TSV 1860 Der blaue Rückpass (18): Karlheinz "Kalla" Pflipsen

Illustration Foto: Rauchensteiner/Augenklick

Die Löwen brauchten einen Führungsspieler, also holten sie "Kalle" Pflipsen: Er enttäuschte. Nach nur einem Jahr bei 1860, nahm er seinen Hut. Der blaue Rückpass, 18.

AZ: Herr Pflipsen, Sie waren 17 Jahre Fußballprofi. Wie wichtig war diese Zeit für Sie?

KARLHEINZ PFLIPSEN: Die Zeit als Profisportler war wunderschön und ich möchte keine Sekunde davon missen. Sowohl Höhen als auch Tiefen prägen einen Sportler. Die Erfahrungen, die ich aus 17 Jahren Profifußball mitgenommen habe, sind mit nichts zu ersetzen.

Sind gute Freundschaften aus dieser Zeit entstanden?

Ich kann die drei Ex-Gladbacher Mannschaftskollegen Marco Villa, Peter Wynhoff und Stephan Passlack heute zu meinen besten Freunden zählen. Desweiteren gibt es genügend andere Spieler, mit denen ich regelmäßig in Kontakt bin. Ich freue mich immer, sie bei den Spielen der Traditionsmannschaft zu treffen.

Wie ist heute Ihr Verhältnis zu Ihrem ehemaligen Gladbach-Kollegen Stefan Effenberg? Mit ihm holten Sie 1995 den Pokal. Es hieß immer, sie beide wären nie Freunde gewesen.

Ich hatte und habe bis heute kein Problem mit Stefan. Er war ein besonderer Fußballer mit großen Erfolgen, der eine Mannschaft führen konnte und den Unterschied zwischen gut und sehr gut ausmachte. Er macht als Experte bei Premiere einen tollen Job. Ich könnte ihn mir aber auch hervorragend in einer verantwortlichen Position bei einem Bundesligisten vorstellen. Charismatische Typen wie er fehlen der Bundesliga.

Wer gab Ihnen eigentlich den Spitznamen „Kalla“?

Diesen Spitznamen gab mir die Presse. Alle anderen nennen mich „Kalle“ oder „Flippi“.

Mit 34 Jahren haben Sie still und leise Ihre Karriere nach Ihrer Zeit bei 1860 beendet. War es so schlimm bei den Löwen?

Nach 17 Profijahren und einigen schweren Verletzungen war es auch aufgrund des Alters für mich an der Zeit, Abschied zu nehmen. Ich bereue diesen Schritt bis heute nicht und habe ihn so gewählt, weil ich es wollte und nicht weil ich musste.

Sie haben neben Ihrem Heimatverein Mönchengladbach für Panathinaikos Athen, Alemannia Aachen und 1860 gespielt. War Mönchengladbach die intensivste Zeit? Sie sollen mal gesagt haben „Heimat ist da, wo das Herz schlägt“.

Ich bin in Mönchengladbach geboren, habe 18 Jahre bei Borussia gespielt (davon elf Jahre als Profi, d. Red.). In dieser Zeit bin ich Nationalspieler geworden, habe Uefa-Cup gespielt und 1995 den DFB-Pokal gewonnen. Ich habe also die Hälfte meines Lebens im Verein verbracht. Ich glaube nicht, dass es so etwas heutzutage noch häufig gibt. Das alles machst du sicherlich nicht, wenn du den Klub nicht magst.

Heute wohnen Sie in Mönchengladbach, einen Steinwurf vom legendären Bökelberg entfernt, der längst abgerissen wurde und wo heute Wohnsiedungen stehen. Tut das weh?

Ich habe nach meinen zwei Jahren in Griechenland in Mönchengladbach ein Haus gebaut, in dem ich heute mit meiner Frau und unserer Tochter wohne. Der Bökelberg war ein Stück Geschichte in Mönchengladbach. Leider gibt es ihn nicht mehr.

Sie galten vor allem in Ihrer Gladbacher Zeit als Frauentyp und jemand, der die Dinge nicht so ernst nimmt. Sie zeigten damals immer mal gern Ihren „Waschbrettbauch“ her. Hat das Ihrem Image geschadet?

Wieso sollte das schädlich sein? Für dein Äußeres kannst du nichts, aber wenn du schlecht spielst, interessiert es niemanden, wie du aussiehst, also spielt es für den Fußball keine Rolle. Aber für dein Ego ist es hilfreich, wenn du Anerkennung bekommst.

Sind Sie heute mehr Partytyp oder Familienmensch?

Beides. An erster Stelle steht die Familie, aber ich kann genauso gut Feste feiern. Die Häufigkeit der Feste lässt jedoch im Alter nach.

Sie haben in Ihrer Karriere bei vier Vereinen gespielt. Das ist relativ wenig. Wo war es denn am schönsten?

Jeder Verein hat seine eigene Identität und seinen eigenen Reiz. Mit Panathinaikos hatte ich die Möglichkeit, in der Champions League bis ins Viertelfinale vorzustoßen. Dann sind wir an Valencia gescheitert. In Aachen hatte ich drei wunderschöne Jahre. Sowohl sportlich mit dem DFB-Pokalfinale und damit dem Einzug als Zweitligist in den Uefa-Cup, als auch der Zusammenhalt und die Stimmung in der Mannschaft waren sensationell. Diese Zeit habe ich sehr genossen. Ich war vor jedem Spiel stolz, diese Mannschaft als Alemannias Kapitän aufs Feld führen zu dürfen.

Und wer war Ihr bester Trainer?

Schwierig zu beantworten. Sicherlich macht man mit jedem seine Erfahrung und nimmt etwas von ihm mit, aber ich könnte keinen speziell nennen. Das Training in Griechenland war sicherlich anders, aber definitiv nicht schlechter.

Wie wichtig war Ihre Auslandserfahrung in Griechenland? Sie waren zum ersten Mal weg aus Mönchengladbach, sind dort aber dann zum „Besten Ausländer der Liga" gewählt worden.

Ich habe in den zwei Jahren in Griechenland sehr viel über mich und meine Persönlichkeit gelernt. Eine Erfahrung, die jeder Spieler machen sollte. Ich habe danach viele Dinge aus einem anderen Blickwinkel gesehen. Es war eine sehr schöne Auszeichnung und Anerkennung für die Arbeit, die du geleistet hast.

Nach dem Abstieg der Löwen sind Sie an die Grünwalderstraße gewechselt. Es lief dort aber nie wirklich rund für Saie. Warum?

Nach dem Abstieg aus der ersten Liga und dem Chaos im Umfeld, war es für den neuen Trainer (Rudi Bommer, d. Red.) und die neu zusammengewürfelte Mannschaft schwer, auf Anhieb erfolgreich zu sein. Ich bin damals als Führungspieler geholt worden und habe es in der ersten Saisonhälfte nicht geschafft, die Mannschaft zu ordnen. Unter Rainer Maurer hatte ich von Anfang an keine wirklich realistische Chance. 1860 ist ein toller Club mit tollen Fans, der es aber leider nicht schafft, Ruhe und Kontinuität vorzuleben. Dies liegt oftmals an den handelnden Personen. Aber dieser Verein, da sind wir uns alle einig, gehört in die erste Liga.

Hand aufs Herz: Hätten Sie sich das eine Jahr München lieber erspart?

Du kannst vor einem Wechsel nie wissen, wie es sportlich läuft. Ich bin damals nach drei hervorragenden Jahren in Aachen mit der Absicht nach München gekommen, um direkt wieder aufzusteigen. Ich hätte dann am Ende meiner Karriere noch einmal in der ersten Liga gespielt. Das war mein Ziel, aus dem leider nichts wurde.

Sie und der damalige Trainer Reiner Maurer werden keine Freunde mehr...

Er hat in seiner Verantwortung als Trainer von Sechzig direkt nach Amtsantritt die Entscheidung getroffen, nicht mehr mit mir zu planen. Das hat er mir zwar in dieser Deutlichkeit nicht gesagt, aber als Spieler spürst du sehr schnell was läuft. Heute weiß ich, dass du als Trainer Entscheidungen treffen musst, die nicht immer leicht sind und du im Nachhinein erst weißt, ob sie richtig waren. Ich habe aber definitiv kein Problem mit Rainer Maurer.

Finden Sie denn, dass Sie aus Ihrer Karriere hätten mehr machen können. Sie hatten großes Talent und haben unter Berti Vogts nur ein A-Länderspiel als Nationalspieler absolviert.

Das ist schwer zu beantworten ist. Sicherlich hatte ich eine Menge Potenzial, welches ich nicht kontinuierlich über all die Jahre abrufen konnte, dennoch bin ich nicht unzufrieden mit dem Verlauf meiner Karriere. Ich habe es geschafft, für mein Heimatland zu spielen, DFB-Pokalsieger zu werden, Champions League und Uefa-Cup zu spielen. Ich glaube, dass viele gerne mit mir getauscht hätten. Ein großes Problem meiner Karriere war die Häufigkeit meiner Verletzungen (sieben Knieoperationen, d. Red.), die mich leider immer wieder zurück geworfen haben.

Nach der aktiven Karriere wurden Sie Trainer.

Richtig. Ich habe zwischenzeitlich die Fußballlehrer-Lizenz erworben und habe im letzten Jahr die U-23 von Rot-Weiß Essen trainiert.

Dort haben Sie allerdings nach nur sieben Monaten aufgegeben. Ist Trainer doch nicht das Richtige für Sie?

Die Arbeit mit der Mannschaft hat mir sehr viel Spaß gemacht und wir konnten die Saison am Ende als Aufsteiger im Mittelfeld beenden. Leider waren die Umstände, unter denen die Mannschaft und ich als Trainer zu arbeiten hatten, alles andere als befriedigend, woraus ich am Ende meine Konsequenz gezogen habe.

Wird man Sie in Zukunft als Trainer wiedersehen oder werden Sie als Manager im Anzug hinterm Schreibtisch sitzen?

Eines weiß ich zu 100 Prozent. Ich möchte auch in Zukunft im Fußball tätig sein. In welcher Form, das kann man nicht alleine entscheiden.

Könnten Sie sich eine Rückkehr zu 1860 in irgendeiner Funktion vorstellen?

Im Fußball sollte man nie nie sagen – und ich bin auch nicht im Streit gegangen.

Ein Job in Mönchengladbach wäre immer noch ein Traum für Sie, oder? Michael Frontzeck, Ihr alter Kumpel, ist da jetzt Trainer. Beneiden Sie ihn?

Sicherlich wäre es schön, zu den Wurzeln zurückzukehren, aber das ist ja kein Wunschkonzert – und in Mönchengladbach laufen leider seid einigen Jahren viele Dinge nicht so wie sie laufen sollten. Ich wünsche Michael auf jeden Fall eine starke Mannschaft und ein glückliches Händchen.

Mit Ewald Lienen ist ein anderer Ex-Gladbacher jetzt Trainer bei 1860. Wird er Erfolg haben mit den Löwen?

Der Anspruch in München ist immer sehr hoch. Ob man ihm gerecht werden kann, wird die Saison zeigen. Mit Ewald Lienen hat man einen guten und erfahrenen Trainer holen können. Das wichtigste in einem Verein ist und bleibt jedoch die Mannschaft, von der sowohl Trainer als auch Verein abhängig sind. Die Frage ist, ob der Kader unter den Möglichkeiten, die der Verein hat, stark genug ist für den Aufstieg. Zu wünschen wäre es Ewald, dem Club und den Fans.

Bevor er zu den Löwen kam, spielte Karlheinz "Kalla" Pflipsen bei Alemannia Aachen, Panathinaikos Athen und Borussia Mönchengladbach. In 197 Bundesliga- und 68 Zweitligapartien schoss er 47 Tore. Mit Mönchengladbach wurde er 1995 Deutscher Pokalsieger. Einmal spielte er im Trikot der A-Nationalmannschaft. Bei den Löwen verlor er in der Rückrunde seinen Stammplatz , beendete anschließend im Alter von 34 Jahren seine Profi-Fußballer und wurde Trainer der U-23 von Rot-Weiss Essen - mit unglücklichem Ausgang.

Interview: Reinhard Franke

 

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