TV-Kritik Wiener "Tatort: Wahre Lügen" - ein zu normaler Krimi

Autorenprofil Stephan Kabosch
Einsatz am Wolfgangsee: Die Wiener Kommissare Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Moritz Eisner (Harald Krassnitzer). Foto: ARD Degeto/ORF/Cult Film/Petro Domenigg

Zu wenig Charakter, zu viele Wendungen: Der Tatort aus Wien ist diesmal ein (fast) ganz normaler Krimi. Die AZ-Kritik zu "Wahre Lügen".

 

Was war der vorangegangene Wiener "Tatort: Her mit der Marie“ für eine Wucht gewesen! Bilder, wie aus einem Road-Movie, ein Ermittlerduo in Höchstform und überall starke Typen mit Charakter (lesen Sie hier: AZ-Kritik "Her mit der Marie" - Eine Dramakrimödie). Und diesmal? Hat Regisseur und Autor Thomas Roth mit einem realen Fall als Aufhänger eine richtig gute Idee gehabt. Karl Lütgendorf gab es wirklich. Der altadelige Offizier war von 1971 bis 1977 Verteidigungsminister, trat wegen des Verdachts illegaler Waffengeschäfte zurück, starb 1981 unter bis heute ungeklärten Umständen. Und genau in dieses Stück österreichischer Polit- und Kriminalhistorie zieht es Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) hinein, als das Ermittlerduo zu einem Sondereinsatz gerufen wird. Sie sollen den Tod der Journalistin Sylvie Wolter (Susanne Gschwendtner) aufklären, die im Fall Lütgendorf recherchiert hat.

Was als vielversprechender Einstieg beginnt, entwickelt sich zu einem mitunter zähen Plot. Ob es daran liegt, dass dieser Wiener "Tatort" nicht im Strizzi-Milieu der Metropole angesiedelt ist, sondern neben der Hauptstadt auch in der Touri-Idylle des Salzkammerguts? Der kultige Lokalkolorit, der bittersüße Schmäh, die liebenswerten Bösen mit ihrem Austro-Charme und all das, was sonst noch als Stilmittel eines Gesamtwerks funktioniert, kommt diesmal zu kurz. Dort, wo es stattfindet, wirkt es eher wie ein Versatzstück aus 19 bisherigen Folgen: das Moritz-und-Bibi-Beziehungsgeflecht zwischen gespieltem Egoismus und echter Empathie, der innig-zaudernde Blick der Fellner auf die Wodka-Flasche, die Ermittlerin-Wohnung als Unterschlupf für Verdächtige und Gestrandete - eh scho' kennen!

"Tatort: Wahre Lügen" aus Wien: Es hätte auch Stuttgart sein können

Am ehesten gerecht wird "Wahre Lügen" dem Versprechen seines realen Lütgendorf-Aufhängers dann, wenn es um die Verstrickungen zwischen Politik und Behörden geht, um Weisungen, Vertuschungen, Staats- und Wirtschaftsinteressen - und den Kampf des Ermittlerduos in diesem schwer zu durchdringenden Dickicht. Jene "neue Transparenz" nach dem Regierungswechsel in Österreich, von welcher der Vorgesetzte Ernstl Rauter (Hubert Kramar) spricht, kommt für Fellner und Eisner sogar noch erschwerend hinzu, weil: "Ihr habt's ja keine Ahnung, wie Politik funktioniert.“

Spannend mag der Wiener "Tatort" bis zum Schluss und der Erkenntnis bleiben, dass Sylvie Wolter keinem Auftragskiller zum Opfer gefallen ist, sondern ganz banal der Eifersucht der von ihr verlassenen Lebensgefährtin Sybille Wildering (Emily Cox). Bis dorthin allerdings fordert dieser Fall mit der ein oder anderen überraschenden Wendung zu viel heraus. Zu wenig hat "Wahre Lügen" von dem, was die rot-weiß-roten "Tatort"-Folgen so besonders macht. Dieser (fast) normale Krimi hätte auch in Friedrichshafen, Stuttgart oder Berlin spielen können.

Wien, Du kannst es besser.

 

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