Tour de France Didi Thurau: "Sehe keinen Deutschen, der aufsteigen könnte"

Radsportlegende Didi Thurau spricht im AZ-Interview über die diesjährige Tour de France, den deutschen Radsport und Doping.

 

AZ: Herr Thurau, was sagen Sie als Deutschlands Radsportlegende – bei der Frankreich-Rundfahrt im Jahr 1977 fuhren Sie ja selber 15 Tage in Gelb – zu der diesjährigen Tour de France?

DIDI THURAU: Leider muss man ganz offen sagen, dass die Tour jetzt schon fast ein bisschen langweilig ist. Vor dem Start ist man ja von einer Art Dreikampf zwischen Vincenzo Nibali, der ja schon mal beim Giro triumphiert hat, Christopher Fromme, der 2013 den Tourgesamtsieg holte, und Alberto Contador, dem Sieger der Jahre 2009 und 2010, ausgegangen. Jetzt ist nach den schweren Stürzen von Froome und Contador nur noch Nibali übrig. Er muss sich jetzt schon ungemein dumm anstellen, wenn er die Tour noch verlieren will. Eigentlich kann er sich jetzt schon feiern lassen.

 Ist die Tour zu gefährlich? Es gab viele schwere Stürze.

Es mag hart klingen, aber Stürze gehören zum Radsport einfach dazu. Gerade zum Anfang einer Tour, wenn es halt noch richtig hektisch zugeht, dann kracht es auch mal. Es war sicher riesiges Pech, dass es mit Froome und Contador gleich zwei von denen, die als Helden dieser Rundfahrt vorgesehen waren, erwischt hat. Froome hat sich beide Hände gebrochen, Contador einen Haarriss im Schienbein zugezogen. Das sind unmenschliche Schmerzen. Es gab ja ein paar Leute, die fragten, ob man da nicht weiterfahren könnte. Keine Chance! Jeder, der mal gefahren ist, weiß das.

Was bleibt für Sie von dieser Tour auf jeden Fall hängen?

Es war für uns Deutsche eine wirklich ganz herausragende Tour. Marcel Kittel hat drei Etappensiege geholt, Tony Martin und André Greipel je einen. Das sind tolle Triumphe. Ich weiß, dass viele Leute in Deutschland dies nicht so sehen. Die wollen immer nur einen, der um den Gesamtsieg mitfährt, für die zählen Etappensiege nicht viel. Aber so einen Fahrer gibt es im Moment einfach in Deutschland nicht. Das mindert aber nicht die Erfolge von Kittel, Martin und Greipel. Die können alle richtig gut Rad fahren.

Wie lange wird es dauern, bis wieder ein Deutscher die Tour gewinnen kann?

Ich sehe da keinen, der in den nächsten vier, fünf Jahren dazu aufsteigen könnte.

Zeitfahr-Weltmeister Tony Martin überlegt, sich weg vom Sprint, hin zu einem Allrounder zu entwickeln.

Das kann er vergessen. Dieses Umsatteln, das schafft keiner. Und wenn man sich ansieht, wie er auf dem Rad sitzt, dann sieht man auch, dass er eben eher ein Sprinter ist als eine Bergziege, die etwa die Alpen mühelos hochklettern wird. Ich wiederhole es gern – oder auch nicht gern –, in den nächsten Jahren wird kein Deutscher die Tour gewinnen. Ich glaube, dass der Radsport in Deutschland mehr als in jedem anderen Land unter den Dopinggeschichten der Vergangenheit gelitten hat. Anderswo hat man es abgehakt und freut sich weiter am Sport, in Deutschland kam die große Keule.

Glauben Sie, dass die diesjährige Tour sauber ist?

Weitestgehend. Ich denke, dass das System Doping tot ist. Das schließt aber nicht aus, dass ein Einzelner es trotzdem macht. Es gibt immer Leute, die so dumm sind, es noch mal zu versuchen. Das erinnert mich immer an einen Bankräuber, der bei einem Überfall erwischt wurde. Die meisten fangen nach dem Gefängnis nicht wieder an. Aber mache sind halt Wiederholungstäter.

Wie sehr hat es Sie, der ja selber eine Dopingvergangenheit hat, geärgert, dass der siebenmalige Tourgewinner Lance Armstrong alles und jeden mit Klagen überzogen hat, der ihn des Dopings verdächtigte, dann aber unter der erdrückenden Beweislast am Ende doch noch gestehen musste, bei all seinen Siegen von 1999 bis 2005 gedopt zu haben?

Was sollte er denn machen? Gewinnen und gleich danach sagen, ich habe betrogen? Das würde kein Spitzensportler machen. Und machen wir uns doch nichts vor: So war damals der Radsport – und nicht nur der Radsport. Sie haben alle gedopt. Alle waren voll bis obenhin. Deswegen bin ich auch dafür, dass Lance Armstrong seine Siege, die ihm ja nach dem Dopinggeständnis aberkannt wurden, wieder zurückgegeben werden. Was soll die Heuchelei? Damals war nicht nur er gedopt, sondern auch der Zweite und der, der Platz 180 belegte, ebenso. Da alle gedopt haben, war Armstrong trotzdem der Beste und hat die Siege verdient. Wenn man die Blutproben der Sieger der 50er, 60er Jahre hätte und untersuchen könnte, wären alle positiv. Das ist schrecklich, aber so war die Zeit. Jetzt Armstrong exemplarisch an den Pranger zu stellen, finde ich unangemessen.

Verharmlosen Sie da nicht in geradezu fataler Weise die Dopingproblematik?

Überhaupt nicht. Was da ablief, war kriminell, war unverantwortlich, war schrecklich. Ich wusste ja von vielen Dingen, habe zu meiner Zeit auch Sachen genommen, um etwa mehr Luft zu kriegen, aber bei dem, was da ans Tageslicht kam, habe auch ich mit den Ohren geschlackert. Blutinfusionen und solche Sachen. Ich bin unglaublich froh, dass diese Ära vorbei ist. Mein Sohn Björn fährt ja selber profimäßig Rad. Wäre er in der damaligen Epoche dazu gekommen, hätte er seine Gesundheit, ja, sein Leben riskieren müssen, um erfolgreich zu sein. Damals gab es gar keine Alternative: Entweder du hast gedopt – oder du hast keine Chance gehabt. Und es sind ja nicht gerade wenige Radfahrer in sehr frühen Jahren verstorben. Das wird von vielen Medizinern ja auf die Nachwirkungen des Dopingmissbrauchs zurückgeführt. Ich verharmlose im Bezug auf Doping gar nichts, kein Vater wünscht sich, dass sein Sohn in seinem Beruf seine Gesundheit gefährden muss. Aber ich leugne auch nicht die damalige Realität. Doping war da fast normal. So krank das auch ist.

 

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