Theater Spielerisch realistisch, kindlich politisch

Regisseur Miura macht uns Zuschauer zu Voyeuren durch ein Fenster in eine WG: „Castle of Dreams“ (noch heute und morgen im i-camp). Foto: SpAF

Das internationale SpielArt-Festival läuft: Japan ist radikal, Brüssel politisch

 

Offiziell hat dieses packende Festival zwar kein Thema. Dennoch dominieren die harten Fragen: Wie soll man leben, was ist Glück? Die Untersuchungen könnten nicht konträrer sein als in den beiden Theaterproduktionen aus Japan zur Eröffnung.

Streng züchtigten Regisseur Toshiki Okada und die Gruppe chelfitsch das Publikum mit „The Sonic Life of a Giant Tortoise”. Die Riesenschildkröte - wohl die japanische Gesellschaft - hört eine endlos plappernde Selbstreflexion des Ich-Erzählers. Fünf Darsteller sprechen wechselweise, ohne eine Rolle zu spielen. Okada trennt im kopflastigen Diskurs bewusst Bewegung von Text. Überdimensionierte, abstrahierte Alltagsgesten konterkarieren die Suche eines angepassten Enddreißigers nach echten Gefühlen: Wäre seine Freundin tot, könnte er wenigstens Schmerz empfinden. Er verliert sich in einer U-Bahn, gerät in eine Party und sehnt sich nach „wirklichem Leben”.

Vögeln, Saufen, Fressen, Torkeln

Radikal ins naturalistisch-sinnliche Extrem treibt der Regisseur Daisuke Miura mit der Gruppe potudo-ru seine acht Bewohner des „Castle of Dreams". Das Schloss der Träume ist eine Ein-Zimmer-WG mit Matratzenlager, eine Trashbude, voller Anime- und Pop-Kitsch. Da gibt's nur wort- und wahlloses Vögeln, Saufen, Fressen, TV-Apathie, Torkeln und Kriechen zum Kühlschrank. Am Ende weint ein Mädchen im Schlaf - niemand reagiert.

Und trotz aller bis zur Ejakulation realistisch gezeigten Sexszenen ist dieses schonungslose Ausstellen eines perspektivlosen Dahinvegetierens nicht obszön. Es ist raffiniert und virtuos durchkomponiert bis zu kleinsten Gesten und Geräuschen: ein perfektes Kunstwerk – mit erschreckender Aussage. Denn es dürfte auch bei uns und Amerika genug solcher (Nicht-) Existenzen geben (heute, morgen im i-camp).

Warten auf den Scheich

So bewusstlos werden hoffentlich die Kids zwischen acht und 14 einmal nicht leben, die die britisch-deutsche Truppe Gob Squad in „Before Your Very Eyes” zu ihren Zukunftserwartungen befragt und sie mit Maskierungen verschiedene Lebensalter simulieren lässt. Die Ergebnisse („Was würde ich mit Mitte 40 anders gemacht haben wollen?”) sind nicht gerade relevant, aber aus dem Mund entzückend frischer Kinder stoßen sie zum Nachdenken an.

Die verpatzte Zukunft einer Region zeichnet das Künstlerduo Berlin aus Brüssel mit seiner Video-Installation „Tagfish”: Da sitzen Lokalpolitiker per Video am Konferenztisch und warten auf einen Scheich, der angeblich in den Ausbau der Zeche Zollverein zur Designstadt investieren will. Pech gehabt. Die intelligente Collage von Interviews mit den realen Planern des realen Projekts macht viel klar über Kommunikationsprobleme in der Politik.

Eine zauberhafte Randglosse bieten die beiden Finnen Juha Valkeapää und Taito Hoffrén mit „10 Journeys to a Place Where Nothing Happens” im Zelt hinter dem Gasteig. Auch Warten, Schweigen, Pfannkuchenbacken und Erzählen von Geschichten, in denen nichts passiert, kann eine Lebensform sein. Bis Mittwoch – die Pfannkuchen sind unglaublich lecker-locker!

SpielArt-Festival, bis 4. Dez., www.spielart.org, Karten Tel. 0180 / 54818181

 

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