Themenwelten Ski & Fun Kitzbühel im Test: Hermann Maier schwebt vorbei

Herrlicher Panoramablick über die Kitzbüheler Alpen Foto: Natalie Dertinger

Kitzbüheler Alpen stehen für Nervenkitzel, aber auch für traumhafte Familienabfahrten, auf denen man oft überraschend einsam unterwegs ist.

 

Fahr jetzt bloß nicht los! Das ist mein erster Gedanke. Ich stehe am Start zur Hahnenkammabfahrt in Kitzbühel. Die berüchtigte Streif ist nach dem Hahnenkammrennen wieder für Skifahrer geöffnet. Erst vor wenigen Wochen standen an dieser Stelle die besten Skifahrer der Welt, beschleunigten im Tempo eines Sportwagens von null auf 100 km/h, flogen über die Kante 60 Meter nach unten und landen in der 85 Prozent steilen Wand, deren Oberfläche auch heute aus Eis besteht.

Nun blicke ich hinunter in diese berüchtigte Mausefalle. Diese Piste ist schwärzer als schwarz. Harakiri auf Skiern – jedenfalls für mich. Das spürt Stefan (21). Er ist Skiguide der Skischule in Reith bei Kitzbühel und mit Brettern unter den Füßen aufgewachsen. Für ihn ist kein Gefälle ein Problem. Doch ich würde innerhalb weniger Sekunden hier den Abflug machen.

Vorsichtshalber disponieren wir die Tour um, nehmen eine Piste neben der Streif, bekannt als Streif-Familienabfahrt. Sie ist zwar kinderleicht, aber keineswegs langweilig. Ab und zu kreuzt sie die berüchtigte Abfahrt. Auf der Piste tummeln sich viele Skifahrer – alles Schaulustige, die die gefährliche Piste sehen wollen. „Kaum einer traut sich aber auf die Streif," sagt Stefan und grinst. Mal ehrlich: Das ist auch gut so.

Gemütlich schaukelt uns die Gondel wieder nach oben. Wir fahren mit Hermann Maier. Talabwärts schwebt Marc Girardelli an uns vorbei. Und dann kommt Christian Neureuther. Hansi Hinterseer ist auch schon da. Nicht persönlich. So heißen hier die Gondeln. Auf diese spezielle Art ehren die Kitzbühler alle Gewinner ihrer berüchtigten Rennen. Gondel Felix Neureuther schwebt ab Sommer über die Rennstrecke.

Die Streif ist die bekannteste Abfahrt in Kitzbühel. „Doch nicht typisch für das Skigebiet“, beruhigt Stefan und nimmt Kurs auf familienfreundliche blaue und rote Pisten auf der Kirchberger Seite. Auf der Ehrenbachhöhe an der Fleckalmbahn beginnen die Talabfahrten Kaser und Fleck. Das einzige, was sich hier als schwierig erweist, sind die vielen Menschen vor mir und die von hinten Heranrasenden. Es ist echt voll.

Ein Eindruck, den Stefan nicht auf Kitzbühel sitzen lassen will. Zwar tummeln sich auf einigen Pisten sehr viele Skifans, wie am Kasereck auf knapp 2000 Meter Höhe. Dagegen gibt es auf den 170 Pistenkilometern unglaublich viele Abschnitte, die quasi menschenleer sind. Beispiel: Die Abfahrten runter nach Aschau, traumhaft lang und überraschend einsam. Wir geben mächtig Druck auf die Kanten, denn auf den Pisten türmen sich die weißen Schnee-Massen.

Obwohl der Himmel strahlt, kein einziges Wölkchen durch den seidenblauen Himmel segelt, schneit es ununterbrochen in den Kitzbüheler Alpen. 700 Schneekanonen arbeiten, wenn Frau Holle Pause macht, trotz guter Schneeverhältnisse. Sie feuern, was das Zeug hält. Es wird vorgesorgt, die Saison ist noch lang, der Anspruch an die Pistenverhältnisse hoch. Denn Kitzbühel lockt ja bekanntlich Promis – und solche, die sich dafür halten – aus allen Ecken der Welt hierher. Die überdurchschnittliche Zahl an Luxus-Hotelbetrieben und das Après-Ski mit zig Events machen Kitzbühel den ganzen Winter über zu Österreichs Meeting Point der Snow-Society.

Gemütlich schaukelt der Lift wieder Richtung Pengelstein und seinem grandiosen Alpenpanorama. Seit vier Stunden wedeln und carven wir durch die Kitzbüheler Alpen – ohne langen Einkehrschwung, denn wir wollen bloß keine Zeit verplempern. Ein Kribbeln bemächtigt sich meiner Oberschenkel. Stefan grinst. „Wir haben jetzt erst die Hälfte des Gebiets abgefahren", sagt er trocken.

Die ersten Pistenraupen kriechen die Abfahrten hoch, schwarze Tannen werfen immer längere Schatten. Der Skitag neigt sich dem Ende. Einen Geheimtipp gibt es dann doch noch: Hochsaukaser, im Plan eingezeichnet als schwarze Piste. „Ist aber nur am Anfangsstück ein bisschen schwieriger“, sagt Stefan vertrauensvoll. Also nix wie hin. Meine Chance, den Eindruck von der Streif am Vormittag wieder gut zu machen.

Breit wie mehrere Autobahnen, feinster Neuschnee mit anliegenden Tiefschneehängen präsentiert sich Stefans Insider-Tipp. Und verstehe, wer will: Wir sind auf dem Hochsaukaser, dieser extrem tollen Piste, völlig alleine. Eine echte Überraschung! Und genau dafür ist Kitzbühel immer gut. Natalie Dertinger

 

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