TV-Kritik Wiener Schnitzel-Jagd: So war der Tatort "Schock"

Autorenprofil Stephan Kabosch
Der Entführer David Frank (Aaron Karl) ist den Kommissaren Eisner und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) stets einen Schritt voraus. Foto: Hubert Mican/ARD Degeto/ORF

Er war fordernd, er hat angestrengt. Warum der Krimi "Schock" dennoch nicht gescheitert ist. Die TV-Kritik der AZ zum Austro-Tatort.

 

Ein „Tatort“ ohne Mord am Beginn, sondern mit einer Leiche vier Minuten vor dem Ende. Ein Krimi ohne Suche nach dem Mörder, aber mit einer Cyber-Schnitzeljagd. Ein Wiener Fall ohne den sonst üblichen, sich mitunter an der Grenze zum Fremdschämen hinziehenden alpenrepublikanischen Lokalkolorit, aber mit einer eher futuristischen Inszenierung von Charakteren, Bildern und Schauplätzen. Kann das funktionieren? Es kann!

Der Kärntner Regisseur und Drehbuchautor Rupert Henning (49) hat mit „Schock“ (Sonntag, 20:15, ARD und ORF 2) ein mutiges Zweit-Werk (nach dem Tatort "Grenzfall", 2015) abgeliefert. Es ist eine Anklage an die Leistungsgesellschaft geworden, eine Abrechnung mit dem (selbst)mörderischen, menschenverachtenden Druck, der insbesondere auf der jungen Generation lastet. Alles schon x-mal gesehen? Ja, aber dieser Krimi war anders.

Das wurde schon in der ersten Kameraeinstellung deutlich: Da streamt David Frank (überzeugend: Aaron Karl) live seine Botschaft im Netz ("Dark Tube", naja!). "Ich werde meine Mutter, meinen Vater und anschließend mich selbst töten. Und ich werde mich bemühen, Ihnen zu erklären warum.“ So kündigt er seine Rache an der Gesellschaft an - und die Cyber-Schnitzeljagd der Kommissare Moritz Eisner (charmant-insubordinant: Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (fast in einer Nebenrolle: Adele Neuhauser) beginnt.

"Wir sind süchtig aus Vernunft"

Später nimmt „Schock“ - etwas zu langatmig dozierend - Bezug auf die Amokläufe von Erfurt und Winnenden, aber anders als dort ist hier in Wien der Täter eben gerade kein abgehängter Verlierer aus der Mittelschicht, sondern ein erfolgreicher Student aus bestem Hause. Übertragen auf die Generation Y: kein „Loser", sondern ein „High Potential“. Dabei gelingt „Schock“ die Ausbalancierung der Betrachter-Gefühle zwischen Ablehnung der Mittel und Empathie für die Motive. Man kann die Wut spüren, man kann die Sorgen einer Generation vernehmen, die intelligent ist, zielorientiert und fleißig, die theoretisch beste Voraussetzungen hat, aber praktisch zurückbleibt hinter ihren Eltern. Stellvertretend dafür baut Henning einen wuchtigen Dialog ein zwischen Eisner und seiner Tochter Daniela (Tanja Raunig), die plötzlich mittendrin steckt in dem Fall. "Wir sind süchtig aus Vernunft" sagt Daniela im Disput mit ihrem Vater darüber, ob sich denn alle Studierenden Pillen reinschmeißen. Der stärkste Satz des Austro-Tatorts.

Aber es ist nicht nur der dramaturgische Aufbau, es sind nicht nur die Dialoge, die diesen Krimi auszeichnen. Es sind auch seine Bilder. Wie passend zu dem Fall erscheinen die nüchternen, blitzweißen Wände der Polizeibehörde, die futuristischen und kalten Räume der Universität. Und welch ein Gegensatz dazu ist das heruntergekommene Fabrikareal, auf dem sich Daniel Frank versteckt hat und wo es zum Showdown kommt.

Dieser Tatort aus Wien mag manches Klischee zu viel haben, manche Ent-Allgemeinerung zu wenig. Er hat den Betrachter gefordert, mitunter auch angestrengt. Wer all das angenommen hat, ist belohnt worden. Weil „Schock“ - anders als viele Sonntagabend-Krimis - eben nicht gescheitert ist mit dem Anspruch, seine Botschaft anzubringen.

 

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