TSV 1860 Maurer: Genervt vom Jugendwahn

Löwen-Trainer Rainer Maurer Foto: Rauchensteiner

Dem 1860-Trainer wird vorgeworfen, zu wenige junge Talente bei den Profis zu integrieren. Jetzt wehrt er sich: „Wir haben halt keine Benders und Gebharts mehr” – und spricht von Dumping-Preisen.

 

MÜNCHEN Seine Zahlen sind nahezu identisch zu denen aus dem Vorjahr. Vergangene Saison kam Sebastian Maier bei den Löwen 15 Mal zum Einsatz, ziemlich beachtlich für einen 18-Jährigen. Nun ist Maier ein Jahr älter, doch auch diese Saison wird er nur ab und an mal eingewechselt – richtig rasant also geht seine Entwicklung nicht voran. Und am Beispiel des jungen Talents aus Landshut lässt sich gut aufzeigen, was Reiner Maurer in diesen Monaten mächtig aufregt: Immer wieder bekommt der Cheftrainer aus dem Vereinsumfeld vorgeworfen, lange mehr keine Talente bei den Profis etabliert zu haben. Nun reagierte Maurer ziemlich genervt: „Wir müssen mit dem leben, was wir haben. Es wäre besser, man würde hier mal die Kirche im Dorf lassen”, sagte er.

Freilich, Maurer bewegt sich in einem ständigen Spannungsfeld, auf ihn wirken verschiedenste Einflüsse. Da sind Berater, da sind Trainingskiebitze und andere Fans, da sind Ex-Spieler, da sind Funktionäre. Der Trainer will keine Namen nennen, sagt aber: „Die Meinung hier bei 1860 ist doch, dass am besten acht von elf Spielern bei den Profis aus der eigenen Jugend kommen sollten. Das ist hier die allgemeine Erwartungshaltung, den Tenor höre ich hier immer wieder.”

Doch jetzt wehrt sich der Trainer gegen eine überzogene Erwartungshaltung und verteidigt seinen Kurs, keine Jung-Löwen in seinen kleinen Kader einzubauen. Maurer sagt also: „Wir haben halt keine Benders und Gebharts mehr. Wir hätten jetzt einen Topkader mit eigenen Spielern, die wären jetzt alle zwischen 19 und 26. Wir könnten heute sehr gut vom eigenen Nachwuchs leben, wenn die nicht alle verkauft worden wären. Und zwar zu Dumping-Preisen. Ein Kevin Volland wurde für 700000 Euro verkauft, unter einer Million! Also für einen Appel und ein Ei, da fällt mir die Decke auf den Kopf, wenn ich darüber nachdenke. Da kommen einem die Tränen.”

Heißt: Der aktuelle Nachwuchs, also die besten Spieler der U21-Regionalliga-Mannschafz und der A-Jugend-Jahrgänge 1994 und 1995, sind Maurer nicht gut genug, um ihnen dauerhaft Hoffnungen bei den Profis zu machen. Hin und wieder zwar lässt er Mike Ott, Felix Weber oder Julian Weigl (alle Jahrgang 1995) mittrainieren oder setzt sie auch in Freundschaftsspielen ein, „und das ist woanders nicht normal, das wird hier gar nicht gewürdigt”, schimpft Maurer. Doch ihm wird erst jetzt richtig klar, wie stark Volland mit 18 und der ein Jahr zuvor an Dortmund verkaufte Moritz Leitner als 17-Jähriger waren. „Ich wusste schon früh, was aus denen werden kann. Die waren sehr lernfähig, das erwarte ich auch zu 100 Prozent von einem Profi. Aber wenn man solche Talente hatte, dann erwarten die Leute, dass jetzt ständig Spieler kommen, die heute in der Bayernliga spielen, morgen in der Zweiten Liga Stammspieler sind und übermorgen im Champions-League-Finale auflaufen. Aber das ist Wunschdenken. Die Wahrheit ist eine andere. Die Wahrheit ist, dass es ein gewaltiger Schritt zu den Profis ist. Aber das wird nicht erkannt.”

Kein Wunder also, dass Maurer im Zusammenhang mit seinem Profikader immer wieder von „16, 17 Stammspielern” spricht, „mehr nicht”. Die im Sommer zu den Profis gewechselten Phillipp Steinhart, Liridon Vocaj und Korbinian Vollmann standen alle noch nicht im Kader. Da ist Sebastian Maier schon einen großen Schritt weiter.

 

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