Tocotronic in der Tonhalle Durchdachte Worte, durchgeschwitzte Hemden

Bei allem Revolutionsgeist: Ordnung muss sein. Die Hamburger Rockband Tocotronic feiert ihr 20-jähriges Jubiläum. Foto: Universal

Sie sind ganz die Alten: Tocotronic fegen mit der Kraft des Diskursrocks die Tonhalle durch

 

Irgendwo zwischen klarer Ansage und schwebender Vieldeutigkeit, zwischen Ernst und Ironie und ironischem Ernst stehen Tocotronic. Da kommt ein bebrillter Unbekannter auf die Bühne und kündet die Jubiläumsband bajuwarisch bierglashebend an. Er ist also nur eine namenlose Diskurs(rock)position, durch die warm die Botschaft des Willkommen-Heißens fließt. Als die Band dann umjubelt auftaucht, hat man es aber doch eindeutig mit Helden zu tun, die locker die Tonhalle – Publikum: 20 bis 50, gerne mit Brille – füllen.

Zwanzig Jahre Tocotronic – und dann thematisieren sie schnurstracks ihr Alter, ein Bekenntnis, mit dem sie auch ihr neues Album „Wie wir leben wollen” beginnen: „Hey, hey, hey, ich bin jetzt alt/Hey, hey, hey, bald bin ich kalt” singt Dirk von Lowtzow und fahndet „Im Keller” nach dem Lohn allen Mühens. Jaja: „Ich war keiner von den Stars, ich war höchstens Mittelmaß”.

Mehr Koketterie geht nicht, und schaut man sich die Vier an, alle um die 40, dann hat der Lauf der Zeit zwar von Lowtzows Haar sanft versilbert, aber weder kann von Bauchansatz die Rede sein, noch hat das Zusammenspiel an Wucht verloren. Lass’ die Saiten brennen (von Lowtzow und Rick McPhail an den Gitarren, Jan Müller am Bass) und behandle deine Drums so, wie wenn du deinem Kleinen so taktvoll wie gehörig den Arsch versohlst (Arne Zank hinterm Schlagzeug).

Die Gesten, zuletzt die gereckte Faust gen Himmel, transportieren weiterhin fröhlichen Revolutionsgeist, wobei Tocotronic jetzt gar gegen den Tod, „die blöde Sau”, aufbegehren. „Abschaffen, abschaffen, abschaffen”: durch die Wiederholung hämmern sich einzelne Worte ins Ohr, aber was von Lowtzow in Interviews sagt, bewahrheitet sich live: In den Texten mögen sich die Anspielungen stapeln und die neunmalkluge Gesellschaftsanalyse mit dem Puls der Zeit pochen, aber dem Ottonormal-Zuhörer geht es letztlich um die „geile” Musik.

Ein mitreißendes Rock-Konzert spielen sie, und auch wenn der Satz „Früher waren sie besser” im Hinblick auf das neue Album sicherlich nicht fair ist, muss man doch feststellen, dass die Menge am meisten mit den alten Songs explodiert. Da war noch, wie ernst gemeint auch immer, von Hass die Rede, gegenüber Cineasten (die allererste Single: „Meine Freundin und ihr Freund”) oder Radfahrern in von Lowtzows badischer Heimat („Freiburg”). Die Wut, die Befreiung liegt im Tempo. Optisch lässt die Band sich nicht mehr klar einordnen, das Hemd des Herrn von Lowtzow ist jedenfalls anständig durchgeschwitzt: „Let There Be Rock” als letzte Zugabe. Hirn durchgepustet, Mission erfüllt.

 

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