TV-Kritik "Tatort: Baum fällt" - Du kannst eben nicht immer alles kriegen

Autorenprofil Stephan Kabosch
Zwei alte Bekannte finden zueinander: Moritz Eisner (Harald Krassnitzer, links) ermittelt mit Alois Feinig (Karl Fischer). Foto: ARD Degeto/ORF/Graf Film/Helga Rader

Nicht immer, wenn der Wien-"Tatort" in der österreichischen Provinz spielt statt in der Metropole, gelingt diese Exkursion. Diesmal schon. Der Sonntags-Krimi in der AZ-Kritik.

 

Spoiler-Warnung: Liebe AZ-Leser, die folgende Kritik enthält teils unverschleierte Hinweise zur Handlung des "Tatorts: Baum fällt". Falls Sie den Krimi unvoreingenommen sehen möchten, lesen Sie diesen Artikel am besten erst später.


In „Baum fällt“ verschlägt es das Ermittler-Duo Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) ins hinterste Kärnten. Aber auch dort läuft der Wiener Schmäh, agieren die beiden verfreundeten Partner wie gewohnt zwischen oberflächlichem Eigensinn und tiefgehender Empathie, aber ohne zu sehr zu dominieren. Das öffnet viel Raum für andere starke, erstklassig besetzte Typen: den ermordeten Holzbaron Hubert Tribusser (in Rückschauen: Christoph von Friedl), dem alles zugeflogen war: viel Geld, schöne Frauen, das Familienunternehmen - und von dem am Ende doch nicht mehr geblieben ist als ein Titan-Implantat; Huberts Bruder Klaus (Alexander Linhardt), von der Ehefrau mit dem eigenen Bruder betrogen und vom Patriarchen-Vater und Senior-Chef (Johannes Seilern) verstoßen, weil er schwach ist; den Umweltaktivisten und Tribusser-Feind Holzer (David Oberkogler); den Gastronomen Drobnig (Wolf Bachofner), dessen Sohn bei einem Unfall im Holzwerk ums Leben kam; die Mitglieder der Familie Granitzer, die Globalisierungsverlierer sind und abhängig von Gunst und Geld des Tribusser-Clans.

"Tatort: Baum fällt": Geschickt geknüpftes Psycho-Netz 

Kaum einer, der nicht irgendwann im Lauf der Ermittlungen zum Kreis der Verdächtigen zählt. Agnes Pluch (Buch) und Nikolas Leytner (Regie) knüpfen geschickt ein Netz aus Liebe und Geld, Herrschaft und Abhängigkeit. Großartig darin: Polizist Alois Feinig (Karl Fischer), der ebenfalls ein Geheimnis mit sich trägt und mit seinem alten Bekannten Eisner nicht nur ermittelt, sondern mit viel Bier-Unterstützung auch über Buddha und die Welt philosophiert.

Die fast in Endlosschleife gezeigten Bilder (Kamera: Hermann Dunzendorfer) der Idylle von Heiligenblut am Fuße des Großglockners sind nicht nur malerisches Beiwerk zu dieser Alpensaga. Sie erklären auch die innere Zerrissenheit zwischen der Liebe zu diesem schönen Fleckchen Erde und dem Drang, dieses zu verlassen, weil es nur außerhalb des Tales Perspektiven gibt und eine Zukunft. Tatsächlich lebt jeder zwanzigste Kärntner in Wien. 25.000 sind das, sie würden die drittgrößte Stadt des Bundeslandes bilden.

Harald Krassnitzer: Man kann nicht immer alles bekommen 

"Baum fällt" ist gemessen an den stets hohen Erwartungen an den Wiener "Tatort" eine insgesamt überzeugende Folge: ein klassischer, experimentierfreier, mit einigen Klischees behafteter, aber in schönen Bildern in Szene gesetzter Krimi, der bis zum Schluss die Spannung hält. Einzig sein "You Can’t Always Get What You Want" muss Harald Krassnitzer nicht unbedingt noch einmal singen. Wobei: Du kannst nicht immer kriegen, was Du willst. Auch wieder wahr.

 

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