Tibet und Himalaya Vergessen? Peter Aufschnaiter und die Gebrüder Schlagintweit

Pindar-Gletschers im Himalaya (Indien). Das Gemälde gehört zu einer historischen Sammlung von zweihundert Aquarellen und Zeichnungen, die von den Erben der Münchner Wissenschaftler Hermann, Adolph und Robert Schlagintweit aus dem Nachlass der Brüder dem Alpine Museum des Deutschen Alpenvereins (DAV) geschenkt wurden. Foto: dpa/Alpines Museum

Der Himalaya ruft: Neue Bücher über die Gebrüder Schlagintweit und Peter Aufschnaiter, der mit Heinrich Harrer nach Tibet flüchtete

 

Ob sie aus Sicht der Nachwelt wirklich so vergessen sind, wie Rudi Palla in seinem Buch behauptet, darf aus Münchner Sicht bezweifelt werden. 2015 würdigte das Alpine Museum die Gebrüder Adolph, Hermann und Robert Schlagintweit mit einer beachteten Ausstellung. Auch das Museum Fünf Kontinente erinnert gelegentlich an die Wissenschaftler aus München, die als eine der ersten den Himalaya und das Karakorum-Gebirge systematisch untersuchten. Und am Alten Südlichen Friedhof befindet sich noch immer ihr Grab.

Alle drei Schlagintweits beschäftigten sich früh mit physikalischen und geologischen Untersuchungen in den Alpen. Ihre Erstbesteigung des Monte Rosa scheiterte. Später freundeten sie sich mit Alexander von Humboldt an. Der vermittelte ihnen einen Auftrag der East India Company zu einer Expedition, die sie ab 1854 vom äußersten Osten des Himalayas durch Nepal und Tibet bis ins damalige Turkestan brachte.

Ein Denkmal gesetzt

Palla hat den drei Brüdern in einem knappen, gut und kompetent geschriebenen Büchlein ein Denkmal gesetzt. Er beschreibt lebendig, wie die Schlagintweits auf ihren Reisen das bisher von Europäern kaum betretene Dach der Welt kartografierten, Tiere, Gefäße und Tanzmasken sammelten und die Landschaft auf rund 400 Aquarellen und Zeichnungen festhielten. Nach drei Jahren kehrten sie zurück, Adolf Schlagintweit überquerte 1857 den Karakorum, wurde in Turkestan von Aufständischen für einen chinesischen Spion gehalten und in Kaschgar hingerichtet.

An nachträglichen Ehrungen der Schlagintweits mangelte es ebenso wenig wie an akademischen Würden. Ihre Vorträge riefen Spötter auf den Plan. Von den neun geplanten Bänden einer wissenschaftlichen Auswertung erschienen nur vier. Dann gaben die Brüder auf – entmutigt durch die teilweise vernichtende Kritik britischer Konkurrenten.

Dass der Nachruhm der Schlagintweits beschränkt blieb, hat vor allem damit zu tun, dass Hermann und Robert Schlagintweit keine Schriftsteller waren. Palla beklagt ihre nüchtern-emotionslose, von persönlichen Gefühlen freie Stoffdarbietung. Die unterscheidet sie vom bis heute spannend zu lesenden Alexander von Humboldt – und auch vom Schweden Sven Hedin, der gut 50 Jahre nach den Münchner Brüdern die letzten weißen Flecken auf der Landkarte Zentralasiens beseitigte.

Von Kitzbühel nach Lhasa

Die Gebrüder Schlagintweit dürften in München immerhin an Geografie, Alpinismus und Forschungsreisen Interessierte kennen. Aber wer war gleich wieder Peter Aufschnaiter? Der gebürtige Kitzbühler gehörte zu den Teilnehmern der deutschen Nanga-Parbat-Expedition, die 1939 nach Kriegsausbruch von den Briten in Indien interniert wurde. 1944 gelang ihm mit Heinrich Harrer die Flucht. Der schrieb gleich nach seiner Rückkehr nach Europa in Windeseile den Weltbestseller „Sieben Jahre in Tibet“, während Aufschnaiter sein Manuskript nie zu einem Ende brachte und lieber über Harrer schimpfte.

Nicolas Mailänder und Otto Kompatscher haben dieses Fragment zu einer Biografie erweitert, wobei Aufschnaiters Anteil farblich abgesetzt wurde. Leider haben die Autoren es versäumt, Aufschnaiters Aufzeichnungen mit Harrers Buch abzugleichen. Über die Geschichte Tibets erfährt man nur das Allernötigste, und auch sonst sind Zusammenhänge nicht Mailänders und Kompatschers Sache.

Harrer und Aufschnaiter wollten eigentlich über China zu den mit den Deutschen verbündeten Japanern fliehen. Anfangs gingen sie getrennte Wege, nach einiger Zeit bildeten sie eine Notgemeinschaft, obwohl sie sich nur schlecht vertrugen. Harrer scheint sogar Aufschnaiters Rolex geklaut und verkauft haben.

Hitler, der praktische Mystiker

Die beiden Autoren verschweigen weder die deutschnationale Prägung des Diplomlandwirts aus Tirol noch die Instrumentalisierung der Bergsteigerei und der Himalaya-Expeditionen durch die Nazis. In einem Dorf an der tibetisch-nepalesischen Grenze erfuhren sie am 19. Mai 1945 von der deutschen Niederlage. „Hitler nach innen ein practical mystic, aber nach außen ein Fehlschlag von noch nie da gewesenem Ausmaß“, notierte Aufschnaiter und fügte hinzu: „Auf den makellosen Glauben folgt die schwärzeste Verzweiflung.“

Aufschnaiter und Harrer ergaben sich trotzdem nicht den Briten. Sie flohen weiter nach Tibet, dessen Hauptstadt sie im Frühjahr 1946 erreichten. Angesichts des großspurigen Titels „Er ging voraus nach Lhasa“ mutet ein wenig seltsam an, dass Ernst Schäfers von der SS gesponserte deutsche Tibet-Expedition, die 1939 das westliche mit dem östlichen Hakenkreuz zusammenbringen wollte, mit keinem Wort erwähnt wird. Denn die gleichen westlich orientierten Adeligen, die Schäfer als ersten Deutschen in die abgeschottete Hauptstadt Lhasa ließen, machten sich sechs Jahre später die Kenntnisse Harrers und Aufschnaiters zunutze und verhinderten die Ausweisung und Auslieferung des Duos in Richtung Britisch-Indien.

Den Blumenstrauß an die Wand geworfen

Aufschnaiter arbeitete bis zur Besetzung Tibets durch die Chinesen im Jahr 1950 als eine Art Entwicklungshelfer. Anders als Harrer, der nach Österreich zurückkehrte und sich als Tibet-Experte und Weltreisender vermarktete, arbeitete der Tiroler später für die nepalesische Regierung und die Ernährungsorganisation der Vereinten Nationen. Gegen Ende seines Lebens kehrte er in die Heimat zurück. Als Harrer Aufschnaiter kurz vor dessen Tod im Krankenhaus besuchte, soll der anschließend die Blumen wütend an die Wand geworfen haben.

Der Leser wird mit zwei Karten von Google Earth im Vorsatz abgespeist, was die Lektüre bisweilen mühselig macht und angesichts von Aufschnaiters kartografischer Begeisterung auch armselig wirkt.
Harrers Ansehen wird durch das beharrliche Leugnen seiner NS-Verstrickung am Ende seines Lebens verdunkelt. Aufschnaiter mag Parteimitglied gewesen sein und Hitlers Tod betrauert haben. Aber seinen Aufzeichnungen fehlt völlig jene Herrenmenschen-Attitüde, die „Sieben Jahre in Tibet“ oder gar Ernst Schäfers Bücher heute ungenießbar machen. Dieser Tiroler sollte nicht vergessen werden. Auch wenn er ein besseres Buch verdient hätte.

Rudi Palla: „In Schnee und Eis“ (Galiani, 192 Seiten, 20 Euro). Nicholas Mailänder: „Er ging voraus nach Lhasa“ (Tyrolia, 416 Seiten, 29,95 Euro). Das Buch wird am 2. April um 19.30 Uhr im Alpinen Museum, Praterinsel 5, vorgestellt, Eintritt frei
 

 

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