Türkei sperrt Twitter Gutjahr: "Erdogan ist ein Amateur"

Richard Gutjahr (oben links) spricht in der aktuellen AZ über die Zensur des Internets und seine Folgen. Foto: Schramek/twitter.com

Netzjournalist Richard Gutjahr über Zensur im Internet, die Macht sozialer Netzwerke und warum Internet genauso viel mit Freiheit wie mit Diktatur.

 

AZ: Herr Gutjahr, warum ist es gerade für diktatorische Systeme immens wichtig, das Internet zu blockieren?

GUTJAHR: Diese Staaten wollen die absolute Kontrolle. Denn: Wer die Informationen in seinem Land kontrollieren kann, hat auch die Menschen unter Kontrolle, die dort leben. Bevor es das Internet gab, konnten sich die Machthaber von Staaten wie China völlig auf die Kommunikationsstrukturen verlassen. Sie konnten Fernsehen, Radio und Zeitungen komplett selbst steuern und hatten in der Hand, was öffentlich wird, und was nicht. Das geht jetzt nicht mehr. Das Internet ist ein dezentraler Ort. Blockiert man einen Zugang, suchen sich die User blitzschnell zehn neue Wege, um ans Ziel zu kommen. Die Türkei ist das beste Beispiel.

Wie blockiert man als Staat Internetseiten?

Die Internetkommunikation funktioniert über Länderkennungen. Man kann also an der IP-Adresse sehen, aus welchem Land derjenige kommt, der eine gewisse Seite aufrufen will. Genau da werden Sperren angesetzt, die die User auf Fehlerseiten umleitet. Das kann man aber kinderleicht umgehen.

Wie geht das?

Indem der User einen kleinen Umweg über andere Länder macht, so seine Herkunfts-ID innerhalb der IP-Adresse verschleiert und sich dann wie gewohnt bei Twitter anmeldet. So, wie es früher in Spionagefilmen gemacht wurde. Es gibt VPN-Systeme, die genau das möglich machen.

Internetseiten haben am Freitag sofort Möglichkeiten aufgezeigt, die Sperre zu umgehen. Hat Erdogan die Macht des Internets in seinem eigenen Land unterschätzt?

Verglichen mit China und deren ausgefeilter Internetzensur ist Erdogan tatsächlich ein Amateur. Er versucht jetzt lediglich, das Kind, das schon in den Brunnen gefallen ist, für sich zu retten. Aber er wird es nicht schaffen. Zum Vergleich: China hat schon vor Jahren begonnen, Parallelwelten im Internet aufzubauen. Baidu, die chinesische Alternative zu Google, gehört mindestens zu den zehn weltweit am häufigsten aufgerufenen Webseiten. Die Zensur-Infrastruktur in China ist so umfassend, dass sie bereits Webseiten abschaltet, bevor sie groß geworden sind. Die Leute wissen gar nichts von der Existenz bestimmter Seiten, darum suchen sie erst gar nicht danach.

Warum lässt Erdogan nur Twitter blocken und nicht alle sozialen Netzwerke?

Erdogan weiß auch, was passiert ist, als Facebook in Ägypten blockiert wurde: Die Leute gingen auf die Straße. Wenn Teile des Internets abgeschaltet werden, ist das immer ein großes Risiko für Machthaber. Darum hat er sich wohl nur auf eins beschränkt. Aber dieses eine Organ ist das verbreitetste in der Türkei. Twitter hat dort viel mehr User als zum Beispiel in Deutschland.

Ist Twitter gefährlicher für Überwachungsstaaten als beispielsweise Facebook?

Ja, denn der Informationsfluss geht viel schneller. Zum einen hat man nur 140 Zeichen, um eine Nachricht zu schreiben, es geht also schnell, und es verbreitet sich mit einem wahnsinnigen Tempo. Für einen Staat ist es natürlich fatal, wenn seine Bürger besser informiert sind als er selbst.

Kann man sagen, das Internet ist eine Freiheitsmaschine?

Das Internet ist wie es ist – weder gut, noch böse. Zum einen ist es eine Freiheitsmaschine, die den Leuten die Macht gibt, demokratische Strukturen auszuüben, sich zu versammeln und eine Revolution in Gang zu setzen. Auf der anderen Seite kann es aber auch der größte Überwachungsapparat der Welt sein, der das Suchverhalten wildfremder Menschen zuhauf speichert. Im Internet kann man sich nirgendwo unbeaufsichtigt fühlen. Da ist Vorsicht geboten – vor allem: Wer weiß, ob sich genau diese Systeme unliebsame Herrscher irgendwann zu eigen machen, um ihre Macht auszuspielen – in viel größerem Ausmaß, als es Erdogan versucht.

 

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