Theaterakademie August Everding Thornton Wilder „Wir sind noch einmal davongekommen“ als Livestream

Neun Schauspieler ergeben „Mischgesichter“. Foto: Theaterakademie

Der Abschlussjahrgang Schauspiel der Theaterakademie verwandelt Thornton Wilders „Wir sind noch einmal davongekommen“ in einen flotten Live-Stream

 

Irgendwann, als Pausen-Unterhaltung zwischen den zwei Akten dieser Live-Videokonferenz, sieht man nur die Gesichter der Schauspieler im Close-Up. Und sie gehen noch näher an ihre Kameras ran, bis nur einzelne Gesichtsteile zu sehen sind, verziehen die Münder, blecken die Zähne, lassen die Augenbrauen tanzen, im Takt einer Jazz-Musik, die so heiter-beschwingt ist wie dieses ganze Intermezzo.

Jede und jeder macht zur Musik ein bisschen Gesichtsgymnastik, wobei die Stirnen, Augenpartien und Münder, zusammengestapelt in drei Spalten und drei Reihen, kuriose Misch-Gesichter ergeben. Ja, so kreativ kann man sich im Rahmen der mittlerweile allseits bekannten Ästhetik der Live-Videokonferenzen etwas Irres zusammenbasteln: neue Gesichter, neue Identitäten, ja, eine neue Form des Theaters.

Von drei teils biblischen Katastrophen handelt Thornton Wilders Stück, das sich der Abschlussjahrgang Schauspiel der Theaterakademie August Everding auf der Bühne vornehmen wollte und nun kurzerhand ins Netz verlegte. So mussten selbst die Proben für Wilders „Wir sind noch einmal davongekommen“ im Virtuellen stattfinden.

Wie ein psychedelischer Comic

Vor allem auch technische Aufgaben stellten sich Regisseur Marcel Kohler und seinem Team. Sie fällten einige markante Entscheidungen, allen voran, dass die Ton-Ebene mitsamt der Musik (akustische Regie: Nils Strunk) vorab aufgenommen und damit von der live gezeigten visuellen Ebene abgekoppelt wurde. So konnte man zwar den kurzen Verzögerungen der Redebeiträge einer Live-Video-Konferenz entkommen, musste das Ensemble aber gleichzeitig in lippensynchronem Stummfilm-Spiel trainieren.

Nicht nur das machen sie hervorragend: Mit knallbunt geschminktem Gesichtern, als ob ihre Figuren der Commedia dell’arte oder einem psychedelischen Comic entsprungen sind, folgen sie mit Verve, passend zu den Kästchen, in denen sie hocken, einer ausgetüftelt-kleinteiligen Choreographie. Schon die Vorlage hatte aufgrund der schnittigen Szenenabfolge einen Hang zur Nummernrevue, was die Live-Streamer nun immerhin angenehm von den Zwängen einer stringenten Dramaturgie befreit.

Gradlinig ist ja in dieser Welt sowieso nichts (mehr), und wenn sie schon so fatal aus dem Ruder läuft, stürzt eben auch das Theater fröhlich ins Chaos. Noch während des Zweiten Weltkriegs schrieb US-Schriftsteller Wilder dieses Theaterwerk, das 1942 in New Haven, Connecticut, uraufgeführt wurde. Eine vierköpfige Familie plus Haushälterin stemmt sich darin gegen die Katastrophen der Menschheitsgeschichte: von der Eiszeit über die Sintflut bis hin zum gerade stattfindenden Weltkrieg.

Auch die Erfindung des Hebels lässt sich körperlich darstellen

Einen dritten Kriegs-Akt haben sich Kohler und die Abschlussklasse gespart. Gute Entscheidung: Viel länger als eine Stunde sollte ein Live-Stream nicht sein. Dass bei einer Video-Konferenz meist frontal in die Kamera gesprochen wird, stört zudem nicht. Denn Thornton Wilder zeigte bei seinem absurden Familiendrama sowieso schon einen starken Hang zum epischen Theater. Sprich: Aufbrechen der vierten Wand, direkte Publikumsansprache, eingestreute Reflektionen über die Theatersituation.

Eine Erzählerin führt zu Beginn des Live-Streams in den Reigen ein, und für das, was sie sagt, fanden sich einige lustige Illustrationen: Der Patriarch, Herr Antrobus, hat etwa angeblich das Rad erfunden – und dann schlägt eben eine Schauspielerin in ihrem Kästchen, zu Hause bei sich, ein Rad. Und natürlich: Auch die Erfindung des Hebels lässt sich körperlich darstellen.

Was es für Möglichkeiten gibt, die Grenzen der Kästchen zu sprengen, von einem Bild ins andere zu spielen, haben Regisseur Kohler und sein Team ausgiebig ausgetestet: Da wird in dem einen Quadrat ein Kuss geschmatzt und im anderen landet ein Kussmund auf der Backe. Oder hier gießt die Frau des Hauses ein Getränk ein, dort landet die Flüssigkeit in der Tasse des Gastes. Dabei ist dem Ensemble bewusst, dass gerade jetzt höchste Tröpfcheninfektionsgefahr besteht: Wenn Frau Antrobus in einer Rede vor versammelter Gesellschaft immer wieder niesen muss, desinfizieren die Zuhörer sich brav die Hände und schauen dabei dank aufgesetzter Playmobil-Köpfe sogar recht gut gelaunt aus.

Rasant und ideenreich

Schon bei Wilder zeigten sich die Parademittelständler überraschend krisenresistent. Und sogar sozial gesinnt: Selbst die Flüchtlinge Homer und Moses nehmen sie nach kurzem Streit bei sich auf. Die Eiszeit kommt, aber die überlebt die Familie Androbus genauso wie die Sintflut. Vater und Mutter beweisen als Wiedergänger von Adam und Eva Pioniergeist und lassen auch ihren Sohn Henry, der als verkapptes Abbild von Brudermörder Kain in seiner Klasse gemobbt wird, nicht hängen. Auf ihren Smartphones lassen die Spieler per Wischverfahren die Post-Wilder-Weltgeschichte Revue passieren. Trump taucht auf, Klimaaktivistin Greta und einige mehr. Klar wird: Wir haben bereits einiges an Unheil überstanden. Und stecken mittendrin in weiteren Desastern, mit und ohne Virus.

Das Corona-gebeutelte Theater versucht sich in die Live-Cam-Performance zu retten und macht sich die Stilmittel des (Stumm-)Films zu Eigen. Was letztlich herauskommt, ist: ebenfalls ein Film, in kleinen Kästchen. Wenn er so rasant und ideenreich abläuft, schaut man sehr gerne zu.
 

 

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