Todesfalle Kiew Schon über 60 Tote - Die Gewalt explodiert in der Ukraine

Ein Mann betrauert die Toten in Kiew. Foto: dpa

Blutbad in Kiew - Scharfschützen zielen auf die Demonstranten, Situation "außer Kontrolle" sagt Klitschko

 

KIEW Das Zentrum von Kiew gerät für Dutzende Menschen zur Todesfalle. In der ukrainischen Hauptstadt feuern Unbekannte auf Regierungsgegner wie auf Sicherheitskräfte. Es gibt wohl weit mehr als 60 Tote an diesem blutigen Donnerstag. Verzweifelt versuchen Demonstranten, sich mit Helmen und selbst gebauten Schilden vor den Kugeln zu schützen. Aber oft vergeblich: Immer wieder sinken sie getroffen zu Boden und werden von ihren Mitstreitern hektisch aus dem Schussfeld gezogen. Die Szenen erinnern an einen Bürgerkrieg.

Gezielte Hinrichtungen

Im Internet kursieren Videos von mutmaßlichen Scharfschützen – Maskierte mit gelben Armbinden. „Mit einer einzigen Kugel“ seien viele Regierungsgegner auf dem Unabhängigkeitsplatz Maidan erschossen worden, sagt der freiwillige Arzt Dmitri Kaschin. „Niemand hat zwei oder drei Wunden.“ Das spräche für Profis, die auf Hunderte Meter genau treffen. In einem Schnellrestaurant richten Helfer ein provisorisches Erste-Hilfe-Lager ein. Dass die Opposition und Präsident Viktor Janukowitsch erst am Vorabend einen Gewaltverzicht vereinbart haben, erscheint völlig absurd angesichts der Bilder von Blut und Chaos. Doch wer hinter den tödlichen Schüssen steckt, ist nach wie vor völlig unklar. Beide Seiten geben sich gegenseitig die Schuld.

Viele Einwohner fliehen in Panik

Von bewaffneten „Extremisten“ mit Scharfschützengewehren spricht die Präsidialkanzlei. Innenminister Witali Sachartschenko lässt Waffen und scharfe Munition an die Sicherheitskräfte verteilen. Hingegen ist die Opposition der Meinung, die Schützen seien Mitarbeiter des Geheimdiensts SBU oder bezahlte Provokateure von Regierungsseite. Beobachter argwöhnen, dass es sich sogar um Spezialeinheiten aus dem Nachbarland Russland handeln könnte, die auf alle feuern und damit für Chaos sorgen sollen. Und die Panik greift in der Millionenmetropole in der Tat immer mehr um sich. In Geschäften gibt es Hamsterkäufe, an Tankstellen bilden sich lange Schlangen. Viele Einwohner fliehen geradezu aus der Stadt, die Straßen sind verstopft.

Der Präsident entzieht sich der Verantwortung

Schwarzer giftiger Qualm steigt über dem Maidan auf. Nach wie vor steht die U-Bahn, die Hauptschlagader, still. Nur wenige Hundert Meter von den Gewaltexzessen entfernt trifft sich der Staatschef mit Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier sowie dessen Kollegen aus Polen und Frankreich. Er telefoniert mit Bundeskanzlerin Angela Merkel. Aber öffentlich meldete sich Janukowitsch nicht zu Wort. Der Präsident, so formulieren es Kritiker, entzieht sich in der wohl schwersten Stunde seit der Unabhängigkeit 1991 der Verantwortung. Mehrere Abgeordnete treten aus Janukowitschs Partei der Regionen aus, die – gemeinsam mit den regierungstreuen Kommunisten – noch die Mehrheit im Parlament hält.

An der Obersten Rada treffen Oppositionsmitglieder um Ex-Boxweltmeister Vitali Klitschko und Ex-Außenminister Arseni Jazenjuk, aber auch regierungsnahe Abgeordnete ein. Sie eröffnen eine Sondersitzung, um etwa Verfassungsänderungen zu besprechen und damit die Vollmachten des Präsidenten zu beschneiden. Aber ob überhaupt das nötige Quorum erreicht wird für Beschlüsse, scheint sehr unsicher. „Wir sehen die Situation außer Kontrolle“, muss Klitschko einräumen. Er wirft der Regierung einen Krieg gegen das eigene Volk vor. Aber alle Appelle der ohnehin gespaltenen Opposition verpuffen. Eine politische Lösung der beispiellosen Krise scheint in weiter Ferne. Die Radikalen auf der Straße, die möglicherweise selbst scharfe Munition einsetzen, hören ohnehin nicht mehr auf die Politiker. Schon am Vormittag stürmen Hunderte Mitglieder der selbst ernannten Selbstverteidigungskräfte gegen die Polizeiketten im Regierungsviertel vor.

Ein Hauch von Umsturz liegt zeitweise in der Luft. Einige Milizionäre – oft junge Rekruten, gerade 18, 19 Jahre alt – geraten in Panik. Dutzende ergeben sich. Dass es Überläufer gibt, dementiert das Innenministerium energisch. Und im Rest des Landes droht nun auch immer stärker die Eskalation. Im antirussisch geprägten Westen, rund um die Großstadt Lwiw (Lemberg) mit ihrer malerischen Altstadt, sehen sich die Regierungsgegner im Aufwind. Sie überrennen Verwaltungsgebäude, setzen Polizeistationen in Brand, vernichten Dokumente. Auf der Halbinsel Krim, einem beliebten Ferienparadies, hingegen drohen moskautreue Kräfte bereits damit, sich wieder Russland anzuschließen - falls Präsident Janukowitsch stürzt.

 

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