Tobias Moretti über die "Deutschstunde" Die Kultur von Siegfried Lenz gegen die Barbarei

Max Ludwig Nansen (Tobias Moretti), Siggi Jepsen (Levi Eisenblätter). Foto: Wild Bunch

Im Interview zur „Deutschstunde“ spricht Tobias Moretti über den Pflichtbegriff, falsche Assoziation zu Nolde, weibliche Radikalität und die Lust an Theater und Film

Tobias Moretti hat eine besondere Beziehung zu München. Unter der Regie von Christian Schwochow steht er in „Deutschstunde“ als expressionistischer Künstler Max Ludwig Nansen vor der Kamera, der unter den Nazis nicht mehr malen darf. Seine Kunst gilt als entartet. Sein Gegenpart ist Jugendfreund und Nazi Jens (Ulrich Noethen).

 

AZ: Herr Moretti, was ging Ihnen durch den Kopf nach der Lektüre des Drehbuchs?

TOBIAS MORETTI: Ich hatte den Siegfried Lenz in der Schule lesen müssen, und über die Länge des Romans hat man sich halt so durchgeschwindelt. Ich fand die Nachkriegsliteratur, die wir in den 80er Jahren gelesen haben, auch mühsam. Deshalb habe ich mich gefragt, wieso will der Christian Schwochow ausgerechnet diese Geschichte über Opportunismus und Konformismus angehen? Aber als ich das Drehbuch gelesen hatte, wusste ich, da entsteht ein unglaublich reiches Gemälde mit einer außergewöhnlichen Bildsprache, das Hintergründe aufzeigt und trotzdem eine Reflexion auf das Hier und Heute ist.

War der Widerspruch zwischen Pflichterfüllung und Verantwortung damals besonders ausgeprägt?

Das kommt darauf an, welche Figur man beleuchtet. Jede einzelne hat in ihrem Wesen, in ihrer Apathie, in ihrer Handlungskonsequenz einen völlig anderen Zugriff auf das eigene Schicksal. Jepsen hängt einem anderen Pflichtbegriff an als die anderen oder der Maler Nansen. Ich, als Max Nansen, denke mir, da muss doch noch etwas im Wesen von Jens sein. Der Mensch in seinem sich Anheimgeben in Konstellationen des politischen Ganzen, ist auch irgendwo feige. Eigentlich ein Kleinbürgerschicksal.

Wie kann man sich erklären, dass Jepsen auch nach dem Krieg Nazi blieb?

Das kann Trotz sein. Wir dürfen aber auch nicht vergessen, dass sich bestimmte Wesenszüge über Generationen immer wiederholen. So sind wir auch heute noch zum Teil im 19. Jahrhundert verhaftet.

Das hört sich nicht gut an.

Einerseits gebe ich Ihnen recht. Andererseits können wir vielleicht froh sein, dass der Restbestand einer Gesellschaftskultur noch vorhanden ist. Noch weniger gut hört es sich an, wenn ich die Welt mit ihrer globalen neuen Kultur betrachte: ob Neue Medien oder Ausfransung von Demokratie. Da weiß ich nicht, was besser ist als Kulturform. Natürlich hätte man sich gewünscht, das letzte Jahrhundert wäre nicht geprägt gewesen von den beiden Weltenbränden und deren Konsequenzen. Man würde sich auch wünschen, dass man aus diesem Grauen irgendetwas gelernt hätte: zum Beispiel nicht systemimmanent zu funktionieren. Insofern hat der Film für mich eine sehr moderne Zuordnung.

Heute sprechen wir von Werteverlust, kritisieren gleichzeitig Werte von damals…

Auch die Pflicht, heute Inbegriff des Negativen, hat ja eine positive Seite, so etwas wie Selbstdisziplin. Ich erinnere mich noch an eine sehr unangenehme Pflicht: das Lernen von Klavier, Orgel und anderen Instrumenten. Heute kann ich die spielen. Im Nachhinein ist es natürlich leicht zu sagen, das war die Pflichterfüllung, weil für meine Eltern das eine Form von Kultur bedeutete, die uns über uns selbst nachdenken und auch zu besseren Menschen werden lässt. Kultur ist immer Spiegel der Gesellschaft. Und wenn die nur noch ausfranst und flapsig ist, was bleibt da noch an Essenz?

Bei Erscheinen von „Deutschstunde“ 1968 wurde Lenz Verherrlichung des Malers Emil Nolde vorgeworfen. Gilt das auch für den Film?

Schon Lenz hat klar darauf hingewiesen, dass es sich nicht um Nolde handelt, zu den Vertretern des deutschen Expressionismus zählten auch Maler wie Ernst Ludwig Kirchner oder Max Pechstein. Auch im Film geht es nicht um Nolde, sondern um den Prototyp eines Menschen, der in seiner Fantasie und seiner Kunst durch ein System beschnitten wurde.

Im Kanzleramt wurden sogar Nolde-Bilder abgehängt, wegen Antisemitismus des Künstlers, es gab Diskussionen um Nolde-Ausstellungen.

Das ist mir völlig wurscht. Ich spiele keinen Nolde, ich spiele den Max Ludwig Nansen. Ich halte es für lächerlich und dumm, Besucher einer Nolde- Ausstellung als Nazis zu bezeichnen. Diejenigen, die sich jetzt als Moralisten aufführen, sind keinen Deut besser als die Leute damals, weil sie sich genau danach richten, was man jetzt gerade denkt. Die wären wahrscheinlich damals genau in die andere Richtung marschiert. Das ist sozusagen der Kleinbürgeropportunismus, die Kleinbürgerperspektive.

Interessant ist, dass Johanna Wokalek als Ditte Nansen mehr Widerstand zeigt als ihr Mann.

Die weibliche Radikalität geht in zwei Richtungen: Die eine richtet sich gegen sich selbst in einer Art Pflichterfüllung und Anpassung, die andere richtet sich nach außen, manifestiert sich im Widerstand. In beiden Fällen sind die weiblichen Radikalismen immer stärker als die männlichen.

Sie spielen in sehr unterschiedlichen Filmen – von Prochaskas „Das finstere Tal“ bis an der Seite von Til Schweiger in „1 ½ Ritter“, nicht zu vergessen die Brenner-Krimis. Folgen Sie dem Lustprinzip?

Ich folge keinem Prinzip. Manchmal kommt das richtige Projekt im richtigen Augenblick, manchmal auch nicht. Meistens geht‘s aber gut.

Gibt es eine Rolle, die Sie ablehnen würden?

Figuren müssen über eine Breite im Wesenszug verfügen. So wie es hier ein Gut und Böse gibt, eine Passivität und eine Aktivität, so gibt es auch eine Nachvollziehbarkeit des Charakters. Bei einem Kindermörder könnte ich den nicht nachvollziehen. Ich will diesem auch keinen Erklärungsraum geben, weil es für mich dafür keine Erklärung gibt. Deshalb wäre so eine Rolle, die ich übrigens schon zwei Mal abgelehnt habe, nicht machbar – es sei denn, man könnte diese Erklärungslosigkeit darstellen: dass es im menschlichen Leben und in der Geschichte Dinge gibt, die nicht wieder gut zu machen sind und die durch keine psychologische Instanz entschuldbar sind. Mit einem Kindsmord verwirkt einer sein Recht auf eine gesellschaftliche Existenz.

Martin Kusej verlässt das Residenztheater, Sie gehen mit ihm ans Wiener Burgtheater.

Ich kenne Kusejs Arbeit in allen Facetten. Er hat mit dem neuen Intendanten Andreas Beck München aber einen wirklich tollen Nachfolger geschenkt. Das ist natürlich gut für das Resi, aber auch schade für die Kammerspiele, in denen ich groß geworden bin. Die waren das erste Haus, und diesen Rang hat ihnen das Resi abgelaufen. Ich weiß nicht, wie das jemals wieder zu reparieren ist. Es wird jedenfalls eine Zeitlang dauern. Für mich persönlich ist das skurril, wenn man sich daran erinnert, welche Stellung die Kammerspiele einst hatten.

AZ-KURZKRITIK: Philipp Seidel 

Man fragt sich, was all die Beleuchter, die im Abspann genannt werden, zu tun hatten: Der Norden Deutschlands zeigt sich, draußen am Deich wie drinnen in den Häusern, reichlich düster; wenn man ihm wohl will: wild romantisch – oder eben: versehrt. „Deutschstunde“ ist ein sehr elegischer Kriegsfilm, der fast ganz ohne Kriegsbilder auskommt. Der Konflikt, durchaus ebenfalls auf Leben und Tod, wird hier zwischen dem Maler Max Ludwig Nansen (Tobias Moretti) und dem um jeden Preis pflichtbewussten Vertreter der NS-Macht, Jens Ole Jepsen (Ulrich Noethen), ausgetragen. In einer der eindringlichsten Szenen verkündet der Polizist dem Künstler bei dessen Geburtstagsfeier, dass seine Bilder konfisziert werden.

Stark die Bilder, toll die Schauspieler, statisch der Film

Hin- und hergerissen zwischen den Männern: Erzähler Siggi Jepsen (Kind: Levi Eisenblätter, Jugendlicher: Tom Gronau), der in der Rahmenhandlung in einer Besserungsanstalt sitzt und einen schier endlosen Strafaufsatz über die „Freuden der Pflicht“ schreibt und in der Kindheit Tierkadaver zum Horror-Puppenhaus arrangiert.
Sehr stark sind die Bilder, toll sind die Schauspieler, statisch ist der Film. Diese „Deutschstunde“ zieht sich bisweilen so, wie man es aus der Schulzeit kennt. Die Zeit wird immer wieder gedehnt durch das eintönige Pendel der Uhr in der Guten Stube.
Ein Film, auf den man sich einlassen muss – was vermutlich leichter fällt, wenn man aus dem Norden kommt und die ganze Zeit verliebt das platte Land betrachtet.    
   
Kino: City, ABC, Arena, Astor im Arri, Maxim
R: Christian Schwochow (D,, 125 Min.)

 

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