"Tschüss-freie Zone" Experten einig: Kinder sollen für bayerischen Dialekt nicht bestraft werden

"Tschüss-freie Zone": Soll’s (noch) geben in Bayern. Foto: Armin Weigel/dpa

In Landshut treffen sich Lehrer und Experten, um über Mundart zu diskutieren. Und sind sich einig: Kinder dürfen für ihren Dialekt nicht bestraft werden.

 

Landshut - Zur "Tschüss-freien Zone" machte der bayerische Kultusminister Bernd Sibler am Donnerstag spontan den Bernlochnersaal in Landshut. Dort trafen sich 250 Lehrer, Dialektforscher und -bewahrer aus ganz Bayern. Ihr hehres Ziel: Darüber diskutieren, wie das Bairische in der Schule am besten gefördert und verankert werden kann.

Dialekt soll gefördert werden

Schließlich gilt der Dialekt mittlerweile als besondere Fähigkeit. Wer zwischen der Standardsprache und zum Beispiel dem Bairischen wechseln kann, tut sich mit Fremdsprachen leichter. Nicht nur deshalb sollen neben dem Können der Standardsprache Bairisch, Fränkisch oder Schwäbisch bei Schülern aller Schularten noch viel stärker gefördert werden. Sibler sagte daher mehrmals: "Wenn jemand wegen seines Dialekts in der Schule schlechter benotet wird, gibt es richtig Ärger."

Das war nicht immer so: Manch Älterer wird sich sicher noch daran erinnern, eine schlechtere Note wegen des "dummen" Dialekts in der Schule für ein Referat bekommen zu haben – erst seit den 90er Jahren bekommt zum Beispiel das Bairische wieder Aufwind, wird sein Wert erkannt. Seit 2009 gehört es schließlich zu den schützenswerten Sprachen.

Bairisch in den Lehrplan integrieren

Daher sieht der bayerische Staat mittlerweile auch die Vermittlung des Dialekts in der Schule als sehr wichtige Aufgabe. Nicht als Unterrichtsfach, und nicht im "luftleeren Raum", sondern integriert in allen Schulfächern und im Lehrplan. Wenn ein Lehrer in Bairisch Mathe unterrichtet? Gut so! Unterrichtsbücher werden so in Deutsch oft nur noch zugelassen, wenn sie auch den Dialekt, zum Beispiel mit Mundartgedichten, behandeln.

Der Germanistik-Professor Klaus Wolf von der Uni Augsburg sieht den Dialekt als noch lange nicht todgeweiht an, Stichwort "neues Heimatbewusstsein" samt bayerischen Poetry-Slams, bayerischen Rappern, und bayerischem, jungem Kabarett. Genau solche Formen wie zum Beispiel kreatives, bairisches Schreiben müssten in den Lehrplan integriert werden. Wolfs These: "Mundart ist immer dann modern, wenn sie modern präsentiert wird."

Nicht-Dialektsprecher ruhig integrieren

Dabei müsse der Dialekt aber immer inklusiv und nie exklusiv gelebt werden, heißt: Nicht-Dialektsprecher ruhig integrieren. Wolf brachte das Schulprojekt-Beispiel eines arabisch-schwäbischen Kochbuchs, in dem Falafel und Käsespätzle erklärt werden, ganz nach dem Motto "Völkerverständigung got durch dr Maga". Schließlich sei Bayern ein seit Jahrhunderten bunt durchmischtes Einwanderungsland.

Das gelte auch für die Sprache: "Böfflamot" komme schließlich aus dem Französischen. Und der Dialekt könne für viele quasi ein Rettungsanker sein in einer stärker globalisierten Welt. "Dialekt darf nie als minderwertig gesehen werden. Schließlich sind die Dialekte viel älter als die Standardsprache", so der Lehrer und Dialekt-Autor Helmut Haberkamm. "Code-Switching", also ein fehlerfreies Wechseln zwischen Standardsprache und Dialekt, sei das Ziel.

Haberkamm stellte jedoch auch klar: Lehren kann man einen Dialekt in der Schule nicht unter Zwang. Er muss gesprochen werden; sonst funktionieren die ganzen Bemühungen nicht.

 

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