht nur fern, sondern liest auch gern – hier in ihrem Sollner Garten. Alt-OB Ude (kl. Bild) gratuliert ihr zum Neunzigsten. Foto: Daniel von Loeper, dpa

Seit über sechs Jahrzehnten schreibt sie in der Abendzeitung über Fernsehen und Film. Am Samstag wurde Ponkie 90 Jahre alt. Alt-Oberbürgermeister Christian Ude schätzt sie schon seit Schülerzeiten. Hier schreibt er für die AZ.

Jetzt ist es genau ein halbes Jahrhundert her, dass die Münchner Institution, ja Autorität namens Ponkie meine Schulklasse aufmischte, ohne dafür auch nur einen Finger rühren zu müssen. Es war 1966 – und Ponkie schrieb schon seit gut zehn Jahren in der AZ. In der Zeit also, als man noch nicht vor der Glotze saß oder gar unermüdlich sein Handy streichelte, sondern als Schüler noch ins Kino ging. Wir redeten viel über Filme damals, und deshalb war es unerlässlich, in der Leopoldstraße eine „Abendzeitung“ zu kaufen, um zu wissen, wie Ponkie die Neuerscheinungen im Kino beurteilte. Aber wer war Ponkie?

 

Ponkie? Das musste doch ein Super-Kerl im Cabrio sein

Ponkie schrieb mit cineastischer Begeisterung, kompetent, respektlos, frech, witzig, wortgewaltig, originell. An das gepfefferte „Fazit“ am Ende des Artikels konnte man sich immer halten. Es war belebend und ermutigend, mit wie viel Spott dieser Kerl über Heimatschnulzen und peinliche Revue-Filme herzog und wie viele Geheimtipps er wusste, was wirklich sehenswert ist im Kintopp. „Ich seh das wie Ponkie“, sagten wir einfach, wenn uns die eigenen Worte fehlten. Einer in der Klasse wollte noch eins drauf setzen. Er erzählte, dass Ponkie sein Freund sei und ihm bei gemeinsamen Schwabinger Kneipentouren schon im voraus erzählt, welche Sternchen bald Karriere machen und was für Filme demnächst gedreht werden. Das imponierte! Kennt der doch tatsächlich Ponkie persönlich! Und wir stellten uns alle ziemlich neidisch vor, wie dieser junge, freche Filmkritiker mit einem wahrscheinlich feschen Cabrio von Premiere zu Premiere eilt und ausgerechnet unserem Klassenkameraden die Sternchen vorstellt.

Fernsehen in Vorfreude auf die folgende Züchtigung

Bis eines Tages die AZ auf die Idee kam, alle Redaktionsmitglieder des Feuilletons im Bild vorzustellen. Da stürzte dann ein Mitschüler, die AZ schwenkend, ins Klassenzimmer und schmetterte in den Unterricht: „Der Ponkie ist eine Frau!“

Das homerische Gelächter der Klasse hat unseren Experten für Filmsternchen nachhaltig verstummen lassen. Aber unsere Klasse hat frühzeitig begriffen, dass manches, was man (damals!) nur einem Mann zutraute, auch von einer Frau stammen konnte. Und dass diese bereits „etablierte“ Frau genauso aufmüpfig und kritisch dachte, wie uns zumute war – zwei Jahre vor 1968!

Heute weiß jeder, dass Ponkie, die tatsächlich Ilse Kümpfel-Schliekmann heißt (was wiederum kaum jemand weiß), eine Frau ist. Aber dafür kann sich wohl kaum ein Mensch vorstellen, dass diese nach wie vor spritzig, manchmal auch bissig, immer aber wortspielerisch schreibende Frau 90 Jahre alt wird. In Worten: neunzig. Das haut einen doch um!

 

Privatsender-Schrott als Menetekel für die Öffentlichen

Unverändert ist in jeder Zeile Neugier, Interesse, Anteilnahme und Lebenslust zu spüren, aber auch Verachtung von Mittelmaß, Konvention, Spießigkeit, autoritärem Gehabe, moralinsaurer Heuchelei, seichter Unterhaltung und phantasieloser Meterware: eine einzige Erfrischung!

Manch verpatzter Fernsehabend mit entgleistem Krimi oder rührseligen Sentimentalitäten oder geistlosem Entertainment lässt sich überhaupt nur aushalten dank der Vorfreude auf die Züchtigung, die den Protagonisten der missglückten Produktion von Ponkie anschließend verpasst wird. Selbst Bernd Eichinger hat es einmal erwischt. Es sei das Schlimmste gewesen, was er im Zusammenhang mit seinem filmischen Schaffen erleben musste.

Vor allem die Programmverantwortlichen der „peng-klatsch-bums-bleiben-Sie-dran-bla-bla-machen-Sie-mit-stammel-stammel-das-ganze-Leben-ist-ein-Quiz-blök-blök-Sender“ bekamen ihr Fett weg. Heute wissen wir: Das war nicht nur eine Abrechnung mit Privatsender-Schrott, sondern auch ein Blick auf so manche öffentlich-rechtliche Zukunft. Das ganze Leben ist ein Quiz, unterbrochen allenfalls durch Kochsendungen.

Dabei war es nie so, dass sie vor lauter Freude an Verrissen nichts anerkennen oder fördern konnte. Ganz im Gegenteil: Sie hat Lebenswerke großer Regisseure oder Schauspielerinnen einfühlsam ausgeleuchtet und respektvoll gewürdigt, unentdeckten Talenten risikofreudig und engagiert den Weg geebnet und begeistert qualitätvolle Fernsehproduktionen gelobt: von den „Münchner Geschichten“ bis zur „Löwengrube“ und zu „Kir Royal“ – und ganz besonders den „Monaco Franze“, dem sie die Ehrerbietung entgegenbrachte, das sei „Fernseh-Poesie“: geschrieben vor allem vom hochgeschätzten Helmut Dietl, verkörpert von Helmut Fischer – der einmal ihr Stellvertreter war. Ja, wirklich.

 

Monaco Franze war ihr Stellvertreter. Aber nur für die Nicht-Filmkunst

Fischer kam ja nicht als Monaco auf die Welt, auch wenn viele das heute glauben. Er war jahrzehntelang ein glückloser, vergeblich auf Aufträge wartender Schauspieler, der vom vergeblichen Warten nicht leben konnte und deshalb für die AZ Filmkritiken schrieb. Nicht über die Filmkunst, die der Chefin vorbehalten war, sondern über all den Schrott, der auch noch gezeigt wurde, Softpornos im Bahnhofskino zum Beispiel.

Auch wenn die Aufgabenverteilung nicht wirklich gerecht war, ist dies der Anfang einer wunderbaren Freundschaft gewesen. Oft traf man sich sonntags im Café Münchner Freiheit – die Fischers vom Kaiserplatz und die Ponkie aus Solln, der Franz Geiger, der auch Drehbücher zum Monaco beigesteuert hat, die Ilse Neubauer, die Udes und von Fall zu Fall weitere Freunde, Bruno Jonas zum Beispiel.

Da ging es ganz schön politisch zu, und Ponkie nahm kein Blatt vor den Mund, wenn es gegen den Mainstream ging, wie in ihren Kolumnen, in denen sie über „Vaterlandsmief mit quirlendem Pathos und nationalem Nebel“ spottete oder anprangerte, dass sich der „Ellenbogen-Egoismus zum nationalen Gemeinschaftsmief zusammenklumpt“.

 

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