Traditionshaus in der Türkenstraße Edel-Kino: Das alte Arri in München eröffnet neu

Bekommt im Februar ein mondänes Vordach: das Arri-Kino in der Türkenstraße mit der klassischen 50er-Jahre-Fassade. Foto: Daniel von Loeper

Das alte Arri-Kino ist prachtvoll neu geworden. Die AZ hat sich in den edlen Sälen umgesehen - und zeigt die besten Fotos des beliebten Münchner Kinos von damals bis heute.

München - Schon das Foyer zeigt, was in einem Kino möglich ist - wenn man Platz schafft. Dazu wurden die Räume in den Innenhof des Traditionsfirmengeländes erweitert, und schon ist hier Luft und Licht. Aufstrebende Lamellenelemente vermitteln eine große Raumhöhe, stilisierte antike Säulenelemente veredeln den Eindruck.

Und alles greift, wenn man sich an das Arri zwischen 1958 und 1974 noch erinnern kann, den Stil der 50er Jahre wieder auf: eine Zeit, als das Kino noch unangefochten ein Vergnügungspalast sein konnte. "Und jetzt will ich dem modernen Kino wieder den passenden Raum geben", sagt der neue Betreiber Hans-Joachim Flebbe.

Seit seinem ersten Edelkino 2008, dem Astor am Berliner Kurfürstendamm, hat er begonnen, in deutschen Städten "Kino wieder zu einem Vergnügen zu machen, so dass es den Leuten schwerfällt, vor dem Fernseher oder Laptop zu bleiben."

Astor Film Lounge mit drei Sälen

Wie das geht, kann man jetzt in den drei Sälen der Astor Film Lounge erleben, wozu 10 Millionen verbaut wurden, allein 6,9 Millionen in den Innenausbau, wie Flebbe erzählt, der gerade die Eröffnung seines Astor-Kinos in der Hamburger Hafen-City hinter sich hat. In München gibt es jetzt den spektakulären großen Astor-Saal mit 335 Plätzen.

Er ist aus einem ehemaligen Fernsehstudio entwickelt worden. Hier waren die "Bullyparade" oder bis vor einem Jahr "Ringelstätter" aufgezeichnet worden. Von allen Verbauungen befreit ist wahrscheinlich Münchens schönster Kinosaal entstanden, wenn man vom Foyer eine breite Treppe nach oben schreitet: großzügig, elegant, dabei nicht kühl und mit Lichtspielwänden aus 5600 LED-Leuchten ausgestattet.

Altes Arri-Kino - Charakter ist geblieben

Aber auch wer nach dem "alten" Arri sucht, wird - ein paar Stufen nach unten - fündig. Der Raumcharakter ist geblieben, aber es gibt jetzt statt 360 noch 177 Plätze zwischen schönen Holzwänden mit vertikalen Lichtröhren. Beide Säle haben komfortable, cremefarbige Ledersessel, die im Logenbereich elektrisch – wie in einer Businessclass – Fußbereiche ausfahren können. Eine weitere Treppe führt nach unten – zum Arri-Club. Es ist ein intimer Raum mit 72 rotsamtenen Plätzen, von einem dunklen Holzbücherregal gerahmt.

Ab Freitag können dann die Münchner hier Filme sehen. Dass man - neben dem akustisch geeigneten Queen-Film „Bohemian Rapsody“ und dem perfekten Krimithriller „Widows“ - hier mit der Fitz-Schweighöfer-Komödie "100 Dinge" startet, ist allerdings qualitativ tief angesetzt.

Für ein Edelkino auffallend moderate Preise

Die Preise hingegen für ein Edelkino auffallend moderat: von 13 Euro bis 18 Euro (3D-Film und Loge) inklusive Garderobe und Begrüßungsdrink. Am Platz kann man weitere Getränke und etwas zu Essen bestellen – "nachos-frei", wie Flebbe versichert und gegen Handygespräche während des Films soll das Personal höflich einschreiten.

In die Kinoräume wurde auch die ehemalige Arri-Kantine integriert - als Kinobar und Bistro, das jetzt die Macher des geschlossenen Vorstadtcafés zu einem neuen Schwabinger Treffpunkt machen wollen.


Kino-Tradition seit 1926: Das Arri Kino hatte eine wechselvoll wilde Geschichte

Das Arri-Kino, benannt nach den Arri-Firmengründern August Arnold und Robert Richter sollte ursprünglich bereits 1953 wieder aufgebaut werden als Nachfolgerkino des zuvor (1926) auf dem Arri-Gelände eröffneten, im Krieg zerstörten Capitol.


Aber die Wiedereröffnung als Arri-Kino verzögerte sich: Die Firma wollte erst die Entwicklung der amerkanischen 3D-Technik abwarten. Aus der Verzögerung um wenige Monate wurden fünf Jahre.
Am 22. Dezember 1958 eröffnete auf dem Arri-Gelände, wo die heute über 100-jährige Filmtechnik Firma seit 1948 ihren Sitz hatte, das Arri mit 480 Plätzen auf dem neuesten Stand der Technik. Tagsüber wurden hier Filmmuster und Rohschnittfassungen begutachtet: abends – anfangs nur an zwei Abenden die Woche – Publikumsverkehr!
Die Innenausstattung des Kinos übernahm Paolo Nestler, von dem auch das ehemalige Eiscafé Venezia in der Leopoldstraße stammte. Zur Eröffnung zeigte das Arri "Die Brücke am Kwai" von David Lean mit Alec Guiness und William Holden.


Bekannt war das Arri-Kino in den 60ern auch für seine Nachtvorstellungen mit so genannten „Trash“-Filmen, wie billige Gruselfilme und Krimis. Mittwochs wurden Eddie-Constantine-Filme gezeigt – zu denen sich ein Lemmy-Caution-Mitmach-Kino entwickelte: Mitgebracht wurden Kochtöpfe, Trompeten, Kuhglocken, Wecker, Luftballons und Klopapier und Whiskey.


Ab den 70ern fand der Neue Deutsche Film im Arri eine seiner Hauptabspielplätze. Werner Herzog, Fassbinder, Syberberg und Edgar Reitz zeigten hier ihre Filme und umgingen mit direkten Vereinbarungen mit dem Kino die Einflussnahme von den Verleihfirmen. Bis Juni 1974 hatte im Arri-Gebäude in der Türkenstraße das "Koordinationsbüro Film" sein Quartier, das diese Direktmethode förderte und durchführte. In den 80ern wurde der Neue Deutsche Film in Sonderreihen gezeigt unter dem Motto "Nichts ist spannender als die Wirklichkeit".


Durch die Renovierung 1974 waren die Plätze von 480 auf 360 reduziert worden und es gab ab jetzt eine Cafeteria. 1978 war das Arri das erste Kino mit Dolby-Stereo-Tonanlage in Deutschland. "Als perfektes Premierenkino für höchste Großstadtansprüche befriedigt das Neue Arri alle Kinotriebe", schrieb AZ-Kritikerin Ponkie: "So etwas von Sitzgefühl (mit Schlafkomfort) in Verbindung mit erlesener Bild- und Tonqualität - so etwas findet man selten."

 

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