Tod mit 94 Jahren Ellis Kaut: Mehr als Mutter aller Klabauter

Ellis Kaut, die Erfindern von Pumuckl (hier im Jahr 2005) starb am Donnerstag, 24.09., im Alter von 94 Jahren. Foto: dpa

Ellis Kaut starb mit 94 Jahren, aber die Pumuckl-Figur macht sie unsterblich. Dabei verstand sich die Münchnerin als Künstlerin vieler Sparten.

 

München - Es war bei einem Winterspaziergang, um 1960. Jedenfalls pulverte eine zierliche Frau ihren Mann gehörig mit Schnee ein. Der nahm’s spielerisch und meinte: „Du bist schon ein rechter Pumuckl.“

Klabauter-Punk Pumuckl

So könnte man vielleicht den Schriftsteller Kurt Preis, den Ellis Kaut mit 19 Jahren geheiratet hatte, Namensvater des Pumuckls nennen. Aber natürlich schuf erst Ellis diesen Klabauter-Punk, den unangepassten Individualisten in den frühen 60er Jahren.

Die kommende 68er-Revolte war in diesem antiautoritären Kobold-Anarchisten in seiner liebenden Gegnerschaft zum Eder’schen Spießbürgertum schon angelegt: „Es lebten die Klabauter, mal leiser und mal lauter. Und lebt ein Lauter leiser, dann ist er sicher heiser. Doch lebt ein Leiser laut, wenn er auf die Büchsen haut!“ Das ist Prä-Heavy-Metal!

Pumuckl lebt durchaus auch den Exzess, betrinkt sich mit Kirschlikör, isst Schlagrahm bis zum Erbrechen und geht auf Abenteuerfahrt mit einer Gummiente. Er steht für Nonkonformismus bis ins Detail. So mag er Pudding nur, wenn er klumpig und leicht angebrannt ist.

Natürlich ist diese Schöpfung von Elis Kaut auch ein klein wenig ein Selbstporträt: „Ich bin auch klein. Und frech bin ich auch“, sagte sie vor Jahren der AZ. Aber irgendwie fühlte sich die Künstlerin Kaut auch etwas vom heute bis China bekannten Quälgeist Pumuckl unterdrückt – wie Meister Eder. Beide aber, der Schreiner und die Schöpferin, Ellis Kaut wussten, was sie am Pumuckl hatten: „Die einseitige Sicht auf den Pumuckl hat mich zwar nicht unbedingt geärgert, aber ich finde sie ungerecht. Einige andere Sachen, die ich gemacht habe, finde ich genauso gut, genauso phantasievoll. Aber das dringt nicht durch, und manchmal fühle ich mich zum Protest aufgerufen: Da ist doch nicht nur der Pumuckl!“

Eine Erfolgsstory wurden neben Pumuckl ihre Geschichten vom „Kater Musch“. Außerdem trieb „Uli der Fehlerteufel“ – mit vollem Namen Ulimantulus Irrichmich – über 10 Jahre lang sein „Unwesen“ in Rechtschreibfibeln westdeutscher Schüler. Aber von Pumuckl gibt es eben über hundert Geschichten in Buchform, als Hörspiel oder eben als TV-Serie mit Gustl Bayrhammer als Schreinermeister im noch nicht gentrifizierten Münchner Lehel.

Multi-Talent Kaut

Elis Kaut war neben ihrer Kunst als Autorin auch eine ausgebildete Schauspielerin, eine Fotografin, Bildhauerin und Malerin, die sich allerdings in abstrakteren Zeiten nicht durchsetzten konnte: „Ich habe von 1940 bis 1944 an der Kunstakademie in München studiert und bis zu meinem 21. Lebensjahr nicht gewusst, dass es Picasso überhaupt gibt – so war das bei den Nazis. Aber ich bin gegenständlich, ich will verstanden werden. Es wäre für mich unbefriedigend, einfach nur einen Klecks auf die Wand zu machen und einen Meter weiter einen zweiten Klecks. Für so was habe ich keinerlei Verständnis. Bei solcher Kunst habe ich das Gefühl, da will jemand nicht verstanden werden“, sagte sie im Interview mit 89 Jahren, als ihre Autobiografie „Nur ich sag ich zu mir: Mein Leben mit und ohne Pumuckl“, erschien.

Jetzt ist Ellis Kaut am frühen Donnerstagmorgen nach langer Krankheit in einem Pflegeheim bei München gestorben. Aber bis zuletzt hatte Kaut verfolgt, wie es um „ihren“ Kobold stand. Als vor wenigen Wochen eine neue Buch-Illustration den Pumuckl stark verschlanken wollte, entrüsteten sich nicht nur Fans, sonder auch sie selbst: „Scheußlich“ habe sie den schlanken Kobold gefunden, sagt ihre Tochter Ursula Bagnall.

Erst Freundinnen - Dann Gerichtsstreit

Interessanterweise aber gab die Malerin Kaut ihrem Radiokobold nicht selbst optisch Gestalt, als die ersten „Pumuckl“-Bücher und Schallplatten mit Pumuckl-Cover erschienen. Die Grafikerin Barbara von Johnson gewinnt mit ihrem Entwurf den Wettbewerb, Pumuckl Gesicht und Gestalt zu geben. 33 Cover und zehn Bücher entstehen so gemeinsam. Kaut und die rund zwanzig Jahre jüngere von Johnson werden Freundinnen – bis sie sich juristisch verkeilen.

Die Grafikerin erstreitet sich das Recht, sich als „optische Mutter“ Pumuckls bezeichnen zu dürfen. Elis Kaut will einen Malwettbewerb von Barbara von Johnson verbieten lassen, in dem eine Freundin für den rothaarigen Kobold entworfen werden soll. Keine schlechte Idee, schließlich sollen die Klabauter ja nicht aussterben!

Lesen Sie hier: Pumuckl-Erfinderin Ellis Kaut gestorben

Das sieht auch das Landgericht so und erlaubt die Ausschreibung, obwohl Pumuckl selbst einmal erklärte: „Es ist nicht Kobolds-Art, nach anderen Kobolden zu suchen. Das ist mehr Heinzelmännchen- und Gartenzwerge-Art.

Die müssen ja immer in ganzen Horden leben, weil einer alleine ja gar nicht so tugendboldig sein kann. Ich bin aber kein Tugendbold, sondern ein Kobold.“ Und Ellis Kaut selbst hatte zur Freundin-Idee klar gesagt: „Eine Geschmacklosigkeit. Gespenster heiraten nicht!“ Aber Pumuckl ist halt doch kein Gespenst und hat ein Eigenleben.

Jahre später herrscht wieder der Geist der Versöhnung zwischen den beiden Frauen, die ihren Kleinkrieg beenden. Kein Wunder, denn in Ellis Kaut steckt natürlich auch eine kleine Portion Meister Eder. Und wie es Ellis Kaut selbst mal gesagt hat: „Eder hat ein Gemüt - da geht’s ums Verzeihen und Verstehen.“

Über Ellis Kaut

Ellis Kaut kam am 17. November 1920 in Stuttgart zur Welt. Bereits mit zwei Jahren kam sie durch den Umzug ihrer Eltern nach München. Mit 18 war sie im Jahr 1938 das Münchner Kindl des Jahres – angenehmerweise gar nicht so arisch aussehend mit brauen Augen, hellbraunen Haaren und von zierlicher Gestalt.

Ellis Kaut blieb in ihrem Lebensstil bis in die letzten Jahre auf der Höhe der Zeit, beantworete Fanpost per Mail, fotografierte digital. Bis in die letzte Zeit standen Kinder vor ihrer Haustür in Obermenzing und wollten ein Autogramm. „Ich weiß nicht, was die vielen Menschen mit all den Unterschriften anfangen“, wunderte sich Kaut. Oft werde sie auch von Menschen auf der Straße erkannt. „Dann sind Leute fröhlich. Sie fangen an, mir Geschichten vom Pumuckl zu erzählen.“ Zum 90. Geburtstag hatte sich Kaut gewünscht: „Gesundheit – und dass alle so lange leben wie ich, damit ich niemand sterben seh’.“ Jetzt ist sie mit 94 Jahren gestorben.

 

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