Tipps von Remy Eyssen Wie man einen Regionalkrimi schreibt

Bilderbuchfrankreich: Die Tour der France fährt entlang eines Lavendel-Feldes in der Provence. Autor Remy Eyssen aber interessiert sich mehr für die Schattenseiten. Foto: Gero Breloer

Die Verlagsagentur Lianne Kolf, der Münchner Droemer Knaur Verlag und die AZ starten einen großen Krimiwettbewerb – der Sieger erhält einen Buchvertrag

 

Fast die Hälfte aller Deutschen liebt und liest Krimis. Und es gibt seit Jahren einen besonderen Trend: Krimis aus Urlaubsregionen von der französischen Küste bis nach Mallorca.

Beim Krimi-Wettbewerb, den die Abendzeitung gemeinsam mit der Verlagsagentur Lianne Kolf und dem Münchner Droemer Knaur Verlag startet, haben wir uns für eine Region entschieden, die Münchner seit jeher als ihre Badewanne betrachten: den Gardasee. Dabei sind Ihrer Fantasie keine Grenzen gesetzt, auch wenn Corona derzeit keine Recherche vor Ort zulässt. Der Gardasee sollte thematisch und geografisch im Zentrum stehen, ermitteln könnte aber ebenso ein Commissario aus Verona, oder ein erholungssuchender Ermittler aus München, der in seinem Urlaub auf einen Fall stößt.

Wie man einen Regional-Krimi schreibt, erklärt Remy Eyssen, der von seinen Provence-Krimis über 300 000 Exemplare verkauft hat. Sein jüngstes Werk „Dunkles Lavandou“ erscheint bald bei Ullstein.

AZ: Herr Eyssen, wann begann Ihre Beziehung zur Provence?
REMY EYSSEN: Im Alter von 12 Jahren bin ich zum ersten Mal mit meinen Eltern nach Südfrankreich gereist. Das war eine völlig neue Welt. Alles sah anders aus als zu Hause in Frankfurt, roch anders und alles schmeckte fremd und interessant. Die Provence war eine faszinierende Landschaft zwischen dunkelblauem Meer und den wilden, einsamen Hügeln. Wir wohnten in Le Lavandou, einem kleinen verschlafenen Fischerort an der Küste. Man spielte Boule und auf dem Wochenmarkt konnte man Oliven kaufen, die in Knoblauch und Kräuter eingelegt waren. Später, als ich älter war, kaufte ich mit meinem Vater Rosé beim Winzer vom Fass. Was brauchte der Mensch mehr? Ich fahre noch immer nach Le Lavandou. Aus dem verschlafenen Nest ist ein Touristenmagnet geworden, und ich schreibe inzwischen Kriminalromane, die in der Provence spielen.

Wie gut muss man ein Land und die Mentalität der Bewohner kennen, um dort einen Krimi spielen zu lassen?
So gut wie nur irgend möglich. Je besser man seine Figuren kennt, um so interessanter werden auch die Geschichten um sie herum. Es sind ja nicht nur die Kriminalfälle, sondern vor allem die Details, die für die richtige Atmosphäre sorgen. Ein Boule-Spiel im Schatten der Platanen, ein Spaziergang am Strand, ein Besuch auf dem Wochenmarkt, alles kann zum Ausgangspunkt für einen Kriminalfall werden. In meinen Romanen geht es um die Spannung zwischen dem Postkarten-Idyll am Meer und den dunklen Geheimnissen in den einsamen Hügeln der Provence. Ich versuche die Leser mitzunehmen in eine Welt, wie sie nicht auf den Postkarten vorkommt. Und an Plätze, die den Touristen normalerweise verborgen bleiben.

Leon Ritter ist Rechtsmediziner, warum haben Sie keinen klassischen Kommissar als Protagonisten gewählt?
Ich habe jahrelang Fernseh-Krimis geschrieben. Immer waren Kommissare die Hauptfiguren. Dabei gab es in dem Ermittler-Team immer einen Job, der mich von Anfang an ganz besonders faszinierte: Der Rechtsmediziner. Opfer könnten so viel über ihre Mörder verraten, doch nur die Rechtsmediziner können den Toten diese Wahrheit entlocken. Darum ist meine Hauptfigur Dr. Leon Ritter auch kein Zyniker, der während der Obduktion noch nebenher seine Stulle verspeist, wie so oft im Fernsehen gezeigt. Dr. Leon Ritter ist ein sensibler Mediziner, ein Meister seines Fachs, der mit feinem Gespür und einem Blick für das Ungewöhnliche an seinen Opfern Spuren erkennt, die keinem anderen aufgefallen wären. Allerdings schießt er dabei gelegentlich über das Ziel hinaus, und beginnt auf eigene Faust zu ermitteln. Das bringt ihm regelmäßig Ärger mit der Gendarmerie Nationale ein.

Eine Frage an den Autor als Leser: Was wäre Ihre Anforderung an einen Gardasee-Krimi? Vor allem Lokalkolorit und Dolce vita oder doch eine spannende Handlung?
Jede Geschichte hat ein Herz, eine Art inneren Motor, der sie vorwärtstreibt. Das ist der Impuls, der im Idealfall den Leser nicht mehr loslässt, das Geheimnis, das gelüftet werden will. Damit steht und fällt jede Story. Das macht die Spannung jedes Romans aus, egal ob Krimi oder Liebesgeschichte. Lokalkolorit ist sozusagen die Sahne auf dem Kuchen. Die bezaubernde Welt unseres Sehnsuchtsortes, der Geschmack des Weins, das Gelächter in den Gassen, der Geruch des Wassers. Leser wollen entführt werden in diese Welt und das gelingt natürlich um so besser, je genauer sich der Autor in dieser Welt auskennt.

Was machen Sie, wenn Sie mal beim Schreiben das Gefühl haben, in eine Sackgasse geraten zu sein?
Disziplin und Schreiben stehen leider immer im Konflikt miteinander – zumindest bei mir. Zum Glück habe ich einige Jahre als Journalist bei der Abendzeitung gearbeitet. Da konnte man sich den berüchtigten „Writers Block“ nicht leisten. Die Zeitungsseite durfte ja nicht leer bleiben. Aber es gab gelegentlich auch Momente der Verzweiflung, wenn es mal nicht so richtig lief. Der Vorteil dieser Erfahrung war, dass man sich eine strenge Disziplin angewöhnen musste, die beim Drehbuch- und später beim Romane-Schreiben natürlich sehr hilfreich war. Wenn es gelegentlich doch mal klemmt im Kopf, dann gehe ich spazieren. Am besten durch den Park oder an der Isar entlang. Ich konzentriere mich ganz auf die Natur, freue mich über das Grün der Bäume und das Blau des Himmels, während im Hintergrund, irgendwo tief im Gehirn, sich die verwirrten Gedanken wieder ganz von alleine ordnen.

Wie finden Sie die Inspiration für eine Geschichte?
Ich lese online viel Zeitung. Oft sind es gerade die kleinen Meldungen, die mir im Kopf hängen bleiben. Und dann haken sich an diesen Kern mehr und mehr Gedanken an, bis ich plötzlich eine Geschichte erkenne. Zum Beispiel habe ich kürzlich gelesen, dass in Schweden an einer bestimmten Bucht immer wieder einzelne Füße angeschwemmt wurden. Keiner wusste warum. Da habe ich mir überlegt, was für eine dunkle Tragödie dahinterstecken könnte und schon war eine Story geboren. Der nächste Kriminalroman begann mit einem abgesägten Fuß, der eines Morgens auf einer Mauer mitten im Dorf steht.

Ein Provence-Urlaub könnte im Coronajahr schwierig werden. Mit welcher Lektüre trösten Sie sich darüber hinweg und reisen in Gedanken?
Es ist wirklich traurig, dass viele von uns in diesen schwierigen Zeiten weder ihre Freunde besuchen, noch zu den Orten reisen können, die wir lieben. Es ist als würde unsere Seele langsam ausgetrocknet. Dagegen sind Bücher ein guter Impfschutz. Ich lese gerade „Mystic River“ von Dennis Lehane, eine spannende, raffiniert konstruierte Story von der Amerikanischen Ostküste über Freundschaft und dunkle Geheimnisse aus der Vergangenheit. Außerdem im Kindle „Baba Dunjas letzte Liebe“ von Alina Bronsky. Einer russisch-deutschen Liebesgeschichte der ganz besonderen Art. Für alle, die im Urlaub sowieso nicht weiter als bis nach Österreich wollten, empfiehlt sich „Die weiteren Aussichten“ von Robert Seethaler. Ein Sprachkünstler mit einem liebevollen Blick für die Sorgen der kleinen Leute. 


Wie Sie Krimiautor werden

Bis zum 31. Mai 2020 können die Texte für den Gardasee-Krimi eingereicht werden. Dazu braucht die Jury nicht nur den Lebenslauf der Autorinnen und Autoren, sondern auch ein aussagekräftiges ca. 3-seitiges Exposé mit Auflösung des Falles und eine Textprobe von 30 Seiten (ca. 30 Zeilen á 60 Anschläge pro Seite). Bitte senden Sie diese an „Gardaseekrimi@droemer-knaur.de“.

Bis Ende Juli 2020 wird dann die Jury die eingereichten Texte prüfen und später drei Gewinner auffordern, ihre Geschichten zu vollenden. Aus diesen drei Krimis wird der Sieger ausgesucht, der einen Buchvertrag und eine professionelle Verlagsbetreuung durch Droemer Knaur gewinnt. Das Buch wird dort im Jahr 2021 veröffentlicht. Aber auch die Plätze zwei und drei haben die Chance auf eine Veröffentlichung, denn sie erhalten wie der Sieger einen Agenturvertrag mit der Verlagsagentur Lianne Kolf.

Zur Jury gehören neben der Verlagsagentur Kolf Steffen Haselbach, Bettina Steinhage, Natalja Schmidt (von Droemer Knaur), sowie der Schauspieler Gerd Silberbauer, der Produzent Andreas Schneppe (TV60 Filmproduktion) und der Krimi-Autor Alexander Oetker.
 

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. Ihre Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading