TV-Kritik "Das Boot": Landgang auf vermintem Terrain

Unteroffizier August Wittgenstein (l.) und Rick Okon als Kapitänleutnant beobachten das Meer – und sich gegenseitig. Foto: Nik Konietzny/Bavaria Fiction

"Das Boot" ist als neuer TV-Achtteiler auf Sky: Wie frei macht er sich von der übermächtigen Buchheim-Vorlage und der Petersen-Verfilmung der 80er?

Was hat der 90-jährige Filmproduzent Günter Rohrbach zur Neuverfilmung von "Das Boot" zur AZ gesagt: "Natürlich wuchern die jetzt mit unserer Marke ,Das Boot’. Aber ich freue mich, dass das unser so erfolgreiches Projekt jetzt für eine neue Generation aufgegriffen wird. Aber Regisseur Wolfgang Petersen und ich finden: Man hätte das nicht ,Das Boot’ nennen dürfen. Unser Film war das Original nach dem Roman von Lothar-Günther Buchheim. Ein kleiner Namenszusatz hätte es von unserem Werk abheben müssen."

Aber wenn nach fast 40 Jahren "Das Boot" wieder auf achtteilige Feindfahrt geht, hat sich seit dem Kinofilm und dem folgenden dreiteiligen TV-Straßenfeger von 1985 viel verändert. Sowohl die Kino- als auch die Fernsehlandschaft sind zersplittert und haben – bis auf die Tagesschau – ihre gesellschaftliche Bindungskraft verloren. Und erzähltechnisch werden Serienteile heute weniger kapitelhaft aufgerollt, sondern elegant verflochten, mit verschieden langen Spannungsbögen, die einzelne Folgen oder das gesamte Werk überspannen.

Handlanger eines unmenschlichen Verbrechersystems

Auch unser Blick auf die NS- und Kriegsvergangenheit hat sich gewandelt. Er ist weniger auf den Wahnsinn des Krieges gerichtet. Vielmehr interessiert uns die Frage: Wie konnten Millionen normale Menschen zu Mitläufern oder Handlanger eines unmenschlichen Verbrechersystems werden? Und genau hierauf gibt das neue "Boot" psychologisch überzeugende Antworten. Neun Monate nach den Geschehnissen, die im Kinofilm von 1981 erzählt wurden, bricht ein U-Boot im Herbst 1942 zu einer gefährlichen Mission im Atlantik auf. Aber jetzt spielt ein noch wichtigerer Handlungsstrang an Land. Denn im besetzten Frankreich wächst der Widerstand der Franzosen gegen die deutsche Besatzung.

Vicky Krieps spielt hier die deutsch-elsässische Grenzgängerin und Übersetzerin, die in der Hafenstadt La Rochelle für die Wehrmacht und Gestapo arbeitet. Sie wird durch persönliche Konfrontation zögerlich die Seite wechseln und für die Resistance zu arbeiten beginnen.

Was ist richtig, was ist falsch? Krieps spielt diesen, auch inneren Zwiespalt sehr gekonnt ohne große Worte, leise und vorsichtig. Ihr Bruder ist als Funker an Bord des U-Boots, das von Kapitänleutnant Hoffmann (Rick Okon, dem Dortmunder "Tatort"-Kommissar) kommandiert wird. Mit ihm gelingt eine weitere differenzierte Figur: Ein junger Mann, der an seine Mission glaubt, massiv unter Druck steht, aber menschlich ansprechbar bleibt.

"Das Boot" besticht durch glaubwürdige Hauptcharakter

Mit der Dolmetscherin und dem Kapitän sind zwei glaubwürdige Hauptcharaktere entstanden, mit denen wir uns identifizieren und den moralischen Zwiespalt durchkämpfen können. Der österreichische Regisseur Andreas Prochaska hat 2014 mit seinem Alpenwestern "Das finstere Tal" gezeigt, dass massentaugliche Oberflächlichkeit mit ihm nicht zu machen ist. Er gibt der Serie schonungslose Härte und spannende Differenziertheit – wie beim zwiespältigen Hochgefühl der Besatzung, wenn ein Schiff der Alliierten versenkt wird. Oder die quälende Langeweile und Aggressivität. Vor allem aber die Todesangst, wenn in der klaustrophobischen Enge des Bootes Minen vorbeitreiben, Geschosse näherkommen.

Prochaska wollte die Faszination des Krieges hinterfragen, diese Mischung aus Technik, Abenteuer, Ruhm, Ehre: "Du warst als U-Boot-Fahrer sowas wie ein Rock-Star der Nazis, hast Ruhm bekommen, den meisten Heimaturlaub und auch Kohle. Du warst per se schon ein Held", erzählt er.

Rund 27.000 U-Boot-Fahrer starben im Zweiten Weltkrieg. Von "Gefallenen" wollte "Boot"-Autor Lothar-Günther Buchheim (1918 – 2007) aber nicht reden: "Sie sind abgesoffen, ersäuft wie überzählige Katzen im Sack." Und wie schon im "Boot" der 80er-Jahre gelingt wieder eine extrem klaustrophobische Atmosphäre an Bord, auch wenn das neue "Boot" die Geschichte zum Land hin öffnet, auch zum zivilen Leben in Zeiten des Krieges. Damit verliert die Geschichte etwas an Männerschweißgeruch, aber gewinnt eine detailiiertere, differenziertere, umfassendere, auch weiblichere Sicht. Das alles wirkt massiv auf uns Fernsehzuschauer ein, weil hier ununterbrochen auch die nagende Frage im Wohnzimmerraum steht: Wieviel Zivilcourage, wieviel Mut hätte man selbst aufgebracht?

Wunderbar das Land und die Zeit, die keine Helden brauchen. Aber natürlich gibt es in jeder Zeit und an jeden Ort Fragen und Situationen, die uns moralisch zum Handel aufrufen.


Ab 23.11., immer wöchentlich freitags um 20.15 Uhr auf Sky 1 HD und zum Streamen

 

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